Gedenkveranstaltung „Birlikte“Sprengstoff-Verdacht vor Steinmeier-Ankunft: „Wir haben gezittert!“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M) spricht mit Hasan Yildirim (l) und Özcan Yildirim in ihrem Friseurgeschäft.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M.) spricht am 9. Juni 2024 mit Hasan Yildirim (l.) und Özcan Yildirim in ihrem Friseurgeschäft in der Keupstraße. Vor 20 Jahren hatten die NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt vor ihrem Geschäft eine Nagelbombe gezündet – 22 Menschen wurden teils lebensgefährlich verletzt.

Vor 20 Jahren ließen die Rechtsterroristen des NSU eine Nagelbombe in der Kölner Keupstraße explodieren. Jetzt besuchte Bundespräsident Steinmeier das Gedenk- und Kulturfest „Birlikte“.

von Marcel Schwamborn (msw)

Es war alles bereitet für einen wunderschönen Sonntag. Herrliches Frühlingswetter, vor den Geschäften auf der Keupstraße standen Tische und Bänke, die Grills dufteten bereits.

Vor dem Haus mit der Nummer 29 wehten deutsche und türkische Fahnen. Dort zündeten vor 20 Jahren um 15.56 Uhr Mitglieder der Terrororganisation „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) eine Gasflasche, die mit fünfeinhalb Kilogramm Schwarzpulver und 800 Zimmermannsnägeln gefüllt war.

Köln erinnert sich: Nagelbombenanschlag vor 20 Jahren

Diese Bombe sollte möglichst viele Menschen töten, 22 wurden zum Teil schwer verletzt. Am Sonntag (9. Juni 2024) wurde beim Gedenk- und Kulturfest „Birlikte – Zusammenstehen“ an diesen schlimmen Tag und die folgenden Pannen bei der Aufarbeitung erinnert.

Alles zum Thema Polizei Köln

Die ersten standen schon vor der Bühne an der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße, als plötzlich große Hektik aufkam. Polizisten und Sicherheitskräfte rannten aufgeregt durch die Gegend, dann kam das Signal zur Räumung des Geländes.

Meral Sahin, Vorsitzende der IG Keupstraße, steht in der Keupstraße.

Meral Sahin, Vorsitzende der IG Keupstraße, steht in der Keupstraße. Das Foto wurde am 15. Mai 2024 aufgenommen.

Zwei Spürhunde hatten um 11.41 Uhr im Bereich eines Hydranten an der Genovevastraße angeschlagen. „Die Einsatzkräfte überprüfen verdächtige Feststellungen in der Nähe der Veranstaltung. Der Eingangsbereich ist weiträumig abgesperrt, der Beginn wird verschoben“, teilte die Polizei auf EXPRESS.de-Nachfrage mit.

Das Bundeskriminalamt forderte ein Entschärfer-Team der Bundespolizei an. Auch die Berufsfeuerwehr rückte an, zudem weitere Spürhunde. Mehrere Lokale am Eingang der Keupstraße wurden ebenfalls geräumt. Auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), der sich gerade mit Meral Sahin von der IG Keupstraße unterhielt, musste vorerst den Bereich verlassen und zur Polizeiwache Mülheim fahren.

Kölner Nagelbomber-Anschlag: Bundespräsident Steinmeier im Gespräch mit Opfern

Nach zwei aufregenden Stunden mit viel Unklarheit fuhren dann mit reichlich Verspätung doch die Politiker vor. Erst Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker, dann Ministerpräsident Hendrik Wüst, schließlich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Gemeinsam gingen sie in den Friseursalon Özcan, um dort mit Opfern des Anschlags zu sprechen.

Um 14.34 Uhr konnten dann endgültig die Absperrungen mit Ausnahme des Zugangs vom Clevischen Ring geöffnet werden. Die Polizei teilte mit, sie habe eine Kapsel mit Klebstoff gefunden. Deshalb hätten die Hunde wohl angeschlagen. Nach Abschluss der Maßnahmen bestünden aber keine Einschränkungen mehr.

„Der Zwischenfall hat uns so ergriffen, dass wir gezittert haben. Auch wenn wir aus dem herauswachsen wollen, was passiert ist, zeigte uns das, wie tief die Wunden immer noch sind, wie verletzlich wir sind“, sagte Meral Sahin.

