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„Ich hatte einen Traum“Vom bitterarmen Einwanderer zum Kölner Großunternehmer

Erfolgsstory: Chaled Qarizada kam Anfang der 90er als Kriegsflüchtling nach Deutschland  und baute die Physiotherapiekette Physio CKI mit 20 Standorten im Rheinland auf

Copyright: Andrea Kahlmeier

Modernes Design in zentraler Lage in einem seiner Studios: Chaled Qarizada steht dort vor seinem Leitsatz, der übersetzt bedeutet: „Behalte dein Ziel im Auge, vertraue dem Weg“.

Er hatte nichts – nur einen Traum. Einwanderer Chaled macht märchenhafte Karriere im Rheinland.

Wenn Chaled Qarizada (37) seine Geschäftspartner in seinem durchgestylten Hauptquartier am Kölner Neumarkt empfängt, dürfte kaum jemand ahnen, dass dieser Mann sich einst auf der Zugtoilette einschloss, um sich das Ticket zu sparen. Auf Bahnhofsbänken schlief er, nachts kellnerte und auf dem Bau jobbte er, um sich seinen Traum zu erfüllen. Heute ist er mit 18 Filialen einer der erfolgreichsten Physiotherapeuten des Landes. Die Erfolgsgeschichte eines der ersten Afghanistan-Flüchtlinge liest sich wie ein Märchen.

Noch heute ist Chaled froh, dass es ihn und seine Familie vor gut 30 Jahren ins Windecker Ländchen verschlagen hat und nicht etwa nach Köln-Chorweiler in ein Hochhaus mit 50 anderen Nationen, wo keiner Deutsch spricht. „Meine Eltern waren verpflichtet, Deutsch zu lernen, sonst hätte keiner mit ihnen gesprochen. Wenn du den Humor in der Sprache verstanden hast, ist alles gut. Das ist der Schlüssel zur Integration“, schmunzelt er. „Wir waren sehr auffällig in unserer Region, die einzigen Flüchtlinge“, erinnert er sich, „aber wir hatten sehr nette Nachbarn“.

Chaled übernahm sehr früh viel Verantwortung

Mit Ausnahmen: Da war zum Beispiel die Oma, die allen Kindern auf der Straße ein Weckchen schenkte – nur ihm nicht. „Das vergisst man einfach nicht.“ Das tat weh. Aber vergessen habe er ebenso wenig, dass daraufhin ein Junge das Brötchen mit ihm geteilt habe. Das tat gut. Wenn ihn Jungs auf dem Bolzplatz mal „Ölauge“ nannten? Er reagierte nicht drauf. Viel wichtiger war doch, dass die Nachbarn dem Vater halfen, eine Stelle in der Fabrik zu finden – im Dreischichtdienst. Dass seine Mutter Putzstellen fand. „Meine Eltern waren schließlich europäische Analphabeten, sie konnten Fazi – aber nicht das Alphabet oder von links nach rechts schreiben.“

Er habe schon früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen, bei Elternsprechtagen als Übersetzer fungiert, zum Beispiel bei seinem Bruder, bei dem es im Fach Deutsch haperte. Er sollte das Gymnasium verlassen. „Wir haben hartnäckig mit unserem kleinen Wortschatz darum gekämpft, dass er bleiben darf. Heute ist er Lehrer für Germanistik und Geschichte.“ Er selbst sei ein mittelprächtiger Schüler, aber ein guter Fußballer gewesen. „Ein Mitspieler hat mir seine Fußballschuhe und seine Schienbeinschoner geliehen. Im ersten Spiel habe ich drei Tore geschossen.“ Es habe ihm gezeigt: „Wow, wenn du dich beweist und zielstrebig bist, dann sehen dich alle mit ganz anderen Augen.“

Chaled (r.) mit seinem kleinen Bruder Farhad

Copyright: Physio CKI

Chaled (r.) mit seinem Bruder Farhad in Windeck

Chaled hatte einen Traum: „Meine Eltern haben uns trotz aller Entbehrungen eine wunderschöne Kindheit geschenkt, uns immer in den Arm genommen, viel gekuschelt. Ich wollte immer schon früh so viel Geld verdienen, damit sie nicht mehr arbeiten müssen.“ Aber wie? In seinem Kulturkreis sei man angesehen, wenn man Arzt werde, weil Ärzte in der Dritten Welt selten seien. Oder Geschäftsmann. Kurze Bestandsaufnahme: „Gut, für Medizin bin ich zu blöd, für den Handel habe ich keinen Background. Aber mein Onkel ist Physiotherapeut, das läuft sehr gut. Er hat immer ein tolles Auto, er hat ein schönes Haus, er hat eine Familie. Das ist das, was ich mir auch wünsche.“

Und Chaled bekam schließlich einen Ausbildungsplatz in Zell an der Mosel, an einer Privatschule. Da war er 17, machte sich mit einem Schlafsack und 100 Euro in der Tasche auf den Weg. Er übernachtete sogar im Bahnhof, doch das Geld war schnell weg. Verschämt trat Chaled den Rückzug an, jobbte auf dem Bau und im Sanitärbereich, aber gab seinen Traum nie auf. Und dann endlich wurde er in Bonn angenommen – natürlich als Selbstzahler. „Meine Eltern haben ihre Ersparnisse zusammengekratzt, rund 2000 Euro – aber die Schule hat 500 Euro im Monat gekostet, das Zugticket noch mehr. Da reichten 180 Euro BAföG bei Weitem nicht. „Ich hatte zig Jobs gleichzeitig, habe meinen Eltern erzählt, dass ich bei Mitschülern schlafe, wenn ich nach einer Gastro-Schicht die Bahn nicht mehr bekommen habe, bin dann zwei, drei Stunden durch Bonn geeiert, bis der Unterricht begann.“

