Auch der zweite Sieg im zweiten Testspiel hat nicht dazu geführt, dass die Grundstimmung rund um die Nationalmannschaft positiver geworden ist. Ein Kommentar zum Verhalten von Bundestrainer Julian Nagelsmann.
Viel Kritik und wenig EuphorieNagelsmann fährt einen gefährlichen Kurs

Zwei Spiele, zwei Siege. Auf den ersten Blick ist die Testspielwoche für die Nationalmannschaft nach Wunsch verlaufen. Die beiden letzten Begegnungen, bevor Julian Nagelsmann am 12. Mai seinen WM-Kader nominiert, brachten die erwünschten Ergebnisse.
Das 2:1 gegen Ghana war bereits der siebte Sieg in Serie, den der Bundestrainer mit seiner Mannschaft feiern konnte. Dennoch ist von einer bedingungslosen WM-Euphorie im Land nicht viel zu spüren.
Nagelsmann lässt Leistungsprinzip und Formkurve außer Acht
Nagelsmann muss sich immer wieder für seine Entscheidungen rechtfertigen und wird von einigen Fans hart angegangen. Gerade in den sozialen Medien schießen sich viele heftig auf den 38-Jährigen ein.
Am Montagabend machte ein Spruch im Netz die Runde. „Wenn der Wal sich noch länger wundliegt, wird er von Julian Nagelsmann noch für die WM nominiert“, hieß es da. Hinter dem Spott steckt die klare Kritik, dass seine Personalpolitik nur schwierig nachvollziehbar ist.
Pfiffe gegen einzelne Akteure, Dauer-Debatten um die Aufstellung. EXPRESS.de fragte deshalb den Bundestrainer: Herrscht zu wenig WM-Spirit? Seine Antwort: „Fußball ist ein Sport, der polarisiert. Einzelne Spieler polarisieren. Inwieweit die Leute WM-Euphorie haben, muss jeder für sich entscheiden. Wir wollen guten Fußball spielen und die Leute mitnehmen.“
Dass jedoch nicht das Leistungsprinzip und die aktuelle Formkurve darüber entscheiden, wer im DFB-Trikot auf den Platz darf, ist für viele ein Ärgernis und sorgt für den dürftigen Rückhalt. Nagelsmann hat mit seinen Rollengesprächen, die er mit jedem Spieler geführt hat, bereits zweieinhalb Monate vor WM-Beginn vieles in Stein gemeißelt.

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Selbst Maskottchen Paule ging bei Siegtorschütze Deniz Undav auf die Knie. Der Bundestrainer klang hingegen weniger euphorisch.
Siegtorschütze Deniz Undav, der mit 18 Toren erfolgreichste Bundesliga-Torschütze hinter Harry Kane, will diese Hierarchie aber nicht klaglos hinnehmen und möchte sich durch weitere Treffer in eine bessere Position bringen. Das wiederum stößt Nagelsmann sauer auf. Dessen Äußerungen nach dem Ghana-Sieg bezeichneten viele als Mobbing.
„Er setzt sich mit seinen Aussagen selbst unter Druck. Wenn er damit gut klarkommt, dann kann er das gerne machen. Ich fand seine Leistung bis zum Tor nicht gut, er hat einmal den Ball berührt“, urteilte der Coach. Unabhängig von der Tatsache, dass es 13 Ballkontakte waren, die der Stürmer hatte, empfanden viele die Kommunikation als unglücklich, die sich negativ auf das Funktionieren der Mannschaft auswirken kann.
Auch eine weitere Behauptung wurde schnell widerlegt. „Wenn er vorher 70 Minuten marschiert, weiß ich nicht, ob er den Ball so reinmacht“, hatte Nagelsmann gesagt. Beim VfB spielt Undav meist von Anfang an – 13 seiner 18 Tore erzielte er in der zweiten Halbzeit, mehrere davon nach der 75. Minute. „Er hat sein Tor gemacht, das ist sein Auftrag, das ist seine Rolle. Und damit ist, glaube ich, alles besprochen jetzt im Sieben-Tage-Dauerthema Deniz Undav“, sagte der Bundestrainer angefressen.

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Julian Nagelsmanns Ehefrau Lena Wurzenberger verfolgte das Länderspiel neben „Burgi“, der Mutter des Bundestrainers.
Das wirkt nicht nur dünnhäutig, das ist sogar ausgesprochen stur. Nagelsmann wirkt wenig glaubwürdig, wenn er krampfhaft versucht, Kritikpunkte an der Leistung des Matchwinners zu finden, anstatt den Moment einfach zu genießen und dem Torschützen die Freude zu gönnen.
Den zwei Siegen in den Tests zum Trotz: Zwei Jahre nach dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-EM braucht es viel Fantasie, um diese Nationalmannschaft als Titel-Kandidat bei der WM zu sehen, wenn es dort zu Duellen gegen Spanien, Frankreich oder Argentinien kommt.

