Serpil Unvars Sohn wurde ermordet. Ihr Kampf hat gerade erst begonnen.
Mutter eines Hanau-OpfersIhr unermüdlicher Kampf gegen Hass und das Vergessen

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Serpil Unvar spricht am Rednerpult.
Ein Schicksalsschlag von unvorstellbarer Härte: Der 19. Februar 2020 war der Tag, an dem Serpil Unvar ihren Sohn Ferhat verlor. Ein rechtsextremer Attentäter beendete in Hanau sein Leben sowie das von acht weiteren Personen. Mit nur 22 Jahren wurde Ferhat Unvar aus dem Leben gerissen. An diesem schrecklichen Abend war er mit Freunden in Hanau-Kesselstadt unterwegs, Ziel war die „Arena Bar“, ein beliebter Ort für ihn und seine Clique.
Ganz Deutschland war schockiert von dem Blutbad, das um etwa 21.50 Uhr begann. Zuerst schlug der Attentäter am Heumarkt in Hanau zu, wo er das Feuer eröffnete und Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu sowie Sedat Gürbüz tötete. Anschließend fuhr der 43-Jährige in seinem Wagen nach Hanau-Kesselstadt. Auf einem Parkplatz wurde Vili Viorel Păun sein nächstes Opfer, der ihm couragiert nachgefahren war. Momente danach drang der Täter in das „Arena Bar & Cafe“ ein. Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz und auch Ferhat Unvar starben durch seine Schüsse im Kiosk nebenan. Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtović wurden direkt in der Bar ermordet. Im Anschluss an diese Gräueltaten kehrte er zum Haus seiner Eltern zurück, erschoss seine Mutter und nahm sich dann selbst das Leben. Das berichtet „t-online“.
Über die Einzelheiten des Anschlags zu reden, ist für Serpil Unvar selbst nach langer Zeit eine Qual. Die Angst, alles noch einmal durchleben zu müssen, ist zu überwältigend. Trotzdem teilt sie ihre Gedanken über diesen unfassbaren Verlust. „Seit dem 19. Februar habe ich keine Angst mehr um mich selbst“, offenbart sie, eine Aussage voller Leid und zugleich Entschlossenheit. „Ein Privatleben gibt es für mich nicht mehr. Ich lebe mein Leben jetzt für andere.“ Sie ist zwar häufig von jungen Leuten umringt, die ihr Halt spenden, aber sie fühlt sich trotzdem „sehr müde“. Es gibt Momente, in denen sie nicht wisse, wie es weitergehen soll. Aber der Gedanke an Ferhat treibt sie an: „Ferhat hat mit seinem Leben bezahlt. Er ist nicht mehr da, deshalb habe ich keine andere Möglichkeit, als weiterzumachen.“ Sie beschreibt den Schmerz als den schlimmsten, den es gibt, einen, der niemals nachlassen wird. Ihre rhetorische Frage sagt alles: „Wovor soll ich noch Angst haben?“, fragt sie.
In der Vergangenheit war Angst ihr ständiger Begleiter, speziell die Furcht vor Männern. Aus eigener Erfahrung kennt sie das Gefühl, bedroht zu werden oder als Frau eine Trennung von einem Mann durchzustehen. „Wir werden bedroht und begeben uns in Lebensgefahr“, macht sie deutlich. Zahlreiche Frauen hätten nicht die Möglichkeit zur Scheidung, da es an Hilfe mangelt und sie gezwungen sind, weiterhin in einer bedrohlichen Lage zu verharren. Sie hat dies selbst 19 Jahre lang durchgemacht. Ihr erschütterndes Fazit: „Wir werden nicht ernst genommen, bis wir tot sind.“ Bestehende Gesetze böten keinen ausreichenden Schutz für Frauen, was die große Anzahl an Frauenmorden belege. Inzwischen fürchtet sie nicht mehr um sich selbst, sondern um ihre Tochter. Der Grund ist einfach: Sie kennt den Schmerz, ein Kind zu verlieren.
Ein Ausspruch von Ferhat wurde zu ihrer Mission: „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.“ Serpil Unvar stellt unmissverständlich fest: „Ich werde das Vergessen nicht zulassen.“ Sie stellt sich dem Ignorieren der Gesellschaft entgegen, weil dies die Situation nur verschlimmert. Der mangelnde soziale Zusammenhalt bereitet ihr Sorgen. Eine kaum zu ertragende Bürde ist die Tatsache, dass der Vater des Attentäters in ihrer Nachbarschaft wohnt. Für sie ist er ein „Mittäter“, der die Angehörigen mit Psychoterror überzieht. Er versucht, ihnen die Verantwortung für den Tod seines Sohnes und seiner Gattin aufzubürden. Dennoch denkt sie nicht daran, Hanau zu verlassen. Ihre Wohnung ist ein Schrein der Erinnerung an Ferhat, sein Zimmer wurde nicht verändert. „Ferhat lebt weiter mit mir“, bekräftigt sie.
Der Blick in die Zukunft erfüllt Serpil Unvar mit großer Besorgnis. Die Spaltung der Politik und aktuelle Wahlausgänge machen ihr schwer zu schaffen. „Ich habe Angst um meine Kinder. Ich will nicht noch mehr Kinder verlieren“, lautet ihre eindringliche Warnung. Um dem Hass konkret entgegenzuwirken, rief sie an Ferhats Geburtstag, dem 14. November 2020, die „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“ ins Leben. Die Organisation engagiert sich mit Seminaren und Reden gegen Rassismus und setzt sich für Mitgefühl, Menschlichkeit und Grundrechte ein. Ihre klare Ansage an alle lautet: „Wir dürfen Kinder nicht mit Hass großziehen.“ (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

