Ebola im Kongo: Viele halten die Seuche für eine Lüge.
„Die Ärzte lügen“Tödliche Mythen im Kongo: Warum viele nicht an Ebola glauben

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Für die Beisetzung verstorbener Ebola-Patienten bestehen strenge Sicherheitsregeln - nicht alle Angehörigen haben hierfür Verständnis. (Archivbild)
In der Provinz Ituri im Kongo geht die Furcht vor Ebola um. Zugleich gibt es aber auch eine massive Verdrängung und das Leugnen der Seuche. Zahlreiche Einwohner weigern sich zu akzeptieren, dass die tödliche Infektion mit über 1.000 Verdachtsfällen in ihr Leben getreten ist.
„Die Menschen können sich nicht dazu bringen, an die Krankheit zu glauben“, schilderte Ngone Ngobba Jean Claude aus dem Ort Lita gegenüber Helfern der Organisation Actionaid. „Manche glauben, sie wurde erfunden, um Geld zu machen, andere sagen, dass die Ärzte lügen oder dass man immun ist, wenn man hochprozentigen Alkohol trinkt.“
„Wir kämpfen nicht nur gegen ein tödliches Virus, sondern auch gegen Mythen, Angst und tief sitzendes Misstrauen“, so Saani Yakubu, der Landesdirektor von Actionaid in der DR Kongo. Laut Schätzungen des Hilfswerks hält rund ein Drittel der Bevölkerung in dem Gebiet Ebola für eine reine Erfindung.
Unermüdlicher Einsatz direkt bei den Menschen
Helfer vom Roten Kreuz, den Pfadfindern und weitere Ehrenamtliche leisten wichtige Informationsarbeit. Sie besuchen die Leute direkt zu Hause, um über die Seuche, die Übertragungswege und Schutzmaßnahmen zu reden.
Hinzu kommt: Die Absonderung, das Getrenntsein von der Familie und die besonderen Vorkehrungen bei der Beerdigung von Ebola-Toten widersprechen fundamental dem, was im Kongo wie auch in anderen afrikanischen Kulturen zählt.
Die Angst vor dem Alleinsein
Patienten oder Sterbende im Stich zu lassen, ist für viele Leute unvorstellbar. Nicht nur auf Kinderstationen in afrikanischen Kliniken wachen fast immer Familienmitglieder am Bett. Das hat damit zu tun, dass Patienten mit selbst gemachtem Essen versorgt werden, aber vor allem mit dem starken Zusammenhalt. In Momenten der Not soll kein Mensch ohne die Unterstützung seiner Familie sein.
„Viele Menschen haben Angst, in ein Krankenhaus zu gehen, weil sie Angst vor der Isolation haben“, erklärt die Tropenmedizinerin Gisela Schneider aus Tübingen, eine Kennerin der Ituri-Region. „Das bringt Menschen (mit Krankheitserscheinungen) dazu, ganz schnell woanders hinzugehen, damit man sie nicht findet und sie nicht in Quarantäne müssen.“
Verbotene Rituale schüren Wut
Auch Bestattungen, bei denen Familien nicht wie gewohnt am offenen Sarg von einem geliebten Menschen Abschied nehmen können, fachen die Furcht und den Widerstand gegen die Gesundheitsvorkehrungen an. „Unsere Tradition gebietet, dass wir Verstorbenen einen würdigen Abschied geben mit Zeremonien, bei denen der Tote gezeigt wird“, hebt Jean Marie Ezadri hervor, der eine zivile Organisation in Ituri vertritt.
Schon mehrmals gab es Attacken auf medizinische Zentren, weil Familien vergeblich die Übergabe der Leichname von Ebola-Opfern verlangt hatten.
„Manche Gemeinschaften werfen uns vor, die Leichen der Verstorbenen zu verstümmeln, wenn wir ein sicheres Begräbnis durchführen“, berichtet Serge Lemy, der Leiter des Roten Kreuzes in der Provinz Ituri.
Psychologe: „Das gab es bei HIV und Corona auch“
Die Tatsache, dass Seuchenausbrüche von Verschwörungsmythen begleitet werden, ist kein rein afrikanisches Phänomen. „Das hatten wir bei uns auch schon in den 80er Jahren bei HIV und dann wieder bei Corona“, sagt der Psychologe Roland Imhoff von der Universität Mainz. Dahinter stecke häufig ein Abwehrmechanismus. „Nachweisbare Fakten sind nicht das Einzige, was für uns bei der Informationsverarbeitung zählt. In unserem Alltag spielen auch andere Motive mit. Manchmal wollen wir uns zum Beispiel einfach sicherer fühlen.“ Die Erkrankung herunterzuspielen oder sie komplett zu leugnen, sei dann ein Weg zur Selbstberuhigung – frei nach dem Motto: Das ist alles erfunden, ich bin nicht wirklich gefährdet.
Doch wieso schenken so viele Leute Forschern, die mit überprüfbaren Fakten arbeiten, Misstrauen und glauben stattdessen Demagogen und den Erzählern von Verschwörungen? „Unser kognitiver Apparat ist darauf geeicht, Dinge für plausibler zu halten, die dem entsprechen, was wir sowieso schon glauben“, erklärt Imhoff. „Wir sind alle nicht so wahnsinnig gut darin, uns mit Gegenmeinungen auseinanderzusetzen. Prinzipiell halten wir Quellen für glaubwürdiger, die das bestätigen, was wir auch vorher schon geglaubt haben.“
Michael Butter, ein führender Experte für Verschwörungstheorien, benennt für den Widerstand gegen die Ebola-Maßnahmen in der DR Kongo aber auch ganz spezielle Gründe. „Hier spielt auf jeden Fall der Kolonialismus eine Rolle“, sagte der Professor aus Tübingen im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Die Nation blickt auf eine extrem brutale Historie zurück; sie war Teil des berüchtigten Kongo-Freistaats von Belgiens König Leopold II., der für den Tod von Millionen verantwortlich ist. „Aus dieser langen Geschichte der Unterdrückung haben Menschen eine grundlegende Skepsis gegenüber vermeintlichen Autoritäten mitgenommen und greifen deshalb unter Umständen gern auf andere Wissensquellen zurück, zumal wenn das, was dort gesagt wird, angenehmer ist.“
Tropenmedizinerin Schneider weist angesichts der jahrzehntelangen bewaffneten Konflikte im Ostkongo und Millionen Binnenvertriebenen darauf hin, dass der aktuelle Ausbruch eine „ohnehin hochtraumatisierte Bevölkerung“ erwischt hat. (dpa/red)
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