Chaleds Sprungbrett: TSV Germania Windeck

Und dennoch: „Praktisch war ich immer sehr gut. Mein Staatsexamen habe ich mit 1,5 gemacht.“ Eine Zeit lang arbeitete er in einer Praxis , dann kam ihm die zündende Idee. Chaled wandte sich an „Schocki“, Heinz-Georg Wilmeroth, damals Vorsitzender vom TSV Germania Windeck: „Darf ich den Raum, wo ich sonst unsere Spieler massiere, auch privat nutzen?“ Bingo – wenn er die Vereinsmitglieder für fünf Euro behandelt! „Ich hatte 80 Euro, von denen ich 20 Euro in Visitenkarten investierte, meine Massagebank und jetzt meine 5,5 Quadratmeter große Praxis“, schmunzelt Chaled. Es lief prima, schnell hatte er den Ruf als „bester Rückendrücker des Landes“ weg, siedelte ins Wirtshaus des Vereins um und trennte es mit einer spanischen Wand vom Ausschankbereich ab, stellte sogar seinen ersten Mitarbeiter ein

Dann ging es Schlag auf Schlag. Er gründete mit dem jüngsten Bruder seiner Mutter „Physio CKI – das sind unsere Anfangsbuchstaben, ausgesprochen wie das englische Key – der Schlüssel zur Gesundheit.“ Pro Jahr kam ein neuer Standort hinzu, 2019 zählte das Unternehmen schon 120 Mitarbeiter. Und eine große Kette zeigte Interesse, vor allem an den Standorten. Chaled verkaufte – und kassierte erstmals kräftig, aber die Namensrechte behielt er. Zum Glück. Zwar hätte er mit Anfang 30 nicht mehr arbeiten müssen, aber das Leben langweilte ihn. „Dann haben wir Physio 2.0 gegründet, immer neue Standorte gefunden. Und ich wollte das Unternehmen weiterentwickeln, habe alle Anteile zurückgekauft und 2023 an die PE – Private Equity – aus Düsseldorf verkauft. Das ist eine Privatbank.“ Dann ging die Reise erst richtig los. Mit seinen immer noch „signifikanten Anteilen“ verdoppelte er das Unternehmen, verkaufte im Dezember 2025 wiederum Anteile an den größten Healthcare-Fonds Europas. Wie er das ohne BWL-Studium auf die Kette gekriegt hat? Er lächelt: „Am meisten habe ich von meinen Patienten, ihren Lebensgeschichten gelernt. Die Fehler, die andere gemacht haben, muss ich ja nicht selbst machen.“

Erfolgsstory: Chaled Qarizada baute die Physiotherapiekette Physio CKI auf

Copyright: Physio CKI/Julian Huke

2026: Als Chef von 18 Filialen der Kette „Physio CKI“, die man mittlerweile in Köln, Düsseldorf, Bonn und dem gesamten Rhein-Sieg-Kreis findet, hat Chaled Qarizada kaum noch Zeit, selbst mitzutrainieren.

So wurde Chaled Qarizada ein vermögender Großunternehmer – und hat immer noch 18 Standorte, vom Rhein-Sieg-Kreis bis Düsseldorf – mit 350 Mitarbeitern. Ob jemand homosexuell oder hetero, Jude, Christ oder Moslem sei, das spiele für ihn gar keine Rolle. „Wir haben auch fachkompetente Italiener, Griechen, Spanier, Ägypter, Tunesier. Unsere Türen stehen offen für jedermann und jederfrau. Aber: Sie müssen Leistung bringen. Warum macht das Land das nicht auch so? Warum verlangt es keine Gegenleistung?“, fragt sich der Geschäftsmann. Auf der anderen Seite fordert er, dass die Bürokratie abgebaut werden sollte, damit Menschen schneller eine Arbeitserlaubnis bekommen. „Ist doch klar, dass zehn junge Leute, die nichts zu tun haben und den ganzen Tag rumeiern, sich zusammentun und auf dumme Gedanken kommen.“

Auf die Idee werden die Mitarbeiter in seinem Headquarter im Herzen Kölns sicherlich nicht kommen. Alles wirkt hip, großzügig, lichtdurchflutet, alle Menschen sind freundlich. Chaled sorgt sich nicht, dass der Vermieter Ärger machen könnte – wegen der rausgerissenen Wände. „Ich habe das ganze Haus gekauft“, erzählt er. Aber über Geld will der Mann, der nicht im Maßanzug, sondern im dezenten Ralph-Lauren-Pulli zum Interview erscheint, eigentlich nicht sprechen. „Hold The Vision. Trust the Process“ (Behalte dein Ziel im Auge, vertraue dem Weg) – der Leitspruch, der an der Wand seines Büros prangt, beschreibt Chaled Qarizada gut: Nicht der Reichtum an sich, sondern der Weg dahin, das ist für ihn das Ziel.