1

Olaf Janßen über die 3. Liga„Ich bin mir sicher: Das wird verrückt!“

Olaf Janßen bei einer Pressekonferenz des SV Sandhausen.

Copyright: IMAGO/foto2press

Olaf Janßen kennt die 3. Liga wie seine Westentasche.

Aktualisiert:

Olaf Janßen kennt die 3. Liga wie kein Zweiter. Der Kult-Coach analysiert die Liga vor dem Saisonstart.

Er stand schon für neun verschiedene Vereine in Deutschland an der Seitenlinie und etablierte Viktoria Köln langfristig in der 3. Liga.

Deswegen ist Trainer Olaf Janßen (59) genau der richtige Mann, um einen Blick auf die anstehende Saison zu werfen. Im EXPRESS-Interview hat der gebürtige Krefelder über seine Favoriten und die Chancen der NRW-Vereine gesprochen.

Viele Favoriten, stärkste 3. Liga seit Jahren

Herr Janßen, was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie an die neue Saison in der 3. Liga denken?

Olaf Janßen: „Mein erster Gedanke ist direkt, dass die 3. Liga sich schon wieder toppen wird. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie groß der Konkurrenzkampf ist und wie viele Mannschaften um die oberen Plätze mitspielen. Wenn man sich die Liga anschaut, mit Düsseldorf und Münster als Top-Absteiger, Essen, Duisburg, Rostock und etlichen weiteren Mannschaften. Das wird verrückt, da bin ich mir sicher. Es wird extrem spannend werden. Wenn man die Berichterstattung liest, hat man das Gefühl, dass acht Mannschaften aufsteigen könnten, das wird aber nicht funktionieren.“

Ist das die stärkste 3. Liga seit vielen Jahren?

Janßen: „Nach allem, was man weiß und was man bis jetzt gesehen hat, kann man fest davon ausgehen, dass es die stärkste 3. Liga seit Jahren ist. Auch wenn man die vier Aufsteiger sieht, sind das die stärksten, der letzten Jahre. Da einen Tipp abzugeben, ist schon eine Herausforderung.“

Welche Teams zählen zu den Aufstiegsfavoriten?

Janßen: „Der Favoritenkreis ist groß. Die beiden Absteiger mit Düsseldorf und Münster muss man auf jeden Fall dazuzählen. Rot-Weiss Essen zählt durch die letzte Saison auch dazu, die waren ja schon mit anderthalb Beinen in der 2. Liga. Der MSV hat als Aufsteiger eine Top-Saison gespielt und hat sich wieder sehr gut verstärkt. Rostock muss man auch auf jeden Fall nennen. Die haben eine unglaubliche Wucht mit dem Stadion und den 30.000 Zuschauern. Die haben auch wieder eine super Mannschaft. Wiesbaden wird 100 Jahre alt, die haben auch schon gesagt, dass sie oben mitspielen wollen. Dann gibt es noch einen erweiterten Kreis mit Mannheim, Saarbrücken, Regensburg. Dann sind wir schon bei neun Mannschaften. Die Wirtschaftlichkeit spielt eine große Rolle im Fußball, vor allem in der Bundesliga. Das ist in der 3. Liga extrem reduziert. Die Abstände sind viel geringer und mit einer guten Arbeit und Strategie kann man viel erreichen. Das wird man auch an den Ergebnissen sehen. Es ist immer schwer zu tippen, weil die Unterschiede bei der Qualität der Kader deutlich geringer sind als in den Ligen darüber.“

Die Aufsteiger sind schwer zu tippen. Deswegen anders gefragt: Was muss eine Mannschaft denn mitbringen, um am Ende oben zu stehen?

Janßen: „Es gibt zwei Parameter. Zum einen auf jeden Fall das Team. Das muss wirklich ein eingeschworener Haufen sein, sonst hast du in dieser Liga keine Chance. Eine funktionierende Mannschaft schlägt immer einen Gegner, der vielleicht bei den Einzelspielern besser besetzt ist. Der zweite Punkt ist die Athletik. Du brauchst eine fitte Mannschaft und darfst kein großes Verletzungspech haben. Das ist dann schwer aufzufangen. Diese Punkte sind in der 3. Liga extrem wichtig, auch wegen der Länge der Saison und der Intensität.“

Gibt es Mannschaften, die in den Prognosen überschätzt werden?

