„Wir waren kölsche Miljönäre“ „De Ax“ – er war stark, gefürchtet und steinreich

Als schwinge er die Axt: Hermanns Tünn an seinem Arbeitsplatz – am Tresen vom Bistro 5 im Pascha redet sich der Ex-Zuhälter in Rage.

Als schwinge er die Axt: Hermanns Tünn an seinem Arbeitsplatz – am Tresen vom Bistro 5 im Pascha redet sich der Ex-Zuhälter in Rage.

Köln – Im Miljö hatte mancher einen großen Namen. Aber auf jeden Fall einen Spitznamen. Untereinander tauften sich die Stänze und verliehen sich zum Teil skurrile Titel. „Pille Rolf“, „Protestvogel“, „Zementkopp“. Den krassesten Spitznamen hatte Anton Hermann - ihn nannten sie „De Ax“. Und das aus gutem Grund...

Die fünfte Etage im „Pascha“. Als er aus dem kleinen Aufzug kommt, ist er zu Hause. Hier, im „Bistro 5“ des Rotlicht-Tempels, ist sein „Wohnzimmer“. FC-Wimpel hängen an der Wand, rotes Licht schimmert auf die Theke. „Ich ben jepotz“, betont Anton Herrmann (65) immer wieder und zapft hinter dem Tresen eine Cola, „hier krieg ich heute am Wochenende ming Gnadenbrot.“

Das war mal anders. Früher war er stark, gefürchtet und steinreich. „Hermanns Tünn“ war im Miljö eine Hausnummer – als einer der schlimmsten Schläger. Den gelernten Karosseriebauer mit Gesellenbrief interessierten nach der Bundeswehr keine Autos mehr. Denn dass er bei einer Straßenprügelei einem Bekannten „geholfen“ hatte, hatte sich herumgesprochen. So bekam er 1970 durch Kumpel „Kuhlse Rudi“ seinen ersten Türsteherjob im „Scotchmans Club“ angeboten. 150 DM pro Abend? Abgemacht.

Seitdem schlug er sich durchs Leben. Buchstäblich. Auch als Stänz. „Mein Mentor war Beckers Dieter, er hat mir gezeigt, wie das Geschäft geht“, erinnert sich „Hermanns Tünn“. „Wir waren Jungluden und wollten uns bloß zerschlagen. Aber Beckers Dieter zeigte uns die große Welt. Er führte mich bei Hanne in Hamburg und in Berlin ein.“ Durch die Zuhälterei und Türsteherjobs kann sich „Hermanns Tünn“ einen weißen Rolls Royce leisten. Einmal im Jahr geht es mit der Luden-Combo zum Urlaub nach Mallorca. Man kennt „Hermanns Tünn“ – aber vor allem wegen seines irren Beinamens. „Ja, man nennt mich „De Ax“, lacht er, „wollt Ihr wissen warum?“ Wollen wir.

Alles zum Thema Musik
  • „Wirklich großartig“ Musik-Festival am Flughafen Köln/Bonn kehrt zurück – Kölner Top-Bands sind dabei
  • Marie Reim Nach schlimmer Gewalterfahrung: Schlagerstar will Betroffenen Mut machen
  • Meister der Melancholie Philipp Poisel feierte ganz besonderes Ereignis in Köln
  • Stefanie Hertel ganz privat Schlagerstar richtig sauer – „Das ist eine Riesensauerei“
  • Schlager Erkannt? Als Kind sang sie mit Rolf Zuckowski – heute ist sie selbst ein Star
  • Schon im Urlaub gehört? Welche Sommerhits in Spanien rauf und runter laufen
  • 40 Mio. CDs und Schallplatten Schlager-Star ist tot – Beisetzung auf Melaten in Köln
  • Von wegen Luxus So leben die DJs, die auf Mallorca am Ballermann Stimmung machen
  • Schock für alle Kasalla-Fans Kölner Band traurig: „Mussten uns der bitteren Wahrheit stellen“
  • Bewegender Moment in Köln 350 schwarze Kreuze aufgestellt – das steckt dahinter

„De Ax“ in seinem Element. Wenn er am Tresen steht und redet, schwingt die Axt beim Reden mit. „Ein Freund am Friesenwall rief an, weil er Ärger mit zwei Wiener Luden hatte. »Einer ist aus dem Zuchthaus entlassen worden, die sind hier de Bär am Mache«, sagte er. Ich kam vom Boxtraining, saß mit den Jungs in der Kneipe. Zufällig hing da eine Axt an der Wand als Schmuck. Da habe ich die mir ausgeliehen und bin los.“

