Zum dritten Mal in Folge hat die deutsche Nationalmannschaft wieder nicht das Achtelfinale der Weltmeisterschaft erreicht. EXPRESS.de sprach mit Sportmoderator Thomas Wagner über die Konsequenzen.
Fazit vom DFB-Camp-ReporterKnallharte Abrechnung nach dem erneuten WM-Desaster

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Thomas Wagner (r.) als Moderator für MagentaTV an der Seite von Weltmeister Thomas Müller beim Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste.

Nach einer letzten Ansprache haben die Nationalspieler das WM-Camp in Winston-Salem verlassen, viele flogen direkt in den Urlaub. (Noch-)Bundestrainer Julian Nagelsmann landete mit Ehefrau Lena und seiner Mutter am Mittwoch (1. Juli 2026) um 9.33 Uhr in München.
Auch für Thomas Wagner (54) geht es jetzt wieder zurück nach Köln. Der Sportmoderator berichtete während der WM täglich für MagentaTV aus dem deutschen Team-Quartier und war zudem der Interviewer direkt vor und nach den Spielen für das internationale Sendesignal.
Thomas Wagner: „Nagelsmann war bockig und von oben herab“
Eigentlich hatte Wagner gehofft, bis zum 17. Juli, also zwei Tage vor dem WM-Finale, im Medienzentrum auf dem Gelände der Wake Forest University arbeiten zu können. Stattdessen herrscht dort nun gespenstische Leere. Zum dritten Mal in Folge hat die DFB-Elf nicht einmal das Achtelfinale erreicht.
Bevor der Sport-Experte ebenfalls viel zu früh das WM-Land verlassen musste, sprach er mit EXPRESS.de über seine Eindrücke.
Wie haben Sie das Ausscheiden erlebt?
Thomas Wagner: Beim Flug zurück ins Quartier muss es sehr still gewesen sein. Das Frusttrinken, das es früher schon mal nach einem vorzeitigen Ausscheiden gab, soll es nicht gegeben haben. Jeder war mit sich selbst beschäftigt. Bei allen Weltmeisterschaften war es zudem gute Sitte, dass es zum Abschluss noch eine Pressekonferenz gab. Diese hat nicht stattgefunden. Präsident Bernd Neuendorf hat sich in einem durch den DFB erstellten Video geäußert. Fragen der Journalisten waren nicht möglich.

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Thomas Wagner (r.) interviewt Bundestrainer Julian Nagelsmann vor dem Spiel gegen Curacao.
Am Ende bleiben also viele offene Fragen. Fangen wir bei Julian Nagelsmann an.
Thomas Wagner: Man kann es sich kaum vorstellen. Bei der Europameisterschaft 2024 hat er eine Euphorie entfacht, weil er an den richtigen Stellschrauben gedreht hat, wie mit der Kroos-Rückkehr. Nach dem unglücklichen EM-Aus gegen Spanien hat er eine Ruck-Rede gehalten und das Land mitgenommen. Er wollte Weltmeister werden, das haben ihm die Menschen abgenommen. Spätestens seit der Nations-League-Endrunde zu Hause hat er aber enttäuscht.
Wie haben Sie ihn in der Kommunikation erlebt?
Thomas Wagner: Ich kenne ihn schon sehr lange, habe damals sein allererstes Bundesliga-Heimspiel mit Hoffenheim für Sky begleitet und war sehr beeindruckt. Auch in der Anfangszeit bei den Bayern, als man ihm als Außenminister fast allein alle Themen überlassen hat, hat er das gut gemacht. Zu WM-Beginn wirkte er auch extrem fokussiert und überzeugend. Dass er aber den Schwung aus dem Sieg gegen die Elfenbeinküste überhaupt nicht mitgenommen hat, weil er sich in ein Schneckenhaus verzogen und die Grundsouveränität verloren hat, das hat mich irritiert.
Wie war er dann im Umgang?
Thomas Wagner: Er wirkte häufig schmallippig, bockig und ein kleines bisschen von oben herab, wenn es mal ernst gemeinte Diskussionen rund um die Nationalmannschaft gab. Das hat er stets als persönlichen Angriff betrachtet. Ich finde ihn extrem schlecht beraten. Denn nicht alle, die mit ihm sprechen, wollen ihm etwas Böses.
Welche Fehler muss er sich ankreiden lassen?
Thomas Wagner: Er hat sich in seinem Weg verheddert, ist da von seiner Hybris getrieben gewesen. Alles, was er gesagt hat, beispielsweise mit seinen Rollengesprächen, ist letztlich aufgeweicht worden. Ich denke da nur an die Personalien Rüdiger, Undav, Goretzka und Neuer.
Hat Nagelsmann Fehler bei der Kaderzusammenstellung gemacht?
Thomas Wagner: Klares Ja. Natürlich hätten die verletzten Gnabry, Karl und Schlotterbeck der Mannschaft gut zu Gesicht gestanden. Die Rückholaktion von Manuel Neuer hat sich nicht bezahlt gemacht. Zudem hat die Kommunikation viele in der Mannschaft irritiert. Von der angeblichen Aura habe ich wenig gesehen. Das spürte man besonders beim Elfmeterschießen, in dem die ersten drei gegnerischen Schützen ohne jede Angst angetreten sind. Nagelsmann ist es auch nicht gelungen, eine Alternative auf der rechten Abwehrseite zu finden. Der Versuch mit Joshua Kimmich muss angesichts seiner Tempodefizite als gescheitert betrachtet werden. Ein Spieler wie Said El Mala hätte in den Kader gehört, weil er etwas hat, was viele andere nicht hatten. Wenn das Leistungsprinzip gilt, hätte auch Matthias Ginter dabei sein müssen.