Janßen: „Das ist schwer zu beurteilen, weil die Leistungsdichte so eng ist. Das wäre von mir ja auch nur ein Raten oder ich würde nach Sympathie entscheiden, das ergibt keinen Sinn. Was aber klar ist: In dieser Liga wird sehr schnell eine Unruhe sein, weil so viele Mannschaften hochwollen. Auf den ersten beiden Plätzen werden aber nur zwei Mannschaften stehen, da ist es egal, wie gut die anderen spielen. Von Anfang an wird es deswegen unruhig werden. Die Vereine müssen da gefestigt und klar bleiben und die Rückschläge aushalten.“

Welche Chancen hat Fortuna Düsseldorf als Absteiger?

Janßen: „Für den Verein und den Trainer ist das eine riesige Herausforderung. Das war ein Totalschaden, anders kann man das nicht benennen. Über 60 Mitarbeiter mussten entlassen werden, das war schon ein Einschlag. Auf der anderen Seite kann so ein Moment aber extrem zusammenschweißen. Der Verein hat mit Ende ein Zeichen gesetzt, dass man diesen Weg gemeinsam geht. Das finde ich schon bemerkenswert. Das wird auch der richtige Schritt sein. Alex ist ein Trainer, der eine klare Spielphilosophie hat, das hat er in Verl und Münster unter Beweis gestellt. Diese 3. Liga ist alles, aber kein Selbstläufer, auch nicht für die Fortuna. Trotz allem habe ich die Fortuna auf meinem Zettel sehr weit oben stehen. Sie haben das Potenzial, das hat man auch an den Verpflichtungen gesehen. Die Qualität ist auf jeden Fall da, um ein großes Wort in der 3. Liga mitzusprechen. Wer aufsteigen will, muss an denen vorbei.“

Wann wäre es eine gute Saison für die Düsseldorfer?

Janßen: „Für mich geht es da in erster Linie um die DNA und die Art und Weise, wie man sein Spiel auf den Platz bringt. Wie sie das hinbekommen, das ist wichtig. Die Entwicklung einer Mannschaft hinzukriegen, dass die Zuschauer von außen erkennen, dass da Fortuna Düsseldorf spielt, das sollte das wichtigste Ziel sein. Das geht nicht von heute auf morgen. Da kann Fortuna auch am Ende 5. werden, wenn alle erkennen, das ist eine Top-Mannschaft. Dann waren halt vier Mannschaften besser, aber dieses Fundament wäre dann gegossen. Die Fortuna muss ihre DNA finden und möglichst viele Spieler im Kader haben, die die nächsten Schritte dann auch mitgehen.“

Kann Rot-Weiss Essen nach dem verpassten Aufstieg erneut angreifen?

Janßen: „Bei Essen muss man sehen, wo sie herkommen. Das letzte Mal 2. Bundesliga war mit mir als Manager vor Jahrzehnten. Die waren lange in der Regionalliga und haben sich jetzt in der 3. Liga etabliert. Uwe Koschinat hat die in höchster Abstiegsnot übernommen und sie zum Klassenerhalt geführt. Dann kam diese Saison als Dritter. Von daher gibt es viel mehr Positives als die verpasste Relegation. Da wurden sie auch nicht abgeschossen, sondern waren nah dran. Sie müssen auf die positive Seite der Medaille schauen. In den letzten anderthalb Jahren haben sie Entwicklungsschritte gemacht, die so nicht zu erwarten waren. Diese Liga ist brutal, aber sie sind gerüstet.“

Ähnlich ist auch die Situation beim MSV Duisburg.

Janßen: „Mit dem Aufstieg haben sie aus dem Stand die Liga dominiert. Für sie gilt das gleiche, wie für Essen, auch wenn sie ein bisschen eingebrochen sind. Sie waren bis zum Schluss nah dran. Deswegen wissen sie, dass sie es draufhaben. Sie haben gute Transfers gemacht und die Mannschaft punktuell verstärkt. Aus meiner Sicht sind sie voll im Rennen.“

Kann sich Ihr ehemaliger Verein Viktoria Köln auch Hoffnung auf den Aufstieg machen?