Ein weiteres Utensil lässt sich Hermanns Tünn auf dem Weg zur Schlägerei ebenfalls nicht entgehen. „Da saß so ein Straßenmusikant. Ich fragte ihn: »Leih mir mal den Gitarrenkoffer aus«. Die Axt hab’ ich da reingepackt und bin dann in den Laden rein.“

Nächste Seite: „Ich holte die Axt raus, da war er baff“

Erst fliegen nur die Worte mit den Wienern, dann packt Hermanns Tünn plötzlich aus. „Der Wiener schaute auf den Koffer und lachte: »Machst du Fiffi hier die Musik?« Ich holte die Axt raus und haute sie vor ihm in die Theke rein. Da war er baff. »Ich mache jetzt Musik für dich«, hab ich dem gesagt., Oh da hat er se kräje. Und die Axt hatte ich seitdem immer an der Tür beim Arbeiten dabei. Als Abschreckung.“

Sein Ruf eilt ihm voraus, doch im Miljö ist niemand unbesiegbar. Eines Tages ist auch „De Ax“ hilflos. Und beinahe tot. Zwei Wochen lang lag er 1983 im Koma, nachdem ihm ein Freier den Baseballschläger über den Kopf gezogen hatte. „Ich hatte ’ne Flasche Dimple drin, war sternhagelvoll, als es passierte. Ich hatte 28 Fußabdrücke auf dem Kopp“, erinnert er sich. Von diesem Tag an ist alles anders. Die Schäden im Kopf sind immens, doch Hermanns Tünn kann sich auf Hilfe aus dem Miljö verlassen.

„Beckers Dieter kam mit einem Sandsack vom Rene Weller, ich musste alles ja wieder lernen, vor allem Boxen.“

Seine Huren? Gehen Hermanns Tünn laufen, nachdem er geheiratet hat. „Ein verliebter Stänz ist ein toter Stänz“, seufzt er. Gespart? Hat er kaum - wie so viele der früheren kölschen Miljönäre. Als Puff-König „Sir“ Hans Münnichhoff 2003 seine Betriebe nach einer Razzia schließen muss, ist auch dieser letzte Job an der Tür weg. Hermanns Tünn landet schließlich im Pascha-Bistro. Hier schaut er den FC, schenkt den Freiern und Huren Getränke aus. Und wenn ihn jemand nach der Axt fragt, die heute in seinem Haus in der Südstadt im Keller liegt, erzählt er seine Geschichte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das Pascha wird 20

Das Pascha wird 20

Puff-Stadt Köln. Lange war die Kleine Brinkgasse das Epizentrum der Laufkundschaft. Bis 1972 das Eros-Center in der Hornstraße eröffnet wurde.

Der Rat der Stadt Köln hatte beschlossen, einen konzessionierten Betreiber auf städtischem Grund ein Hochhaus bauen zu lassen, um die Prostitution aus der City wegzuholen, dort zu bündeln und kontrollieren zu können. Als Hermann Müller 1995 das zehnstöckige Gebäude (126 Appartements) in „Pascha“ umbenannte, stieg die Kundenzahl an.

„Im Januar feiern wir 20-jähriges Jubiläum“, so Müller. 148 Mitarbeiter sind in Neuehrenfeld beschäftigt, „Ich habe alle Puffs in Deutschland gesehen“, verklärt „Hermanns Tünn“ das größte Laufhaus Europas, „es ist der bestgeführte Laden, den man sich vorstellen kann.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das Miljö ist oft ein mieses Geschäft

Das Miljö ist oft ein mieses Geschäft

Roger Witters (49), geboren in der Südstadt und am Friesenwall aufgewachsen, weiß wovon er spricht. „Ich bin im Miljö aufgewachsen. Das Miljö war, ist und wird immer ein mieses Hurengeschäft bleiben“, sagt der heutige Betreiber des „Grön Eck“.

Er unterscheidet zwischen dem Geschäft und den Leuten: „Man denkt gern an die guten und lustigen Zeiten zurück. Ich mag ja auch die kölschen Originale wie den Langen Tünn oder Karate Jacky, zu denen ich auch heute noch Kontakt habe. Aber die, die es zu was gebracht haben, wollen vom Miljö nichts mehr wissen.“

Sie verwenden einen veralteten Browser. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um Ihren Besuch bei uns zu verbessern.