Die Stadt Köln lässt Ehrengräber auf Melaten verrotten und lehnt Hilfe ab. Das macht Dombaumeisterin a.D. Barbara Schock-Werner stinksauer.
Bericht rüttelt aufEhrengräber auf Kölner Melaten-Friedhof verrotten

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Die alte Herstatt-Gruft auf dem Friedhof Melaten ist in einem schlechten Zustand.
Der jämmerliche Zustand zahlreicher historischer Gräber auf dem Friedhof Melaten sorgt für gewaltigen Ärger in Köln. Eine Kolumne von Barbara Schock-Werner, der früheren Dombaumeisterin, hat eine Welle der Empörung losgetreten, die sie selbst überraschte. Nun meldet sie sich erneut zu Wort, und das aus gutem Grund.
Zahlreiche Reaktionen über den erbärmlichen Zustand von vielen historischen Grabstätten bedeutender Kölnerinnen und Kölner belegen, dass Schock-Werners Ärger mit dem Grünflächenamt kein Einzelfall ist. Viele Kölner und Kölnerinnen teilen ihre Frustration.
2720 denkmalgeschützte Grabstätten auf dem Melaten-Friedhof
Doch die offizielle Reaktion der Stadtverwaltung auf eine Anfrage hat Schock-Werner fassungslos gemacht. Dennoch gibt sie nicht auf und kämpft weiter, in der Hoffnung, die Ehrengräber doch noch zu retten.
Die offiziellen Zahlen der Stadtverwaltung offenbaren das Dilemma: Auf Melaten existieren 2720 denkmalgeschützte Grabstätten. Für 1173 davon trägt die Stadt Köln die Verantwortung, da keine Nutzungsrechte mehr existieren. Dazu kommen die 99 Ehrengräber, unterteilt in neun Ruhestätten von Ehrenbürgern, 79 von „verdienstvollen Bürgern“ und elf mit „besonderem Status“.
Für die Sicherung und den baulichen Erhalt stehen jährlich nur 144.000 Euro zur Verfügung. Zusätzlich fließen 11.500 Euro in die gärtnerische Pflege der Ehrengräber. Jeder Laie erkennt sofort: Diese Summe ist ein Tropfen auf den heißen Stein und reicht bei Weitem nicht aus, um den Verfall aufzuhalten.
Für Schock-Werner ist es absolut unverständlich, wieso die Verwaltung stur auf ihrer alleinigen Verantwortung besteht. Sie bot an, die verwahrloste Grabstätte der Familie von Wittgenstein auf eigene Faust wiederherzustellen. Schließlich war Johann Heinrich Franz (1797 bis 1869) eine Kölner Größe: Regierungspräsident, Mitgründer des Festkomitees Kölner Karneval und Gründungspräsident des Zentral-Dombau-Vereins.

