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Vom Kölner Straßenstrich ins MuseumSexarbeiterin Nicole: „Das erste Mal war Französisch für 30 Euro“

Nicole Schulze demonstrierte 2021 mit anderen Sexarbeiterinnen vor dem Kölner Dom gegen die Kampagne „Rotlicht Aus“. Das Foto zeigt sie mit Kölns bekanntem Kriminalbiologen Mark Benecke („Dr. Made“).

Copyright: Nicole Schulze

Nicole Schulze demonstrierte 2021 mit anderen Sexarbeiterinnen vor dem Kölner Dom gegen die Kampagne „Rotlicht Aus“. Das Foto zeigt sie mit Kölns bekanntem Kriminalbiologen Mark Benecke („Dr. Made“). 

Nicole Schulze hat viele Jahre auf dem Kölner Straßenstrich gearbeitet. Jetzt ist die Sexarbeiterin Teil einer Ausstellung geworden. 

Französch für 30 Euro – Sexarbeiterin Nicole Schulze (46) erinnert sich noch sehr gut an ihren ersten Freier. Das war 2004 auf dem Straßenstrich Geestemünder Straße und hat fünf Minuten gedauert. 

Inzwischen blickt die 46-Jährige nicht nur auf eine lange Berufszeit zurück, sondern ist auch Vorsitzende des Berufsverbandes Sexarbeit, eine angesehene Expertin zum Thema Sexualassistenz – und Teil der Ausstellung „Sex Work“ in der Bonner Bundeskunsthalle. 

Sexarbeiterin Nicole: Protestfoto vor dem Kölner Dom ausgestellt

Dort ist unter anderem ein Foto von ihr zu sehen, wie sie 2021 mit einem Wohnmobil und anderen Sexarbeiterinnen vor dem Kölner Dom stand – als Protest gegen die Kampagne „Rotlicht Aus“. Neben ihr auf dem Foto ist Kölns bekannter Kriminalbiologe Mark Benecke („Dr. Made“). 

„Ich hatte für die Ausstellung mehrere Fotos geschickt und sie haben sich für das von der Demo entschieden. Wir haben gegen die Kampagne ‚Rotlicht Aus‘ demonstriert, weil wir gesagt haben, wir müssen das Rotlicht nicht aus-, sondern anmachen“, erklärt Nicole. 

Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle sei sehr gut. Auch von der Geschichte her. Nicole: „Dass die Sexarbeitenden Rechte benötigen und nicht unter Sigmatisierung leiden.“ Sie fühle sich in der Ausstellung sehr gut vertreten. Dort liegt auch ein Flyer vom Berufsverband Sexarbeit, dessen Vorstandsvorsitzende sie ist.

„Sie haben auch den Aktivismus von heute und natürlich auch von früher dargestellt. Wenn man jetzt an die Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt denkt – die war ja nachher reicher als ihre Freier, hat das tollste Auto gefahren und wurde trotzdem ermordet. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Auch diese traurige Geschichte ist in Bonn ausgestellt“, erzählt die Kölnerin, die zur Vernissage anlässlich der Ausstellungseröffnung am 1. April eingeladen war.

Nicole Schulze sitzt in der offenen Tür ihres Autos.

Copyright: Nicole Schulze

Nicole Schulze hat ab 2004 auf dem Kölner Straßenstrich Geestemünder Straße gearbeitet. Inzwischen ist sie Sexualassistenz-Expertin.

Die Ausstellung spiegelt auch ihre eigene Geschichte wider. „Ich habe damals auf der Geestemünder in Köln angefangen, weil ich Schulden hatte. Ich hatte kein Geld, war dann auch von einem Loverboy abhängig. Ich war sieben Jahre lang abhängig, habe mein Geld abgedrückt. Es ist natürlich keine schöne Erfahrung, wenn man so behandelt wird“, erklärt Nicole.

Aber sie gibt nicht der Sexarbeit die Schuld daran. Die 46-Jährige sagt aus ihrer Sicht: „Weil, damit habe ich mein Geld verdient, ich gebe die Schuld der toxischen Beziehung, die ich mit meinem damaligen Freund geführt habe. Der hat mich ausgenutzt. Es war nicht die Sexarbeit. Ich war gerne an diesem Platz an der Geestemünderstraße. Wenn ich mich jetzt mit alten Kolleginnen treffe, bezeichnen wir das als unser Wohnzimmer.“ 

Mit 24 Jahren hat sie angefangen. „Ich habe mich auch bewusst für die Geestemünder entschieden, also für Straßenprostitution, weil ich kein Geld hatte. Ein Bordell, ein Zimmer dort, im Pascha hat schon damals 150 Euro pro Tag gekostet. Das Geld hatte ich ja gar nicht.“

Nicole Schulze posiert als junge Frau in knappen Shorts.

