Der „Gänse-Lärm“ am Rautenstrauchkanal spaltet Köln in zwei Lager. Jetzt äußert sich Claudia Scherping von „Schwäne Köln“.
Gänse-Debatte in KölnExpertin erklärt großes Problem

„Geschnatter-Terror“ am Kölner Rautenstrauchkanal: Viele Kölnerinnen und Kölner zeigen Verständnis für Birte G. (57), die wegen der Wildgänse und deren Lärm genervt ist. Auf einem Video, das sie aufnahm, ist lautes Gänse-Geschrei (ähnelt Autohupen) zu hören.
Jetzt stellt Claudia Scherping von „Schwäne Köln“ ihre Sicht dar und bricht eine Lanze für die Gänse.
Kölner Gänse-Debatte: Population der Nilgänse steigt und steigt
„Das sind Kanadagänse, die sich offenbar ums Revier, um die Brutplätze streiten“, erklärt die Expertin, nachdem sie sich das Video angeguckt beziehungsweise angehört hat. „Im Moment haben wir zwei, drei Paare, die dort versuchen zu brüten. Wenn das überhaupt erfolgreich ist, wandern sie mit ihren Küken zum Aachener Weiher ab. Sie sind also gar nicht ganzjährig am Rautenstrauchkanal“, so Claudia Scherping.
Kanadagänse wurden aus Nordamerika eingeführt und gelten seit den 1970er Jahren in Deutschland als Brutvogel. Scherping: „Die Gänse, die wir in Köln sehen, sind hier geschlüpft und somit ‚Kölsche Kanadagänse‘. Sie ziehen nicht in den Süden.“ Die Stadt Köln betreibt ein Gelegemanagement, um ihre Population zu kontrollieren. Dabei entnimmt ein beauftragter Experte Eier aus den Nestern.
Claudia Scherping sieht eher die Nilgans (kommt ursprünglich aus Ostafrika) kritisch. „Sie brüten überall, sehr gerne oben: in Bäumen, auf Dächern und Kirchtürmen. Zwar gibt es auch bei ihnen ein Eier-Management, aber oft kommt man gar nicht an die Nester dran. Sie brüten zudem mehrmals jährlich und man weiß nicht, wann“, erklärt sie das Problem. Daher sei ihre Population in Köln sehr hoch. „Sie steigt und steigt“, so Scherping.
In der Brutzeit sei es jedoch normal, dass alle Wildgänse aufgeregter sind, mehr Lärm machen und Warnrufe ausstoßen, wenn Menschen oder Hunde ihnen zu nah kommen. Dominante Paare würden auch andere Nilgänse fernhalten und intensiv ihr Revier verteidigen. Die Nilgans, so die Expertin von Schwäne Köln, habe aber leider einen schlechten Ruf.
Ertränkt eine Nilgans Schwanenküken?
So würden Videos kursieren, dass diese Schwanenküken unter Wasser drücken und töten würden. „Es machen viele Geschichten die Runde, die so nicht korrekt sind“, sagt Claudia Scherping. „Ein Schwan würde es nicht zulassen, dass eine Nilgans sein Küken ertränkt.“
Der Schwan beim Rautenstrauchkanal, der ein relativ kleines Gewässer sei, würde aber die Kanadagans regelmäßig jagen, weil er nicht wolle, dass sie in seinem Revier brütet, und würde sie auch ertränken, erklärt sie. „Der Größere geht an den Kleineren. Aber auch eine Ente würde ein fremdes Küken ertränken. Das ist die Natur.“
„Bei den Schwänen regt sich keiner auf, aber bei den Nilgänsen. Da sind wir bei dieser Ausländerfeindlichkeit – weil viele sagen, die gehören hier nicht hin“, so Claudia Scherping. Sie appelliert: „Wir müssen aber lernen, mit ihnen zu leben.“
So würde die Stadt zwar Wildgänse in den Randbezirken bejagen lassen, dafür gebe es jetzt noch mehr in der Stadt. „Wenn ein Nilganspaar verschwindet, ist sein Revier bereits am nächsten Tag von einem anderen Paar besetzt“, erklärt sie.
Auch den Ärger über den vielen Kot versteht sie. Scherping: „Natürlich ist das nicht schön. Aber wenn ich sehe, was für Müll die Menschen zum Beispiel am Aachener Weiher zurücklassen, darunter Glasscherben, Kondome, Plastikverpackungen – dann frage ich mich: Ist es verhältnismäßig, dass wir uns über Gänse aufregen?“

