„Eine Warnung an alle“ So reagiert die weltweite Presse auf die Unwetter-Katastrophe 

Häuser und Autos überflutet: Neben Rheinland-Pfalz wurden Orte in NRW wie etwa Erftstadt am schlimmsten von den Unwettern getroffen.

Erftstadt: Autos schwimmen am 17. Juli 2021 auf der überfluteten Bundesstraße 265 im Wasser. Neben Rheinland-Pfalz wurden Orte in NRW am schlimmsten von den Unwettern getroffen.

Belgien, Österreich, Großbritannien und Co.: Auch die europäische und sogar weltweite Presse berichtet über das Unwetter in NRW und Rheinland-Pfalz. Thema ist außerdem die Auswirkung der Hochwasser-Katastrophe auf den deutschen Wahlkampf vor der diesjährigen Bundestagswahl.

Köln. „Die Warnungen klingen seit Jahrzehnten in unseren Ohren“, „Folgen für die Ausgänge der Wahl unvorhersehbar“, „die Bewusstwerdung entwickelt sich im Schneckentempo, auf Worte folgen nur langsam Taten“ oder „die Gesellschaft muss sich besser vor den Folgen der Klimaerwärmung schützen“ – die Reaktionen der internationalen Presse zu den aktuellen Unwetter-Ereignissen in Deutschland (hier zu den inländischen Stimmen) schlagen oftmals einen ähnlichen Ton an. 

Internationale Pressestimmen zur Hochwasser-Katastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz

Die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ bringt einen entscheidenden Aspekt auf den Punkt: Nach der Katastrophe wird die Bundestagswahl im kommenden September die erste in Europa sein, die beim Thema Klimawandel gewonnen oder verloren wird. 

EXPRESS hat die Stimmen zur Unwetter-Katastrophe aus unseren Nachbarländern und weiteren Staaten gesammelt: 

Unser Nachbarland Belgien berichtet in der Zeitung „De Standaard“ am Samstag (17. Juli) wie folgt über die Unwetter-Katastrophe in Deutschland: 

„Ein Tag nationaler Trauer ist zu Recht dem Gedenken an diese katastrophalen Ereignisse gewidmet. Aber abgesehen von etwas moralischer Unterstützung wird das den Opfern nicht viel bringen. Dies sollte eine Zeit für Hilfsleistungen sein, nicht für politische Spielereien, geschweige denn für gegenseitige Beschuldigungen.

In einer späteren Phase muss die Analyse folgen. Dabei kann es um die Organisation und die Ausrüstung der Notdienste gehen. Obendrein muss über mögliche Ursachen nachgedacht werden. Naturgemäß geschieht das auf der Makroebene, wobei auf die Häufung von extremen Wetterereignissen verwiesen wird. Das darf aber den Blick für die Mikroebene nicht verstellen. Für die Bekämpfung der Folgen derartiger Niederschläge braucht es mehr als einen ambitiösen Klimaplan. Wie steht es um die Raumplanung? Brauchen wir mehr Rückhaltebecken? Können wir etwas mit den Flüssen tun? Allerdings muss dabei auch jedem klar sein, dass gegen diese „Wasserbombe“ kein Kraut gewachsen war.“

Zur Auswirkung der Unwetterkatastrophe auf den Wahlkampf in Deutschland schreibt die niederländische Zeitung „de Volkskrant“ am Samstag:

„Zweieinhalb Monate vor der Wahl ist das politische Berlin massiv auf den Klima-Wahlkampf-Zug aufgesprungen, wenn es - wie die Grünen - nicht schon drauf war. Besonders auffällig ist die plötzliche Bekehrung der CDU zum Mitglied im Club der Warner vor dem Klimawandel. Während Spitzenkandidat Armin Laschet das Thema bisher vor allem im Kontext des wirtschaftlichen Wettbewerbs ansprach, wenn es um Deutschland als Produzent von sauberer Energie und sauberen Autos ging, hebt er jetzt die Bedeutung vieler schneller Maßnahmen zur Verlangsamung des Klimawandels hervor.

