Fluthelfer berichtet exklusiv So ist die Lage zwei Monate nach der Katastrophe im Ahrtal

Zwei Männer packen am 15. Juli 2021 in Schuld im Ahrtal mit an

Zwei Männer packen am 15. Juli 2021 in Schuld im Ahrtal mit an. Auch zwei Monate nach der Flut gibt es noch viel zu tun.

Acht Wochen ist die Flut her, doch das Ausmaß der Katastrophe ist noch immer nicht absehbar. Beim Besuch bei EXPRESS.de schildert Markus Wipperfürth den Status Quo im Ahrtal. Was er berichtet, sorgt für Gänsehaut.

Pulheim/Ahrweiler. Der Pulheimer Landwirt engagiert sich von der ersten Stunde des Dramas an freiwillig und unentgeltlich für die Betroffenen, war seither fast täglich rund um die Uhr vor Ort.

Mit Live-Videos in den sozialen Netzwerken mobilisierte Markus Wipperfürth selbständig tausende Helfer aus ganz Deutschland und eckte mit den Behörden an.

Der streitbare Geist macht auch beim Besuch in unserer Redaktion aus seinem Herzen keine Mördergrube. Lesen Sie hier Teil 1 des großen Interviews, das von ihm autorisiert wurde und uns als Tonaufnahme vorliegt.

Für Teil 2 des Gesprächs mit Markus Wipperfürth einfach hier klicken.

Markus Wipperfürth beim EXPRESS-Besuch

Markus Wipperfürth hilft seit Tag 1 der Katastrophe im Ahrtal. Am 14. September besuchte er die EXPRESS.de-Redaktion.

Herr Wipperfürth, erinnern Sie sich, wie es losging?

Ich bin morgens am 15. Juli hin – und dann waren wir alleine. Es waren nur zwei Feuerwehrleute da, und die waren nach zwei Stunden weg. Das Alleinsein hatten nicht nur wir, sondern die Anwohner. Was wäre gewesen, wenn wir nicht mit 2000 Bauern aufgeräumt hätten? In den ersten fünf Tagen war kein THW, keine Bundeswehr da. Wir haben allein die Leichen geborgen. Nach meinen Aufrufen in den Social-Media-Kanälen sind dann die Bauern losgefahren.

Flutkatastrophe: Pulheimer Helfer schildert Status quo im Ahrtal

Wie kamen Sie dazu, diese Kanäle anzulegen?

Mich hat gestört, dass so oft auf die Bauern eingedroschen wird. Ich dachte mir: Ich zeig einfach, was wir machen. Schnell hatte ich 70.000 Abonnenten und die Bauern kannten mich. Ich bin kritisch und sage, was ich denke. Auch im Ahrtal. Und es wurde vieles falsch mitgeteilt: Ich dachte mir, wo sind denn die 12.000 Helfer aus dem Radio, wenn wir es doch sind, die hier die Leichen bergen? Aus Sicht des Katastrophenschutzes ist alles schief gegangen.

Mayschoss Anfang August 2021 nach der FLutkatastrophe.

Viele Dörfer sind weiterhin voller Schlamm und zerstört. Das Foto zeigt den Ort Mayschoss im Ahrtal Anfang August.

Sie polarisieren!

Weil ich kritisch bin und die Politik bloß stellte, wollte man mich in die rechte Ecke stellen und als Querdenker darstellen. Um mich mundtot zu machen. Aber das hat nicht geklappt, denn ich bin kein Querdenker, bin zum Beispiel zweimal geimpft, und ich konnte das über meine Kanäle kommunizieren.

Was setzte sich in Bewegung?

Die Katastrophe war wichtig, um zu zeigen, wozu wir Menschen fähig sind. Mein Aufruf war immer: Komm einfach her helfen, egal was du kannst. Was sich aus dem Nichts heraus entwickelt hat, ist unfassbar. Was wir da aufgebaut haben. Die Leute haben ja nichts mehr. Es ist so, als würde einer bei dir einbrechen, alles mitnehmen inklusive das Leben deiner Frau. Das musste ich erst mal kapieren, als ich da unten ankam.

Markus Wipperfürth: Das Ahrtal darf nicht vergessen werden!

Haben Sie Beispiele?

Als ich ankam, lief mir eine alte Frau im Matsch entgegen. Ich sagte: „Ziehen Sie doch mal andere Schuhe an.“ Sie führte mich in ihr ruiniertes Haus, in dem der Schlamm bis zum Knie stand, und sagte: „Hier standen meine Schuhe.“ Ich habe nichts beschönigt, ich habe gezeigt, wie es ist. Die Menschen haben nichts mehr. Wer hin fährt ins Ahrtal oder meine Beiträge sieht, versteht es. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist durch ganz Deutschland geschwappt. Das möchte ich hochhalten. Das Ahrtal darf nicht vergessen werden. Wir sind immer noch am Entrümpeln.

Sie sind der Boss?

Es gibt keine Hierarchie bei uns. Jeder macht das, was er kann. Ich hatte Panik, das wir es niemals schaffen, das wegzuräumen – da habe ich einen Aufruf gemacht. Direkt haben sich 50 Traktoren aus dem Westerwald auf den Weg gemacht. „Schaut auf die Google-Maps-Karte. Ihr seht, wie die Ahr fließt“, habe ich denen gesagt. Die Leute sind aus dem Leben, sehen die Arbeit, man musste nichts erklären. Es waren schnell 2000 Maschinen da. Da haben sich Leute zu Hause Gedanken und dann auf den Weg gemacht.

Wovon leben Sie?

