Marco C. (29) saß viele Monate in der Türkei in Haft. Er bestreitet, geschossen zu haben.
Kölner Rocker-MordMutmaßlicher Killer wird endlich ausgeliefert

Copyright: Martina Goyert
Mai 2023: In diesem Durchgang am Mülheimer Böcking-Park wurde der Rocker erschossen.
Aktualisiert:
Nach vielen Monaten des Stillstands kommt Bewegung in den Schwurgerichtsprozess um den Kopfschuss-Mord an einem Hells-Angels-Rocker im Mülheimer Böcking-Park.
Als mutmaßlicher Auftraggeber sitzt im Landgericht der Kölner Familienvater Hami S. (38) auf der Anklagebank. Er streitet einen Mordauftrag ab – die Justiz glaubt ihm das nicht. Entlasten könnte ihn aber einer der vermeintlichen Schützen. Marco C. (29) wurde nach dreijähriger Flucht in der Türkei festgenommen. Doch die Auslieferung nach Deutschland ließ auf sich warten – jetzt wurde die Freigabe erteilt.
Kölner Mordverdächtiger sitzt seit April in Auslieferungshaft
Marco C. – in Rockerkreisen auch „Toblerone“ genannt – hatte sich in Absprache mit den deutschen Ermittlungsbehörden im vergangenen April in Istanbul gestellt, die türkische Polizei hatte ihn festgenommen. Nach Deutschland gebracht wurde der Mordverdächtige aber zunächst nicht.
Ein türkisches Gericht musste zunächst über die Auslieferung entscheiden und gab schließlich grünes Licht. Trotzdem dauerte es noch einmal viele Wochen, bis die Behörden in der Türkei das Signal zur Abholung gaben. Das sei jetzt gekommen, teilte die zuständige Staatsanwältin Heike Nöldgen mit.
Der Vorsitzende Richter Martin Kümpel kündigte daraufhin die Vernehmung von Marco C. für Anfang November an. Der 29-Jährige gilt als der zentrale Zeuge in dem Mordverfahren und hat bereits angekündigt, umfangreich aussagen zu wollen. „Mein Mandant hat sich gestellt, weil er reinen Tisch machen möchte – sein Anliegen ist es, dass endlich die ganze Wahrheit ans Licht kommt“, hatte Rechtsanwalt André Miegel für Marco C. erklärt.
Und: „Wir werden uns gegen den falschen Vorwurf des Mordes verteidigen.“ Wie er sich zur Rolle von Hami S. äußern will, ist jedoch nicht bekannt.
Kölner Rocker erschossen, Freundin schwer verletzt
Der frühere Rocker Eren Y. (35) wurde im Mai 2023 nach dem Besuch eines Fitnessstudios am Clevischen Ring hinterrücks erschossen. Er starb in einem Hofdurchgang. Seine Lebensgefährtin wurde ebenfalls von einem Schuss getroffen. Sie flüchtete in Richtung des Böcking-Parks. Ein Köbes des dort ansässigen Gilden-Brauhauses rettete der Frau wahrscheinlich das Leben, indem er Stoffservietten als Druckverband nutzte, um die Blutung des Opfers zu stillen. Es folgte eine Notoperation. Opfer-Anwältin Funda Bicakoglu formulierte drastisch: „Meiner Mandantin wurde das Gesicht zerfetzt.“

Copyright: Hendrik Pusch
Der Angeklagte Hami S. mit seinem Verteidiger Leonhard Mühlenfeld beim Prozessauftakt im Landgericht
Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage davon aus, dass Hami S. den Auftrag für die tödlichen Schüsse gegeben habe. Neben Marco C. wurde auch der Rocker Emre „Chico“ U. (32) als weiterer Schütze ausgemacht. Laut den Ermittlungen hatten die beiden das spätere Mordopfer am Fitnessstudio abgefangen. Die Stimmung sei gelöst gewesen, nichts habe auf die Gewalttat hingedeutet, hatte die Partnerin von Eren Y. ausgesagt. Bis heute ist unklar, wer geschossen hat. Marco C., das wissen wir jetzt, will es nicht gewesen sein. Emre U. hat sich nie dazu geäußert.
Angeklagter legt beim Prozess ein Teilgeständnis ab
Im Prozess hatte Hami S. über seine Verteidiger Leonhard Mühlenfeld und Michael Diwo angegeben, sein Bruder Kamil S. – der frühere Präsident des Hells-Angels-Charters „Rhine Area“ – stecke hinter dem Auftrag. Grund seien Revierstreitigkeiten und ein Brandanschlag auf einen Friseursalon der Brüder in Meschenich. Hami S. hatte allerdings auch eine Tatbeteiligung eingeräumt. So habe er bei der Logistik geholfen und vor und nach dem Verbrechen mit den von seinem Bruder angeheuerten Auftragstätern telefoniert. Dass Eren Y. getötet werden sollte, habe er jedoch nicht gewusst.
„Ich rechnete mit einem Beinschuss und hoffte, dass es nicht mehr würde“, sagte der Angeklagte. Diese Art von Bestrafung sei in Rockerkreisen nicht unüblich gewesen, erklärte er. Hami S. hatte weiter zugegeben, den Tätern nach dem Mord bei der Flucht in die Türkei geholfen zu haben. Von der Aussage von Marco C. hängt ab, ob Hami S. doch noch um eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen des mutmaßlichen Auftragsmords herumkommt. In erster Instanz hatte S. diese Strafe erhalten – das Bundesverfassungsgericht hatte das Urteil aber nach einer Beschwerde der Anwälte aufgehoben.
Hami S. sitzt in der JVA Köln-Ossendorf in Untersuchungshaft. Dass er dort offenbar nicht nur mit Mitgefangenen, sondern auch mit der Außenwelt kommuniziert, gab nun der Richter bekannt. Beim Öffnen der Zellentür während des Umschlusses – hier dürfen sich Häftlinge untereinander in den Zellen besuchen – hatten JVA-Beamte ein Handy in Händen des Angeklagten entdeckt. Hami S. habe noch versucht, das Gerät zu zerstören, indem er es gegen den Fensterrahmen geschlagen habe – so meldeten die Bediensteten des Gefängnisses. Das beschädigte Telefon soll jetzt ausgelesen werden.