Doch allein das Versprechen, der Klimapolitik mehr Priorität einzuräumen, genügt noch nicht. Es scheint, dass Bundes- und vor allem Landespolitiker – Laschet ist auch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen – auch andere unbequeme Fragen beantworten müssen. Warum wird beispielsweise in diesem Teil Deutschlands trotz jahrelanger Forderungen von Naturschützern und trotz EU-Richtlinien so wenig getan, um natürliche Flussüberlaufgebiete wie Auen zu schaffen?“

„Der Standard“ aus Wien schreibt über den Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet im Zusammenhang mit der Unwetter-Katastrophe:

„Ein bisserl dröge sei er, nicht so wirklich entscheidungsfreudig. Das wird Unionskanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) vorgeworfen. Doch angesichts der Unwetterkatastrophe in Deutschland hat Laschet gezeigt, dass er die Klaviatur der Krisenkommunikation gut beherrscht. Natürlich ist er nicht, wie geplant, ins bayerische Seeon gefahren, um sich dort mit Markus Söder, dem CSU-Chef und verhinderten Kanzlerkandidaten, darüber zu streiten, ob jetzt Steuersenkungen nach der Wahl möglich sind oder nicht. Stattdessen hat Laschet eine Anleihe beim sozialdemokratischen Ex-Kanzler Gerhard Schröder genommen, die Gummistiefel angezogen und sich ins Katastrophengebiet begeben. (...) Für den Moment kann Laschet also aus den schrecklichen Ereignissen Kapital schlagen. Aber der Wahlsieg ist ihm deshalb noch nicht sicher.“

Auch die „Neue Zürcher Zeitung“ beschäftigt sich am Samstag (17. Juli) mit der politischen Aufarbeitung der Unwetterkatastrophe:

„Wenn der Klimawandel katastrophale Wetterphänomene wie Starkregen oder Dürreperioden begünstigt, dann reicht eine Reduktion der CO-Emissionen nicht. Die Gesellschaft muss sich auch besser vor den Folgen der Klimaerwärmung schützen. Die Fragen nach der Verantwortung, die deutschen Politikern jetzt gestellt werden sollten, sind deshalb nicht nur die nach der Stilllegung von Kohlekraftwerken oder dem Bau zusätzlicher Windparks. Es sind auch Fragen nach geeigneten Warnsystemen vor Sturzfluten für die Bevölkerung gefährdeter Gebiete. Es sind Fragen nach nötigen baulichen Massnahmen zum Ableiten großer Regenmengen und zum Schutz von Siedlungsgebieten vor Überschwemmungen. Und es sind Fragen der Raumplanung, welche die Siedlungsentwicklung in hochwassergefährdeten Regionen sinnvoll steuern sollte.

Solche Fragen nach dem Management der negativen Folgen des Klimawandels werden im klimapolitischen Diskurs zumeist tabuisiert. Klimaschützer befürchten, dass sie als Ausrede für Nichtstun missbraucht werden. Doch wer diese Fragen vermeidet, verschließt die Augen vor der Realität und bringt damit die Bevölkerung in Gefahr.“

Zur Hochwasserkatastrophe berichtet der Londoner „Independent“ am Samstag:

„Die Warnungen klingen seit Jahrzehnten in unseren Ohren - eigentlich seit den 1980er Jahren, als Wissenschaftler erstmals begannen, die Folgen der früheren Industrialisierung zu verstehen. Westeuropa war schließlich der Schmelztiegel der ersten industriellen Revolution und trägt insofern eine Mitverantwortung für die anschließende Umweltverschmutzung und -zerstörung.

Die Briten, Deutschen und andere haben schon längst Wälder abgeholzt und Flüsse und Seen dem schnellen Wirtschaftswachstum und dem steigenden Lebensstandard geopfert (wenn man von den Umweltschäden absieht). Es kann keine große Überraschung sein, wenn die Regierungen von Staaten wie Brasilien oder Indonesien erklären, dass sie an der Reihe sind, dem Modell der Industrialisierung zu folgen, das von Europa, Amerika, Japan und – in seiner extremsten und rücksichtslosesten Form – in der alten Sowjetunion vorangetrieben wurde. Der Westen ist in einer schlechten Position, um die Entwicklungsländer über die Schattenseiten des Wirtschaftswachstums zu belehren, aber diese Wetterereignisse verleihen den westlichen Aufrufen zum Handeln zumindest eine gewisse Demut.“

Die „New York Times“ widmet Unwetter-Katastrophe einen Liveticker 

Auch die „New York Times“ hat auf die Ereignisse in NRW und Rheinland-Pfalz reagiert. Auf dem Titelblatt der Zeitung war ein Foto der Überflutungen zu sehen. Online hat das Medium der Katastrophe einen Liveticker gewidmet. „Die Szenen der Verwüstung durch die Fluten kamen aus ganz Westeuropa. Aber kein Ort war stärker betroffen als Deutschland, wo Hunderte noch vermisst werden.“

Den Menschen falle es schwer, das Ausmaß der Katastrophe zu begreifen. „Straßen stürzten ein und wurden davongespült. Autos lagen übereinander gestapelt. Verängstigte Anwohner wurden in Baggerschaufeln evakuiert“, so schildert das US-amerikanische Medium die Szenen. 

