Die Gräber berühmter Kölner verkommen. Die ehemalige Dombaumeisterin von Köln spricht von einer „Schande“.
Bittere Szenen auf Kölner Melaten„Ich muss sagen: eine Schande!“

Copyright: Alexander Schwaiger
Grabstätten an der ursprünglichen Hauptachse des Kölner Friedhofs Melaten: Viele der Gräber verkommen.
Die Kölner Dombaumeisterin a.D. Barbara Schock-Werner bezeichnet den Zustand vieler Ehrengräber auf dem Friedhof Melaten in einem Serienbeitrag des „Kölner Stadt-Anzeiger“ als eine „Schande“. Unter den dort Beigesetzten finden sich bedeutende Namen der Stadtgeschichte.
Die städtischen Ehrengräber auf Melaten seien teilweise in einem so desolaten Zustand, dass es den Toten nicht gerecht werde und der Stadt nicht zu Ehre gereiche, klagt sie.
Die Wichtigkeit von Melaten, der während der französischen Besatzung um 1800 auf Befehl Napoleons zum ersten städtischen Friedhof wurde, muss man in Köln kaum erklären. Durch das Wallraf-Jubiläum 2024 ist die Beachtung nochmals gestiegen. Der erste Friedhofsplan sowie die Inschrift an der Mauer zur Aachener Straße stammen von Johann Ferdinand Wallraf (1748 bis 1824) persönlich. Am früheren Haupteingang beginnen heute zahlreiche Führungen.
Melaten ist auch eine Art Kölner Chronik der letzten 200 Jahre – mit zahlreichen Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, die dort ihre letzte Ruhestätte fanden.

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Das Ehrengrab der Familie von Wittgenstein auf dem Kölner Friedhof Melaten (Ausschnitt)
Schon auf den ersten Metern treffe man laut Schock-Werner jedoch auf städtische Ehrengräber, die alles andere als repräsentativ seien. Dabei hat die Stadt für sie eine Art Patenschaft übernommen. Die dort Bestatteten müssen nicht zwingend Kölner Ehrenbürger gewesen sein.
In einem besonders schlechten Zustand befinde sich das Familiengrab der von Wittgensteins, direkt an der ersten Kreuzung vom Eingang Aachener Straße. Das Gitter sei verrostet, die Stele verwittert, fast alle Platten seien schmutzig und mit Moos bedeckt, sodass die Inschriften kaum lesbar seien. Da nütze es wenig, dass allein die Marmorplatte des Regierungspräsidenten Johann Heinrich Franz von Wittgenstein (1797 bis 1869) – Mitgründer des Festkomitees Kölner Karneval, Gründungspräsident der „Großen von 1823“ und des Zentral-Dombau-Vereins (ZDV) – einigermaßen gepflegt ist.
Im Gegenteil: Der Kontrast verdeutliche die Vernachlässigung der acht anderen Platten umso mehr. „Ich muss sagen: eine Schande!“, klagt die ehemalige Dombaumeisterin in dem Beitrag.

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Die Kölner Ehrengräber auf Melaten sind in miserablem Zustand.
Die Verantwortlichen vom Grünflächenamt erkennen dem Bericht nach das Problem an. Sie machten Personalmangel geltend. Mehr als eine halbe Stelle für die Pflege der Ehrengräber sei nicht möglich.
Barbara Schock-Werner wollte wissen, ob man die Pflege nicht selbst in die Hand nehmen könne, zusammen mit Spendern. Aber die Antwort war Nein: „Das dürfen Sie nicht. Dafür sind wir zuständig.“
Es gibt auch einen „Förderverein Melaten“, der sich angeblich um die Gräber auf dem Friedhof kümmert. Schock-Werner habe zweimal versucht, dort Mitglied zu werden, ohne Erfolg. Eine nennenswerte Grabpflege könne sie nicht erkennen. „Aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren.“
Ein jämmerliches Bild bietet auch das Grab des legendären „Roten Becker“. Hermann Heinrich Becker (1820 bis 1885) war zehn Jahre lang Kölner Oberbürgermeister. Seinen Spitznamen erhielt der sehr beliebte Politiker nicht wegen seiner linksliberalen Haltung, sondern aufgrund seiner Haarfarbe.
Ein Stadtoberhaupt, das wegen Kontakten zu Karl Marx im Kölner Kommunistenprozess 1852 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt wurde – das allein ist schon eine außergewöhnliche Geschichte.

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Porträtmedaillon am Ehrengrab des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters Hermann Heinrich Becker auf dem Friedhof Melaten.
Das ehemals eindrucksvolle Grabmal mit einem Bronzerelief der Colonia und einem schönen Porträtmedaillon ist komplett heruntergekommen. Einzelne Buchstaben der Inschrift fehlen, und der Efeu breitet sich unaufhaltsam aus.
Für leichten Grusel sorgt schließlich der Anblick der Grabstätte der Bankiersfamilie Herstatt – bekannt durch die spektakuläre Pleite in den 1970er-Jahren. Der alte Spruch „Sic transit gloria mundi“ – „so vergeht der Ruhm der Welt“ – könnte hier nicht treffender illustriert werden.
Die Gräber entlang der Hauptachse seien die teuersten überhaupt gewesen. Sie wurden als „Ewigkeitsgräber“ mit unbefristeter Bestandsgarantie verkauft. Bis der Stadtrat diese Regelung Anfang der 1960er-Jahre aufhob und die Ewigkeit für beendet erklärte. Seither kann die Stadt Grabstätten einziehen. Wer sie weiter nutzen will, muss sie neu erwerben.

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Ein Grabkreuz auf dem Kölner Friedhof Melaten
Man könnte nun einwenden, die Überwucherung der Gräber sei ein Symbol der Vergänglichkeit: Die Natur erobert sich zurück, was der Mensch einst gestaltete.
Zumindest bei den städtischen Ehrengräbern sollte das Erscheinungsbild dem Anspruch eines ehrenden Gedenkens entsprechen, findet die ehemalige Dombaumeisterin. „Deshalb meine Bitte“, schreibt sie. „Was die Stadt selbst nicht schafft, das soll sie die Bürgerinnen und Bürger machen lassen.“ (red)