Frisör Özcan in den ersten Jahren zu Unrecht beschuldigt

Mit reichlich Verspätung begann der offizielle Teil der Gedenkveranstaltung. „In den ersten Jahren wurde ich von den Behörden zu Unrecht beschuldigt. Mir wurde unterstellt, ich hätte Verbindungen zur türkischen und kurdischen Mafia gehabt. Später haben sich die Zuständigen bei mir entschuldigt. Aber durch diese Anschuldigungen habe ich sowohl finanzielle als auch psychologische Schäden davongetragen“, klagte Frisör Özcan Yildirim, vor dessen Geschäft die Bombe detoniert war, bei einer aufrüttelnden Rede.

Vor dem Friseursalon Özcan in der Keupstraße: unter anderem mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Ministerpräsident Hendrik Wüst und Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker

Vor dem Friseursalon Özcan in der Keupstraße: unter anderem mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Ministerpräsident Hendrik Wüst und Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

„20 Jahre habe ich geschwiegen. Mir wurden viele Versprechungen gemacht. Außer Entschuldigungen habe ich nichts bekommen. Mit den Folgen musste ich mit meiner Familie allein klarkommen. Bis heute habe ich keine wirkliche Unterstützung erhalten. Nein zu Rassismus“, rief er in die Menge und erhielt viel Beifall.

OB Reker: „Die Bombe unterbrach vor 20 Jahren das Leben unserer Stadt“

„Die Bombe unterbrach vor 20 Jahren das Leben unserer Stadt“, blickte Reker in ihrer Rede zurück. „Aber das Denkmal, das in Sichtweite des Anschlagsortes entsteht, soll zur Heilung beitragen. Wir werden einen Ort der dauerhaften Erinnerung schaffen. Wir sagen denen, die von fremdenfeindlicher Gewalt bedroht sind, damit: Ihr seid nicht allein. Wir stehen zusammen“.

Steinmeier zeigte sich nach dem Gespräch im Friseursalon beeindruckt. Er bezeichnete die Fehler der Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit der rechtsextremen Terrorserie als „beschämend für unser Land“. Es müsse das Vertrauen in den Rechtsstaat erneuert werden, wo es gelitten habe.

Gedenk- und Kulturfest „Birlikte“ in Köln.

Das Gedenk- und Kulturfest auf der Keupstraße war am Sonntag sehr gut besucht. Mit Verspätung konnte das Programm dann auch beginnen.

„Wir waren lange blind für ein Netzwerk, das aus Rassenhass und menschenfeindlicher Nazi-Ideologie mordete, verletzte und raubte, obwohl es durchaus Spuren hinterließ.“ Es seien quälende Fragen offengeblieben, auf die es vielleicht nie eine Antwort gebe. „Aber das Ziel aller Aufarbeitung bleibt doch klar: Wir wollen und können es in Zukunft besser machen“.

Der Bundespräsident weiter: „Die Demokratie wird im Kleinen verteidigt, im Alltag. Und es kommt darauf an, dass wir Gewalt im politischen Meinungskampf ächten – ganz gleich, aus welchen Motiven sie sich speist: links- oder rechtsextremistisch oder aus religiösem Fanatismus. Gewalt zerstört Demokratie, und das wollen wir nicht“.

NRW-Minister Wüst: „Dieser Terror hat tiefe Verletzungen hinterlassen“

Auch der NRW-Ministerpräsident zeigte sich bewegt. „Noch immer wird von Fremdenfeindlichkeit gesprochen, dabei ist es Menschenfeindlichkeit. Dieser Terror hat tiefe Verletzungen hinterlassen – körperliche und seelische. Vor 20 Jahren hat unser Staat gleich doppelt versagt“, sagte Wüst. Er habe den Anschlag nicht verhindert und danach die Opfer als Täter verdächtigt.

„Als Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen richte ich mich deshalb an alle, denen so lange nicht geglaubt wurde und die ins Visier der Ermittler gerieten, obwohl sie selber Opfer waren. Ich bitte Sie um Entschuldigung“

Buntes Kulturprogramm mit viel Musik bis in die Abendstunden in Mülheim

Das Gedenk- und Kulturfest in Mülheim sei der perfekte Rahmen. „Unser Miteinander ist zerbrechlich und bedroht. Von diesem Fest geht eine klare Botschaft aus. Hass und Hetz haben in unserem Land keinen Platz – niemals“, sagte Wüst.

Im Anschluss an die offiziellen Reden startete ein buntes Kulturprogramm. Kasalla, Brings, Paveier, Bläck Fööss, Eko Fresh, Sebastian Krumbiegel von den Prinzen, Jürgen Becker, Wilfried Schmickler und viele weitere Bands sowie Comedy-Stars werden noch bis in die Abendstunden auf der Bühne an der Schanzenstraße auftreten.