Mir geht es nicht schlecht. Wir haben drei Reitanlagen, einen Lohnbetrieb und Landwirtschaft. Die ersten drei Tage habe ich durchgearbeitet. Du kannst nicht schlafen, bist voller Adrenalin. Drei Tage habe ich nicht geduscht, ich stank wie ein Alki. Die Suppe lief mir von den ganzen Sekreten immer in den Kragen. Ich sagte meiner Frau bei der Abfahrt: „Bis heute Abend.“ Am Abend musste ich beichten: „Beate, ich muss hierbleiben. Wir müssen hier Menschen noch rausholen.“ Und dann bin ich dageblieben.

Es gibt Gruppen, die für Sie das Bundesverdienstkreuz fordern.

Ich bin interessant für viele Menschen. Diese Anerkennung würde ich nie annehmen, weil ich einer von vielen tausend Helfern bin. Wenn, dann nur stellvertretend für die alle.

Was ist mit Ihrer Kappe, die versteigert werden sollte?

80.000 Euro sollte sie bei Ebay bringen, aber das war ein Spaßbieten. Doch mit T-Shirts haben wir 150.000 Euro über meinen Kanal eingenommen. Meine Kosten muss ich decken, ich habe auch einen Medienanwalt inzwischen, da viele gegen mich schießen, ich hätte zu viel Macht. Dabei ziehe ich meine Energie aus ganz anderen Dingen: Ich bin Schwalbenfreak, Naturfreak und FC-Fan. Ich bin nicht hin ins Tal als Selbstdarsteller, sondern um zu helfen als Traktorfahrer. Alles was durch mich an Einnahmen kommt, kommt ins Ahrtal.

Wie haben Sie diesen Wahnsinn mental verarbeitet?

Am Anfang hatte ich ein Problem mit dem klarzukommen, dass es einem zu Hause gut geht und eine Stunde entfernt diese Katastrophe herrscht: Ich hab es nicht ertragen, dass Leute im Restaurant in Bonn am Nebentisch am Lachen waren. Ich bin um 5 Uhr aufgestanden, bin um 6 ins Ahrtal hin, war um 7 Uhr da, und kam möglichst spät zurück, nur um das normale Leben nicht direkt wieder zu erleben. Ich hatte auch Angst, natürlich.

Wovor?

Ein Beispiel. Stellen Sie sich vor: Alle Straßen sich verschlammt und man sieht einen Kanaldeckel (an einer anderen Stelle als er hingehört, Anmerkung der Redaktion) liegen. Ich dachte immer: Wenn einer in den Schacht reintritt, ist der weg. Ich habe echt gebetet, dass keinem der Helfer was passiert, ich hatte ja dazu aufgerufen, dass sie kommen.


Sie möchten helfen? Dann spenden Sie!

Bei der Hilfsaktion des DuMont-Verlags haben sich die drei großen Kölner Medien EXPRESS.de, „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnische Rundschau“ und ihre Verlage mit den beiden großen Geldinstituten Sparkasse KölnBonn und Kreissparkasse Köln zusammengetan und eine sechsstellige Summe an die „Aktion Deutschland Hilft“, dem Bündnis deutscher Hilfsorganisationen, gespendet.

Wenn auch Sie helfen wollen, können Sie Ihre Spende auf das folgende Konto überweisen:

Empfänger: Aktion Deutschland Hilft

Institut: Bank für Sozialwirtschaft

IBAN: DE62 3702 0500 0000 1020 30

Spendenstichwort: KStA-Fluthilfe


Was ist Ihr Wunsch jetzt?

Das Ahrtal darf nicht vergessen werden. Es gibt noch immer Stellen, wo noch keiner war. Man wird dort auch noch Leichen finden. Man muss weiter die Leute in Deutschland aktivieren zu helfen und zu spenden. Die Betroffenen brauchen Hoffnung. Man muss das Ahrtal sehen, dann sieht man, was ich meine. Das Spielcasino dort zum Beispiel sieht aus, als wäre ein Bomber drüber geflogen. Wir brauchen auch mehr Seelsorger. Es kann nicht sein, dass ein Baggerfahrer damit klarkommen muss, wenn er einen Arm oder ein Bein (von einer Leiche, Anmerkung der Redaktion) in der Schaufel hat. Ja, das ist die Realität.

War die Flut an Hilfsbereitschaft zu erwarten?

Nein. Mich riefen sogar die Feldjäger an. Die hatten beim Krisenstab niemanden erreicht. Viele sagen mir: Wegen Dir bin ich hier. Die hatten meine Videos gesehen und haben geheult. Die sind ja auch surreal: Ich hab einen Mann interviewt, der sagt, er sei FC-Fan, auf einmal sagt er im Nebensatz: „Am nächsten Tag habe ich meine Mutter aus dem Erdgeschoss geholt, die war tot. Das Wasser stand unten schon drin.“ Es ist eine andere Welt. Es sind Sachen passiert…

Im durch das Hochwasser stark verwüsteten Ahrtal gehen die Aufräumarbeiten unvermindert weiter.

Bad Neuenahr-Ahrweiler nach der Hochwasserkatastrophe, aufgenommen am 25.Juli.

Schildern Sie bitte.

Nehmen Sie die Friedhöfe: Gräber sind komplett weggeschwommen. Und der Spruch „Ich muss nochmal ins Haus rein was holen“ hat viele Menschen-, auch Kinderleben gekostet. Die Soldaten erzählten alle, in Afghanistan sei es nicht so schlimm gewesen wie hier im Ahrtal. Es war eine Apokalypse.

Wie kamen dann die Bilder vom lachenden Armin Laschet bei Ihnen an?

Überhaupt nicht gut. Damit hat er sich alles versaut. Ich bin nicht politisch, mein Kopf ist nur im Ahrtal. Aber ich denke: Für ihn war es das. Wenn man seinen Namen hört, hat man dieses Lachen im Kopf.

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