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Im WM-Camp in Winston-Salem nahm sich auch DFB-Sportdirektor Rudi Völler (l.) ausführlich Zeit für ein Gespräch mit Thomas Wagner.
Wie fällt Ihr Urteil über die Mannschaft aus?
Thomas Wagner: Es gibt zahlreiche Spieler, die seit vier, fünf Turnieren das Halbfinale nur noch mit dem Fernglas gesehen haben. Angefangen bei Kapitän Joshua Kimmich, bei Antonio Rüdiger oder Leroy Sané. Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz, die den Unterschied ausmachen sollten, hatten nach Verletzungen oder einer schweren Saison Probleme. Einzig Havertz hat punktuell für Glanzlichter gesorgt.
Was passt sonst nicht im Team?
Thomas Wagner: Mich stört der Hype um Spieler, die schnell hochkommen. Nathaniel Brown hat ein tolles Spiel zum Start gemacht. Das war aber, bei allem Respekt, gegen Curacao. Die Bayern zahlen für ihn 55 Millionen Euro. Das ist alles übertrieben. Aleksandar Pavlović spielt bei einem gut funktionierenden Spitzenteam wie den Bayern eine gute Rolle. Da sind mit Harry Kane, Luis Díaz und Michael Olise aber ausländische Spieler die Leistungsträger. Da kann man sich auch einen Ballverlust in der ohnehin nur zweitklassigen Bundesliga erlauben. Auf WM-Niveau war er jedoch überfordert.
War die familiäre Atmosphäre im Camp mit permanentem Besuch der Familien und Versteckspielchen der Fußballer zu entspannt?
Thomas Wagner: Der DFB war sehr stolz, dieses Quartier am Fifa-Vorschlagskatalog vorbei gefunden zu haben. Es ging um Zeitzonen und möglichst kurze Wege. Man wollte das Klima adaptieren, denn in Winston-Salem war es immer extrem schwül. Die Arbeitsbedingungen für uns Journalisten waren überragend. Für die Spieler hat es auch an gar nichts gefehlt. Die Frage ist nur, ob man ihnen wirklich immer alles abnehmen muss und stets die totale Einsamkeit wählen sollte. In Katar hat sich Deutschland auch im Wüstensand vergraben, statt in der Stadt zu wohnen. Zu den Familien: Es ist gut, wenn die Familie mal da ist. Aber das muss nicht alle vier Tage geschehen. Die Spieler sollten sich bei einer WM auf den Sport konzentrieren und nicht auf Flugmöglichkeiten und Hotels für die Partner. Das war etwas zu viel familiärer Jahrmarkt.

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Thomas Wagner (r.) im Gespräch mit Mats Hummels bei der Weltmeisterschaft.
Wie geht es nun weiter?
Thomas Wagner: Auf den Nachfolger, der nach Meinung vieler wohl Jürgen Klopp heißen wird, wartet eine Menge Arbeit. Wir haben nicht den breiten Fundus an Spitzenspielern. Beim Niveau der Bundesliga lügen wir uns doch ohnehin in die Tasche. Spannung gibt es an der Spitze ohnehin nicht mehr. Im Nationalmannschafts-Kader muss dringend durchgelüftet werden. Spieler wie Rüdiger, Goretzka oder Sané müssen Platz machen. Man muss auch die Kimmich-Rolle als Kapitän hinterfragen, der bei den Bayern alles gewonnen hat, im DFB-Trikot aber nur eine Halbfinal-Teilnahme vorzuweisen hat.
Und noch eine persönliche Frage: Wie war die Arbeit im WM-Land? Wie war die Atmosphäre?
Thomas Wagner: Ich weiß, dass es in Deutschland auch sehr heiß ist. Aber wir hatten hier stets über 30 Grad und weit über 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das war körperlich schon sehr anstrengend mit dem Klima, den Flugreisen und den Zeitzonen. Als Moderator das deutsche Team zu begleiten, ist aber eine Riesen-Ehre und ein Traum. Die Menschen waren unfassbar freundlich und interessiert. Die Begeisterung in den Stadien war toll, es herrschte richtige Fußball-Atmosphäre. Das war viel besser als bei der importierten Begeisterung in Katar oder dem sterilen Ambiente in Russland. Das Turnier ist absolut WM-würdig, nur leider unsere Mannschaft nicht. Wir haben insbesondere den Mythos der Turniermannschaft Deutschland verloren. So bleibt am Ende ein sehr trauriges Fazit: Deutschland ist im Weltfußball nur noch Mittelklasse.