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Grabstätte der Familie von Wittgenstein auf dem Kölner Friedhof Melaten
Die Stadtverwaltung wiegelt jedoch ab. Angeblich habe sich die Expertin vor einem Jahr lediglich über ein kaputtes Eisengitter beschwert. Es sei „keine konkrete Anfrage hinsichtlich weiterer Sanierungsmaßnahmen an das Grünflächenamt herangetragen“ worden. Ein mögliches Interesse an einer Patenschaft sei zudem „nicht aufrechterhalten worden“.
Diese Darstellung bringt die Fachfrau auf die Palme. Sie betont, dass ihr Hauptanliegen die stark vermoosten Grabplatten waren und sie auf eine professionelle Restaurierung pochte. Die Stadt lehnte dies jedoch mit einer absurden Begründung ab: Das Entfernen des Mooses würde die Steine beschädigen. Für Schock-Werner blanker Unsinn: „Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Die im Moosbewuchs gespeicherte Feuchtigkeit lässt den Stein umso schneller verwittern.“
Den Vorschlag der Stadt, eine Patenschaft zu übernehmen, bezeichnet sie als reine Ablenkung. Bernd Woidtke, der Vorsitzende des Fördervereins Melaten, kann das bestätigen. Auch seinem Verein wurde eine Patenschaft angeboten, was jedoch sinnlos ist, da niemand vom Verein plant, sich dort beerdigen zu lassen.
Immerhin konnte ein Missverständnis mit Bernd Woidtke ausgeräumt werden, das noch aus der Corona-Zeit stammte. Nach einem klärenden Gespräch ziehen sie nun an einem Strang. Man will sich gemeinsam für Melaten einsetzen – eine Versöhnung, die Hoffnung macht.
Stadt Köln hält Bürger und Bürgerinnen zur Grabpflege an
Wie streng die Stadtverwaltung agieren kann, wenn sie nicht selbst in der Pflicht steht, zeigt ein anderer Fall. Ein Kölner berichtet, dass das top gepflegte Grab seiner Eltern von der Stadt beanstandet wurde. Der Grund: eine wild gewachsene Konifere. In einem offiziellen Schreiben wurde der Zustand als „ungepflegten und damit nicht satzungsgemäßen Zustand“ bezeichnet und auf die Gleichbehandlung aller hingewiesen.
Der betroffene Mann war nach eigenen Worten „überrascht“, da er die vielen vernachlässigten Gräber kennt, für die die Stadt zuständig ist. Sein bitteres Fazit: Die angebliche Gleichbehandlung hört wohl auf, „offensichtlich dann, wenn die Stadt selber für Gräber verantwortlich ist“. Er fügt hinzu: „Als Stadt erlaubt man es sich offensichtlich, diesen ungepflegten und sicher auch nicht satzungsgemäßen Zustand nicht beseitigen zu müssen. So einfach kann man es sich natürlich machen…“.
Aufschlussreiche Post der Bankiersfamilie Herstatt
Eine besonders brisante Nachricht erreichte Schock-Werner von einem Nachfahren der Bankiersfamilie Herstatt aus Hamburg. Auch deren historische Ruhestätte auf Melaten ist in einem beklagenswerten Zustand. Johann David Herstatt schrieb ihr: „Hat mich sehr betroffen gemacht. Da ich in Hamburg lebe, war ich nun bestimmt zwei Jahre nicht an der alten Grabstelle. Der Zustand hat sich wohl nochmals erheblich verschlechtert. Vor etwa 15 Jahren hatte die Familie versucht, an dem Zustand selbst etwas zu ändern. Dies wurde uns aber untersagt.“
Unfassbar: Während die Familie ein anderes, neueres Grab pflegen darf, ist die historische Gruft mit den Sarkophagen für sie tabu. Das Pikante daran, so Herstatt: „Das Besondere an der Grabstätte ist, dass hier auch Friedrich-Peter Herstatt (1775 bis 1851) liegt. Ihm ist es zu verdanken, dass es überhaupt den Melaten Friedhof gibt. Es hatte damals zu napoleonischen Zeiten etwa die Hälfte der gesamten Grundstücksfläche der Stadt geschenkt. Aus diesem Grund sollte die Stadt interessiert sein, sich um den Erhalt und die Pflege der Grabstätte zu kümmern. Auch wird mein Ur-Ur-Ur-Großvater in seiner Gruft im Gegensatz zu einer einfachen Erdbestattung noch physisch anwesend sein. Daher gebührt ihm eine entsprechende Achtung.“

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Barbara Schock-Werner auf Melaten: Die Kölner Ehrengräber sind in miserablem Zustand.
Der öffentliche Druck scheint zu wirken. Die Stadtverwaltung will offenbar weitere Peinlichkeiten vermeiden. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es nun: „Die Stadt Köln schätzt das Ehrenamt in auf die Pflege der Ehrengräber überaus hoch.“ Man sei Helfern „entsprechend dankbar“ und wolle mit Schock-Werner Kontakt aufnehmen, „um zu einer Klärung des Sachverhaltes und einer bestmöglichen Lösung zu gelangen“. Zudem werde man das Gespräch mit den beauftragten „externen Unternehmen“ suchen, berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger.
Schock-Werner begrüßt diese Ankündigungen. Sie ist überzeugt, dass die verfallenen Gräber gerettet werden können, wenn alle an einem Strang ziehen. Die Familie Herstatt hat ihre Hilfe erneut zugesagt, der Förderverein Melaten ist ebenfalls mit im Boot. Sie ist zuversichtlich, schnell weitere Sponsoren zu finden. Ihre klare Ansage an die Stadt: Sie hören von mir. (red)
