„Lasst ihnen bitte ihre Würde“23-Jähriger lebt freiwillig in Demenz-WG – sein Bericht rührt zutiefst

Teun Toebes (r.) im Gespräch mit einem Demenz-Heimbewohner.

Teun Toebes im Gespräch mit einem Heimbewohner. Der Titel des Buches, das der junge Mann geschrieben hat, sagt alles: „Der 21-Jährige, der freiwillig in ein Pflegeheim zog und von seinen Mitbewohnern mit Demenz lernte, was Menschlichkeit bedeutet“.

Der Niederländer Teun Toebes (23) lebt mit Demenzkranken zusammen. Und davon profitieren alle. Seine Erlebnisse sind bewegend.

Teun Toebes ist 23 Jahre alt, gelernter Altenpfleger. So weit, so normal. Das Besondere an dem jungen Niederländer: Er lebt seit Jahren nicht etwa mit Gleichaltrigen in einer WG, sondern freiwillig Tür an Tür mit alten Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

John, Ed, Elly, Tineke, Muriel und viele weitere zeigen ihm jeden Tag aufs Neue, wie wichtig es ist, Menschen mit Demenz wahrzunehmen und ihnen zuzuhören. Denn sie wollen kein Mitleid, sondern einfach noch zu dem dazugehören, was man Leben nennt.

Jungspund in „Demenz-WG“: Reaktionen junger Leute sind heftig

Wenn Teun auf einer Party erzählt, dass er mit Demenzkranken zusammenlebt, erntet er meist entsetzte Blicke. Sätze wie „Was hat das überhaupt für einen Sinn, irgendwo zu wohnen, wo dich jeder jeden Tag vergisst?“ oder „Erschieß mich lieber, wenn ich in so eine Einrichtung muss!“ bekomme er dann öfter von Gleichaltrigen zu hören.

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Doch wie sieht die Realität wirklich aus? Teun Toebes skizziert seine Erlebnisse im Buch „Der 21-Jährige, der freiwillig in ein Pflegeheim zog und von seinen Mitbewohnern mit Demenz lernte, was Menschlichkeit bedeutet“.

Etwa von John, Bauleiter mit Parkinson-Demenz, der ihm schon als 17 Jahre alter Praktikant die Augen öffnete. John: „Von der Diagnose an ging’s bergab, nicht so sehr mit mir selbst, sondern besonders damit, wie alle mit mir umgegangen sind und mit mir geredet haben. Ich wurde ständig mitleidig gefragt, ob es mir noch gut gehe.“

Was John besonders ärgerte, war auch die Tatsache, dass man ihn im Heim behandelte, als wäre er verrückt, zu nichts mehr zu gebrauchen. Teenie Teun merkte schnell, wie viel es John brachte, mit ihm ein Eis essen zu gehen oder ihm einen schlüpfrigen Witz zu erzählen.

Eine Erfahrung, die ihn prägte, um schließlich ganz in ein Heim zu ziehen. In Räumen mit kargen Wänden und Linoleumböden, vielen Beschränkungen und so wenig Ausgang, dass Gefängnisinsassen protestieren würden, wie er sagt. Dabei würden doch gerade Menschen, die immer vergesslicher und verwirrter werden, ein Bedürfnis nach menschlichem Kontakt und Freundschaft haben.

Demenz-Patienten: Oft sind es die kleinen Dinge, die helfen

Zu den wenigen Stereotypen, die wirklich zutreffen, gehöre, dass Personen mit Demenz irgendwann wirklich vergessen, wie man mit Besteck isst oder die Toilette benutzt. Toebes: „Wie froh ist man dann, wenn ein Freund, ein Familienmitglied oder ein Pfleger einen nicht auslacht oder schmutzig ins Bett steckt, sondern einen liebevoll behandelt, einen wäscht, das Zimmer sauber macht und einen in frischen Kleidern wieder nach draußen schickt.“

Kleidung, auch so eine Sache. Bei Muriel, einer richtigen Grande Dame, beobachtet Toebes, wie wichtig es ihr ist, gut angezogen zu sein. Man würde ihr ihre Würde nehmen, wenn sie in einem Joggingpullover dahinvegetieren müsste. Bei anderen stellt er fest, dass sie total aufblühen, wenn er mit ihnen TikTok-Tänze nachmacht – ganz zu schweigen vom Wischen auf Tinder. Nehmen Sie hier an unserer Umfrage teil:

