Flutkatastrophe Pulheimer Helfer spricht über Warnungen: „Es hätte niemand sterben müssen“

Unmittelbar nach der Flut kippen Helfer Schlamm aus Eimern in einem Haus in Dernau (Ahrtal)

Helfer leeren in Dernau Wassereimer. Das Foto entstand am 22. Juli.

Der Sommer ist fast vorbei, doch die Sorgen in der Flutregion sind es knapp acht Wochen nach dem Drama noch lange nicht. Markus Wipperfürth schildert die Lage.

Pulheim/Köln.  Seit Wochen schuftet er unermüdlich im Ahrtal. Beim Besuch in der EXPRESS.de-Redaktion berichtete Helfer Markus Wipperfürth über die Situation vor Ort und die Folgen der Flutkatastrophe.

Lesen Sie nach Teil 1 des Interviews mit Markus Wipperfürth hier Teil 2 des aufgezeichneten und von ihm autorisierten Gesprächs.

Zu Beginn der Katastrophe gab es ja fast keine Funkverbindung. Wie haben Sie ohne stabiles Netz die Menschen auf Ihren Social-Media-Kanälen informieren können?

Das war ein Riesenproblem. Die Aufrufe gingen nur vom Berg aus raus. Nur dort gab es Empfang. Viele Leute haben auf meine Infos gewartet, und es ging nur über Facebook.

Trifft man eigentlich noch Kinder im Ahrtal?

Es ist ziemlich kinderlos da. Das ist auch besser so. Es kann immer noch sein, dass man nicht alltägliche Dinge dort findet. Das Riesenproblem, das wir kriegen, ist, dass wir in die dunkle Jahreszeit kommen. Die Suizidrate ist hoch. Die Leute haben nichts mehr. Du kommst da morgens hin und ein Suizid ist passiert.

Was bringen die finanziellen Soforthilfen?

Lächerlich. Wenn mir das passiert wäre, und ich habe hohe Kredite für meine Maschinen, das wäre ein Witz. Was sind 5000 Euro für einen Gewerblichen, der alles verloren hat? Da kann er überspitzt gesagt zu machen!

Markus Wipperfürth und Ralf Klohr (rechts) am Neven DuMont Haus

Streitbarer Geist: Markus Wipperfürth (rechts) am 13. September 2021 beim Besuch im Neven DuMont Haus an der Seite von DuMont-Mitarbeiter Ralf Klohr.

Was sind die größten Baustellen, die jetzt angegangen werden müssen für den Winter?

Das Heizungssystem und die Gasversorgung sind ein Riesenproblem. Und für die Anschaffungen brauchen viele wieder Genehmigungen, die sich extrem in die Länge ziehen. Das war unkompliziert, als wir losgelegt haben. Weil wir Landwirte, Bauunternehmer und Glasbauer alleine waren und einfach gemacht haben. Aber sobald sich Behörden einschalten, wird es kompliziert. Und diese Zeit haben die Menschen im Ahrtal gerade nicht.

Wann sehen Sie Ihre Aufgabe als erledigt an? Wie lange machen Sie noch weiter?

So lange ich gebraucht werde. Ich fahre jetzt mit meiner Frau zwei Tage an die Nordsee, mehr ist nicht drin. Ich habe Angst, dass, wenn ich aufhöre präsent zu sein, dass dann vielleicht die Hilfe abebbt.

Was kann man jetzt tun, damit so eine Katastrophe sich nicht wiederholt?

Ich bin das ganze Ahrtal hochgefahren. Wenn 200 Liter Regenwasser pro Quadratmeter fallen, kannst du nur beten. Doch ich sage auch: Es hätte niemand sterben müssen. Ein Freund von mir hat drei Tage zuvor gesagt: „Bereite dich vor, wir kriegen ein Unwetter.“ Er hat am 11. Juli einen Post gemacht und gewarnt: „Räumt die Campingplätze.“ Und es ist genau so gekommen, wie er es vorhergesehen hat. Es ist einfach nicht evakuiert worden. Natürlich hört man viele Gerüchte, was zum Beispiel mancher Amtsträger privat noch rechtzeitig hat retten lassen. In dem Tal ist vieles im Argen!

Markus Wipperfürth: „Rechts würde ich nicht wählen“

Die heftigen Unwetter sind eine Folge des Klimawandels, und am 26. September ist Bundestagswahl. Um die Klimakrise ernsthaft anzugehen: Wie sollte man sich bei der Wahl entscheiden?

Ich würde die Partei wählen, die die Sache wissenschaftlich angeht. Nicht Leute, die sich profilieren wollen. Ich bin total parteilos, es ist mir egal. Rechts würde ich nicht wählen.

Markus Wipperfürth, Landwirt, vor der Flutkastrophe.

Privatmensch: Markus Wipperfürth (hier auf einem undatierten Foto) hat nach eigenen Angaben drei Reitanlagen.

Bei all dem Leid, das Sie schildern: Gibt es auch positive Botschaften?

Es war schlimm, dass die Katastrophe passiert ist. Aber was dann kam, ist einmalig. Es gibt Universitäten, die jetzt Studien zu dieser Solidarität machen wollen und auf mich zukommen. In den Helfer-Shuttlen, die Hunderte Leute ins Flutgebiet bringen, sind alle gleich. Es ist egal was oder wer du bist. Das sieht aus wie im gallischen Dorf manchmal. Wir haben alle Berufsgruppen da, Ingenieure, Schmiede, Akademiker, Hartz-IV-Empfänger. Die Leute sind direkt befreundet, denn sie sind alle aus dem gleichen Grund da. Die Religion – egal. Die von der Moschee in Köln haben 700 Essen am Tag gespendet. Es sind Pakistani vor Ort, die haben „Wir sind Deutschland“ auf dem Shirt stehen. Sie haben wochenlang gekocht für uns.

Haben Sie eine Schlussbotschaft für alle, die noch helfen wollen?

Den Menschen muss klar sein, dass das Ahrtal nicht mal eben so zu reparieren ist. Wir sitzen in Köln, da ist alles wunderbar. Aber die Menschen dort sind am Ende. Und sie brauchen Hilfe. Ob man selber hinfährt und mit anpackt, sich mit Sach- oder Geldspenden beteiligt oder den Leuten einfach mal zuhört – alles ist besser, als nichts zu tun.

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