Copyright: Nicole Schulze

Nicole Schulze (heute 46) hat 2004 auf dem Straßenstrich Geestemünder Straße angefangen. Heute ist sie Sexualassistenz-Expertin, Vorsitzende des Bundesverbandes Sexarbeit und Teil der Ausstellung Sex Work, die am 1. April 2026 in der Bonner Bundeskunsthalle eröffnet wurde.

Schulden hatten sich angehäuft, auch, weil sie damals mit einem Mann zusammen war, der das sauerverdiente Geld verspielte. Dazu zwei kleine Kinder. „Weil kein Geld da war, habe ich Lebensmittel geklaut“, gesteht sie. Doch irgendwann habe sie sich die Frage gestellt: Wie geht es mit meinem Leben weiter? Klaue ich weiter? Bleibe ich mit dem Mann zusammen?

„Ich habe mich für den Weg der Trennung entschieden. Und in der Sexarbeit selbst habe ich die Möglichkeit gesehen, Geld zu verdienen. Was ich nicht bedacht habe, ist, dass dieses riesengroße Stigma dann auf mir lastet“, so Nicole. „Dass wir zum Beispiel keinen Bankkredit bekommen, keine Bank stellt einer Prostituierten einen Kredit zur Verfügung, obwohl wir gutes Geld verdienen. Dann bleibt uns eigentlich gar nichts anderes übrig, als in Abhängigkeiten reinzugehen. Dann sind wir abhängig und bekommen unser Leben ohne andere Menschen gar nicht in den Griff.“ 

Das erste Mal mit damaligem Freund auf dem Kölner Straßenstrich

Von der Geestemünder habe sie erfahren, als sie 2004 in einer Kneipe in Leverkusen anfing zu kellnern. „Die Geestemünder hat 2002 eröffnet –die war damals quasi noch frisch im Munde der Männer. An der Theke, wenn die viel Bier getrunken hatten, haben die von dem neuen Straßenstrich erzählt und ich wurde hellhörig“, erinnert sich die Kölner Sexarbeiterin.  

Nicole weiter: „Ich war sexuell immer offen. Und ich war dann mit meinem damaligen Freund auf der Geestemünder, um eine weitere Frau für einen Dreier zu suchen. Da habe ich den Straßenstrich das erste Mal live gesehen.“

Am folgenden Abend sei sie dann alleine dorthin gefahren. „Ich habe erstmal draußen gestanden und beobachtet. Wie funktioniert das, wer kommt da alles hin. Einige Stunden später bin ich in den Container, der auf dem Gelände steht, und wurde herzlich empfangen. Dort waren Sozialarbeiterinnen vom Katholischen Sozialdienst, kurz SkF. Die haben mir einen Kaffee angeboten und das System der Geestemünder erklärt.“ Und dann sei sie hängen geblieben. 

„Nach meinem ersten Freier habe ich diese 30 Euro in der Hand gehalten, für fünf Minuten Arbeit, und gedacht, das ist ja besser als Kellnern“, erzählt sie. Sie sei damals sozial schwach gewesen, so die Kölnerin. „An meinem ersten Abend, als ich auf der Geestemünder Feierabend gemacht habe, hatte ich 460 Euro verdient. Das war viel Geld für mich und ich habe mich direkt dazu entschlossen, da zu bleiben.“

Kölner Sexarbeiterin: Ich habe es nie als schlimm empfunden

Nicole: „Ich habe aber nie gelernt, mit Geld umzugehen. Ich habe es verdient und dann war es auch schon wieder weg. Mein Loverboy hat mir dann geholfen, dass ich schuldenfrei wurde. Ich habe ihn geliebt, bin allerdings deswegen in so eine Art falsche Dankbarkeit gefallen. Dann fing es an, dass ich mein Geld an ihn abdrücken musste.“ 

Ihr Glück sei gewesen, dass der Platz an der Geestemünder Straße für sozial schwache Frauen gebaut wurde. Das SkF und auch die Polizei, explizit die kürzlich verstorbene Hauptkommissarin Nicole Metzinger, hatten erkannt, dass Nicole zwar aus der Schuldenfalle raus, aber dafür in eine neue Abhängigkeit hineingerutscht war. „Deswegen durfte ich auf diesem Platz weiterstehen“, sagt sie dankbar. Die Polizeibeamtin Metzinger unterstützte sie auch dabei, von ihrem „Loverboy“ loszukommen.