Janßen: „Es ist verrückt, dass sie in die achte Drittliga-Saison gehen. Ich kann mich aus meiner Zeit an keine Saison erinnern, wo die Experten nicht vorhergesagt haben, dass sie reif für den Abstieg sind. Es war immer ein großer Umbruch in der Mannschaft, besonders wegen positiver Entwicklung der Spieler. Wie viele da aus dem eigenen NLZ kommen, ist verrückt. Da hat sich eine eigene Spielidee und DNA entwickelt, wo der ganze Verein nach arbeitet. Das ist auch der Grund, wieso sie es jedes Jahr schaffen, diese Idee auf den Platz zu bringen. Auch mit Spielern, die niemand auf dem Zettel hatte. In diesem Jahr ist ihnen das wieder zuzutrauen. Die haben sehr spannende Jungs und machen einfach so weiter. Viktoria wird nichts mit dem Abstieg zu tun haben, weil die Qualität und DNA einfach viel zu gut sind. Es wird jede Mannschaft schwer haben, gegen die Viktoria zu gewinnen. Ich traue ihnen einen einstelligen Tabellenplatz zu. Als Sahnehäubchen dann vielleicht den Vereinsrekord mit 59 Punkten, das halte ich für möglich. Die handelnden Personen sind aber geerdet und wissen auch, wie schwer es ist, die 45 Punkte zu holen. Das werden sie aber schaffen.“

Wie sehen Sie Aufsteiger Fortuna Köln?

Janßen: „Dieses Gerede, dass sie die Nummer zwei in Köln werden wollen, finde ich aus der neutralen Position völlig daneben. Köln ist die einzige Stadt in Deutschland mit drei Mannschaften im Profibereich. Da geht es darum, dass alle drei Vereine stolz sein können und Köln ein Alleinstellungsmerkmal im Fußball hat. Das ist auch nicht selbstverständlich, ich habe ja schon über die Qualität der Liga gesprochen. Ich drücke alle Daumen, dass die Fortuna in der 3. Liga ankommt und diesen Schritt schafft. Das wird extrem schwer, das aus dem Stand hinzukriegen. Ich hoffe, sie bekommen aus der Stadt und dem Umfeld die maximale Unterstützung. Das werden Fußballfeste, wenn Essen und Düsseldorf kommen, das ist sensationell. Es gibt so viele großartige Aspekte für die Stadt. Die Fortuna weiß, dass es ein schwerer Ritt wird, aber ich traue es ihnen zu. Die Jungs werden hungrig sein, aber man muss ihnen auch die Möglichkeit geben, anzukommen. Sie waren über ein Jahrzehnt nicht mehr in dieser Liga. Das wird Zeit brauchen.“

Welche Teams könnten für eine faustdicke Überraschung sorgen?

Janßen: „Da muss man Viktoria Köln und den SC Verl nennen. Die werden jedes Jahr als Absteiger gehandelt und haben jedes Jahr alle überrascht. Saarbrücken hat nach dem Umbruch mit vielen jungen Spielern aber auch keiner auf dem Zettel. Da muss man sehen, die könnten sicherlich überraschen. Regensburg hat das Potenzial und Mannheim ist eine Wundertüte. Ingolstadt hat sich sehr verjüngt und geht mittlerweile einen anderen Weg als noch vor Jahren. Da hat ein Umdenken stattgefunden und die arbeiten eher wie Viktoria Köln. Das wäre auch eine Überraschung, wenn die weiter oben mitspielen. Stuttgart und Hoffenheim II sind sicherlich die größten Wundertüten der Liga, weil man die schwer einschätzen kann.“

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich persönlich von der neuen Saison?

Janßen: „Ich wünsche mir einen neuen Zuschauerrekord, der wird sicher geknackt. Außerdem hoffe ich auf eine hochspannende Saison, auch von den Punkten her. Oben und unten sollte es so lange wie möglich extrem eng zur Sache gehen. An jedem Spieltag brennt es dann. Einer der wichtigsten Wünsche ist jedoch, dass es wieder 15 junge Spieler schaffen, die Liga als Sprungbrett zu nutzen. Das ist das größte Aushängeschild der dritten Liga. Das ist eine große Anerkennung für alle Teams und ich würde mir wünschen, dass das auch wieder so sein wird.“

Dominique Heintz läuft über den Platz und trägt einen Kopfhörer im Ohr.
„Verstehe ich bis heute nicht“
Brutale Alters-Abfuhr: Heintz rechnet mit Ex-Klub ab