Der junge Mann lacht: „Hier habe ich im Gegensatz zu einer WG das Privileg, immer die Person zu sein, die die neuesten Entwicklungen kennt.“ Alle seien begeistert von diesen neuen Dingen und Welten. Teun hoffe, dass die Kraft der Wiederholung ihre Wirkung entfalte. „Den Geist und die Sinne anzuregen, ist für jeden lebenswichtig – vor allem für die an Demenz erkrankten Menschen.“

Denn wenn die Umgebung im Pflegeheim fast keine Anreize biete, die Aussicht monoton sei und die Bewohner untereinander kaum anregende Beziehungen unterhielten, weil sie alle im selben Boot sitzen, was solle sie dann noch motivieren? Dabei seien es oft schon kleine Dinge, mit denen man ihnen das Leben erleichtere, merkt er. Der Vater eines Freundes zum Beispiel verkrampfte immer fürchterlich bei der Morgentoilette – bis sein Sohn sich daran erinnerte, dass der Vater früher beim Aufstehen immer Musik gehört habe. Playlist mit der Lieblingsmusik an – prompt ließ er sich entspannt waschen.

Teun hat zum Beispiel gelernt, dass Elly sich wohlfühlt, wenn man sie umarmt, Tineke angesprochen werden will und man bei Leni winken muss, bevor man etwas sagt. Sein Fazit: „Nur wenn wir weiterhin den Menschen sehen, wird er nie verschwinden.“

Wie muss ich mir das Leben mit Demenz vorstellen?

Prof. Dr. Gabriele Wilz in einem AOK-Report: „Als wären Sie in einem fremden Land: Sie kennen die Sprache nicht, die Schrift nicht und gehen dort verloren. Man bekommt Angst, wird unruhig, ist frustriert. All diese emotionalen Belastungssymptome, die Menschen mit Demenz erleben, weil sie sich im Alltag nicht mehr zurechtfinden können, lassen sich so gut nachvollziehen.“

Ist es „nur das Alter“ oder schon Demenz?

Sind es ganz normale Alterserscheinungen, oder schon Zeichen einer Demenzerkrankung? Hier gibt es eine erste Orientierung, die aber auf gar keinen Fall Rat/Diagnose/Einschätzung einer Ärztin beziehungsweise eines Arztes ersetzen kann. 

  • Normale Alterserscheinungen: Gedächtnisprobleme.
    Mögliches Anzeichen von Demenz: sich kontinuierlich verschlechternde Gedächtnisstörung (zu Beginn heißt das vielleicht auch erst einmal nur, sich immer schlechter Neues merken und einprägen zu können).
  • Normale Alterserscheinung: gefestigte Denkmuster.
    Mögliches Anzeichen von Demenz: Schwierigkeiten, alltägliche Handlungen zu planen, geistige Unflexibilität.
  • Normale Alterserscheinung: langsameres Verarbeiten neuer Informationen.
    Mögliches Anzeichen von Demenz: räumliche und zeitliche Desorientierung, Wortfindungsstörungen oder auch Verhaltensstörungen, Aggressionen in Sprache und Verhalten, die neu auftreten, ein beschleunigter, fortschreitender Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit.

Was genau ist eine Demenz – und warum erkranken Frauen öfter?

Demenzen sind in der Regel langsam beginnende Abbauprozesse, die sich über Jahre hinziehen können. Bei einer abrupt einsetzenden geistigen Änderung muss eher an Schlaganfall und Co. gedacht werden.

Die Häufigkeit einer Demenz erhöht sich mit dem Alter. Etwa 2,5 Prozent aller 60- bis 70-Jährigen, etwa fünf Prozent aller 70- bis 80-Jährigen und etwa 20 Prozent aller 80- bis 90-Jährigen erkranken an einer Demenz. Frauen übrigens doppelt so häufig wie Männer. Es gibt Hinweise, dass ein Östrogenmangel oder eine zu heftige Reaktion auf entzündliche Prozesse bei Frauen zu diesem Unterschied beitragen.