Dass sie auf dem Straßenstrich arbeitet, hat Nicole Schulze nie geleugnet. „Weil ich es nie als schlimm empfunden habe. Ich habe ja nichts Illegales gemacht“, stellt sie klar. Sie will nichts verherrlichen. Brutale Zuhälter, Ausbeutung, Drogen, Gewalt – auch das gibt es in der Prostitution. „Man sieht in den Medien immer nur das Negative. Aber man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Man muss schon differenziert draufsehen, auch auf die Straßensexarbeit.“ 

„Wohnmobil mache ich noch nebenbei, weil ich die Freiheit liebe“

Dadurch, dass sie auf der Geestemünder war, habe sie selbst nichts Schlimmes erlebt, behauptet sie. Nicole: „Die Freier waren immer vernünftig, weil es eben auch ein Platz der Stadt Köln war, Polizei und Ordnungsamt waren regelmäßig vor Ort. Die Polizistin Nicole hat sich sehr für uns eingesetzt. Das war ein geschützter Rahmen. Ich bin ein Befürworter solcher Modelle. Ich habe keine Gewalt erlebt.“ 

Sie seien, im Gegenteil, irgendwie wie eine Familie gewesen. „Ich bin gerne dorthin gegangen, wir haben viel gemeinsam gemacht, Pizza bestellt, gegrillt. Es waren schöne Momente. Und der Zusammenhalt der Frauen war schon sehr, sehr gut. Wenn es doch ein Problem gab, waren wir alle füreinander da“, erzählt die 46-Jährige.

„Das einzige Negative war mein Loverboy, weil ich in einer toxischen Beziehung war. Er hat mich viel verletzt. An der Sexarbeit selbst habe ich bislang keinen negativen Punkt. Alle höflich, nett, freundlich. Die wollen ja was von mir, wollen, dass ich eine gute Dienstleistung mache“, so Nicole.

Inzwischen steht sie in Trier an der Straße, in ihrem eigenen Wohnmobil, hat sich hauptberuflich aber auf Sexualassistenz spezialisiert und bietet ihre Dienste Menschen mit Behinderungen oder Menschen im Alter an, fährt auch in die Heime. „Wohmobil mache ich noch nebenbei, weil ich die Freiheit liebe“, erklärt sie.

Nicole Schulze steht vor ihrem Plakat.

Copyright: Nicole Schulze

Nicole Schulze ist inzwischen Expertin beim Thema Sexualassistenz.

Auf die Geestemünder fahre sie aber immer noch regelmäßig - nur zu Besuch. „Ich würde mich da nicht mehr an die Straße stellen und meinen Kolleginnen die Kundschaft wegnehmen, weil ich mittlerweile nicht mehr sozial schwach bin. Aber die kennen mich alle dort und ich bin herzlich willkommen. Besonders jetzt als Aktivistin“, sagt sie. 

Momentan setze sie sich dafür ein, dass der Ort wieder ein sozialer Platz wird, sozial niedrigschwellig und ohne hohe Hürden. „Das geht ja nicht mehr, seit wir den Hurenausweis haben, also die Anmeldung nach ProstSchutzG.“, erklärt die Sexarbeiterin. Nach dem ProstSchutzG benötigen alle in der Prostitution tätigen Personen eine gesundheitliche Pflichtberatung und müssen für das Prostitutionsgewerbe angemeldet sein beziehungsweise sich anmelden. 

Nicole: „Ich gebe mal ein Beispiel: Für eine drogenabhängige Frau, die morgens nicht in die Gänge kommt, sind die Hürden viel zu hoch. Früher kamst du einfach zur Geestemünder und konntest arbeiten. Das war ein soziales System. Und ich finde, das sollte wieder so sein. Weil diese Frauen nicht das Problem der Sexarbeit haben, sondern die haben ein Drogenproblem und finanzieren ihre Drogen damit. Jede dieser Frauen macht zwei, drei Kunden, bis sie das Geld zusammenhat, und dann ist die wieder weg. Die denkt nicht daran, noch ihre Steuer zu machen oder Sonstiges. Die sind dazu gar nicht in der Lage. Das kann ich auch verstehen. Wenn ich mich mal mit meinem Loverboy betrachte, da hätte ich auch keinen Kopf dafür gehabt.“

Früher sei es viel Heroin gewesen, Spritzen seien verteilt worden, heute seien es mehr die synthetischen Drogen. „Aber egal, welche Drogen es sind, man muss das System dahinter anpassen“, fordert Nicole. „Wie viele Frauen habe ich damals auf dem Straßenstrich erlebt, die gesagt haben, dass sie die Methadon-Ausgabe verpasst hätten, weil sie nicht aufstehen konnten. Auch vor Schmerzen. Da denke ich mir: Warum hat die Methadon-Ausgabe nur morgens geöffnet? Wieso ist die nicht den ganzen Tag für die Betroffenen da?“ 

„Auch, wenn ich jetzt eine angesehene Expertin zum Thema Sexualassistenz und Vorsitzende des Berufsverbandes bin – die Geestemünder ist mir wichtig“, so die engagierte Sexarbeiterin. „Ich bin dafür, dass jede große Stadt in Deutschland so einen Platz anbietet. Weil es einfach ein sicheres Arbeiten ist.“ 

Der kleine Martin Schmidt mit seiner Mutter Hannelore an der Tankstelle in Zollstock. Das Foto wurde 1969 aufgenommen.

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Aus für Kölner Kult-Tankstelle – emotionaler Abschied