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Gastro-Szene in der KriseGroße Sorge um kölsche Eckkneipe – Chefin redet Klartext

Der Blick in eine Kneipe (Symbolfoto)

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Der Blick in eine Kneipe (Symbolfoto)

Wie steht es um die Kölner Gastro-Szene? Maike Block, Geschäftsführerin der IG Kölner Gastro, redet Klartext.

Fast 50.000 Menschen arbeiten in der Kölner Gastronomie. Mehr als bei Ford. Mehr als bei der Stadt selbst. Und trotzdem kämpft die Branche täglich ums Überleben – gegen Lärmkläger, Bürokratie-Monster und sinkende Kölsch-Absätze.

Maike Block, Geschäftsführerin der IG Kölner Gastro, hat im Podcast „Wirtschaft Köln Unplugged“ Klartext geredet.

Köln, dein größter Arbeitgeber heißt nicht Ford

Wer denkt, die größten Arbeitgeber in Köln seien Ford oder die Stadtverwaltung, liegt falsch. Maike Block korrigiert dieses weitverbreitete Missverständnis mit einer schlichten Zahl: „In der Gastronomie arbeiten in Köln um die 47.000 Menschen sozialversicherungspflichtig – und wir sind mit Abstand die größte Arbeitgeberin der Stadt.“

Eine Branche, die es schwer hat in Köln. Block wird konkret: Wer glaubt, Kölner Bürokratie-Geschichten seien übertrieben, der kennt die Wahrheit noch nicht. Im Rahmen des neuen städtischen Gestaltungshandbuchs für Außengastronomie wollte die Stadt Köln den Wirten tatsächlich vorschreiben, in welchen Farben sie ihre Außenmöbel gestalten dürfen. Die Vorgabe: Braun, Beige oder Grau.

„Wenn wir meinen, wir möchten da eine Pflanze hinstellen oder regenbogenfarbige Stuhlkissen – oder auch nur rote oder pinke –, dann wäre es doch sehr nett, wenn die Stadt uns nicht vorschreibt, dass sie doch bitte braun, beige oder grau sein sollen“, so die IG-Gastro-Chefin.

Erst nach hartnäckigem Druck der IG Gastro ruderte die Stadt zurück. Block wertet das als kleinen Sieg – aber auch als Symptom eines größeren Problems: Köln neigt dazu, seine Gastronomen zu gängeln, statt sie zu unterstützen.

Wenn ein einziger Nachbar klagt

Das Szenario kennen viele Kölner Wirte aus eigener, bitterer Erfahrung: Man betreibt seit Jahren ein beliebtes Lokal, der Laden läuft, die Gäste sind glücklich – und dann zieht jemand über dem Restaurant ein. Und klagt. Auf Basis eines Lärmschutzgesetzes, das die Realität einer lebendigen Großstadt schlicht nicht abbildet.

„Es kann tatsächlich sein, dass eine Einzelperson sich gestört fühlt und an der Stelle juristisch wirklich durchgreift – mit einem veralteten Gesetz, das den Lärmpegel in der Stadt völlig unrealistisch darstellt. Und am Ende legt sie zum Beispiel einen ganzen Platz lahm“, erklärt Block.

Sie bringt es auf eine einfache, aber treffende Formel: Wenn sich in einer dicht bebauten Stadt wie Köln nur ein einziger Nachbar am Lärm stört, sei das für sie eigentlich der Beweis, dass es gar keinen Lärm gibt – weil 500 andere Menschen ringsum offenbar keine Probleme haben. Juristisch zählt das leider nicht. Das Ergebnis: Außenterrassen müssen früher schließen, Umsätze brechen weg, Konzepte sterben.

Köln trinkt weniger Kölsch – und die Brauereien spüren es

Ein weiteres Problem, mit dem viele Wirte kämpfen: „Die Leute trinken einfach viel, viel weniger Alkohol. Es wird nicht wie früher in Köln – auf gut Deutsch gesagt – gesoffen. Und das spüren dann natürlich auch unsere Brauereien, die ächzen unter den Bierabsätzen.“

Die Gründe? Gestiegenes Gesundheitsbewusstsein, leere Geldbeutel durch Inflation, und eine Generation, die das vierte Bier lieber stehenlässt. Für die Gastro bedeutet das: weniger Umsatz pro Gast, weniger Marge, weniger Spielraum. Wer dachte, das Kölsch sei unantastbar – Block sieht das nüchtern.

In diesem Zusammenhang geht es auch um die alte Eckkneipe mit Kultstatus.

Blocks größte Sorge gilt nicht den modernen Konzepten, nicht den Investoren-Restaurants, nicht dem nächsten hippen Café. Ihre größte Sorge gilt den alten Kölner Eckkneipen.

Sorgen um die kölsche Eckkneipe

„Gerade so die alte kölsche Eckkneipe – aus meiner Sicht ein ganz, ganz hohes Gut und ganz besondere Plätze – haben natürlich Probleme mit der Nachfolge“, so Block.

Dabei beobachte sie durchaus eine kleine Trendwende: Junge Leute würden gerade die nostalgische Kaschemme neu entdecken. Sie schauen den FC dort, trinken ihr Feierabendbier in Kneipen, die ihre Großeltern kannten.

Doch damit eine Eckkneipe überleben kann, brauche es auch einen Wirt, der bereit sei, sich zu wandeln – auch mal einen Aperol Spritz auf die Karte zu setzen, ohne dabei die Seele des Ladens zu verkaufen.

Blocks Botschaft ist klar: Köln hat eine der stärksten Gastro-Szenen Deutschlands. Aber wenn Bürokratie, Lärmkläger und leere Kassen weiter so zuschlagen, wird es stiller in dieser Stadt. Viel stiller.

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