Die Londoner „Times“ schreibt:

„Niemand kann mit Sicherheit sagen, dass diese Katastrophe durch den Klimawandel verursacht wurde, auch wenn deutsche Politiker kaum daran zweifeln. Wetterkapriolen hat es schon immer gegeben.(...) Allerdings warnen Wissenschaftler seit Jahren davor, dass steigende CO2-Emmissionen zu einer globalen Erwärmung und zu immer extremerem Wetter in Form von Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen und Stürmen führen würde. Diese Extremereignisse treten nun viel häufiger auf, als die Wissenschaftler selbst prognostiziert haben. Das sollte uns alle beunruhigen. (...) Die extremen Wetterereignisse sind eine Warnung an die Regierungen, dass sie ihre Anstrengungen zur Anpassung an den bereits stattfindenden Klimawandel verstärken müssen – unabhängig davon, was sie tun, um künftige Emissionen einzudämmen.“

Zu den Unwettern in Deutschland schreibt die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ aus Mailand am Samstag mit Blick auf die Bundestagswahl:

„Der Klimaschutz steigt auf Platz eins der Sorgen der Menschen. Und die Folgen für die Ausgänge der Wahl könnten unvorhersehbar sein. Der Gedanke geht in das Jahr 2002, als die Elbe Landesteile im Osten überschwemmte und Gerhard Schröder, im Rennen für die Wiederwahl und in den Umfragen hinten dran, in Gummistiefeln zu Fuß hinaus eilte, um die Rettungsaktionen zu begleiten und gleichzeitig die Wahldynamik zu seinem Vorteil drehte. Es ist ein Drehbuch, das sich in diesen Stunden wiederholt, auch wenn alle versuchen, nicht den Eindruck zu erwecken, auf Stimmenfang zu sein. (...)

Es bleibt abzuwarten, ob es dann die Grünen sind, die von der neuen deutschen Angst profitieren. Sehr gut gestartet und dann wegen Ausrutschern und Fehlern von Annalena Baerbock zurückgefallen, haben die Umweltschützer viel aufzuholen. Sie haben jedoch das ambitionierteste Programm auf der Linie der europäischen Ziele. Eine Sache ist sicher. Nach der Katastrophe wird die Wahl in Deutschland im kommenden September die erste in Europa sein, die beim Thema der Klimaerwärmung gewonnen oder verloren wird.“

Die spanische Zeitung „El País“ kommentiert am Samstag die „Flutkatastrophe“ wie folgt:

„Die katastrophalen Überschwemmungen, die Westdeutschland, Belgien und die Niederlande verwüstet haben, sind ein weiterer Beweis für die Herausforderungen, mit denen uns der Klimawandel konfrontiert. Was bei den Überschwemmungen überrascht hat, ist deren Intensität und Ausmaß. Das Geschehen zeigt, dass selbst entwickelte Gesellschaften mit hervorragender Infrastruktur und gutem Katastrophenschutz von den verheerenden Auswirkungen solcher Extremwetter nicht verschont bleiben. Die Auswirkungen haben das Herz des am weitesten entwickelten Teils Europas getroffen, mit einer tragischen Bilanz.

Die Folgen des Klimawandels beschränken sich nicht darauf, trockene Orte trockener zu machen oder mehr Hurrikane dort zu verursachen, wo sie normalerweise auftreten. Die Katastrophe macht klar, dass wir uns schneller in Richtung einer Dekarbonisierung der Wirtschaft bewegen müssen. Europa hat dabei schon wichtige Schritte unternommen, aber diese müssen weltweit getan werden. In der Zwischenzeit ist es notwendig, sich mit besseren Notfallplänen auf die Auswirkungen vorzubereiten. Die Überschwemmungen sind eine Warnung für alle.“

Die heftigen Unwetter im Westen Deutschlands sowie in Belgien kommentierte die ostfranzösische Regionalzeitung „l'Alsace“ am Freitag (16. Juli) wie folgt:

„Es ist eindeutig, dass diese gewalttätigen Klimaereignisse immer häufiger vorkommen. Und die Experten kündigen uns das an. Wenn die Regenfälle in Zukunft nicht unbedingt öfter auftreten, dann zumindest stärker. Es ist also richtig, dass Europa einen Klimaplan anpeilt und der Staat Gesetze entwirft, aber man hat jedes Mal das Gefühl, dass es zu wenig und zu spät ist. Die Bewusstwerdung entwickelt sich im Schneckentempo, auf Worte folgen nur langsam Taten. Die Regierungen weltweit tun nicht genug, um unerlässliche Veränderungen zu beschleunigen und zu begleiten.“ (dpa, jba)

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