„Dann bin ich hier kein Trainer mehr“ Baumgart über Entwicklungsklub 1. FC Köln & Geißbockheim-Posse

Steffen Baumgart im Interview mit EXPRESS.de.

Steffen Baumgart spricht im EXPRESS.de-Interview unter anderem über die Geißbockheim-Posse, seine Wünsche für 2023 und die einheitliche Spielidee beim 1. FC Köln.

von Jürgen Kemper (kem)Martin Zenge (mze)

Der Ball ruht am Geißbockheim. Der 1. FC Köln hat sich in den wohlverdienten Weihnachts-Urlaub verabschiedet. Bevor es Steffen Baumgart (50) auf die Ski-Piste in Saalbach zog, stand der FC-Trainer EXPRESS.de im letzten großen Interview des Jahres Rede und Antwort.

Im zweiten Teil spricht Baumgart unter anderem über den „Entwicklungsklub“ FC, die einheitliche Spielidee und das Dauer-Nervthema Geißbockheim-Ausbau.

Steffen Baumgart: „Ich entwickle lieber unsere eigenen, guten Jungs“

Steffen Baumgart, wir sprachen im ersten Teil des Interviews über Jonas Hector. In der Klub-Doku meinte Ihr Kapitän zuletzt, die Mannschaft sei womöglich zu lieb, es könnten Lautsprecher fehlen. Stimmt das? Steffen Baumgart: Sagen wir mal so: Als ich früher mit meinem Co-Trainer Kevin McKenna in Cottbus gespielt habe, wären gewisse Sachen nicht einfach so vor sich gegangen wie bei uns in den letzten Monaten. Wenn jemand einen unserer Mitspieler rausgetreten hätte, hätte es eine Antwort gegeben, die wehgetan hätte. Dennoch finde ich, dass wir eine Mannschaft haben, die sich wehren kann. In diesem Bereich noch zu wachsen, gehört zur Entwicklung dazu. Wir haben viele junge Spieler auf dem Platz, soll ich von ihnen erwarten, dass sie sich mit jedem anlegen?

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Sie haben sich zuletzt klar für Bundestrainer Hansi Flick ausgesprochen. Würden Sie ihm raten, auf dem Weg zur EM 2024 auf einen Kölner zu setzen? Baumgart: Zum Beispiel? Da Hector nicht möchte, vielleicht Marvin Schwäbe? Baumgart: Marvin könnte interessant werden und dazukommen, wenn Manuel Neuer aufhören sollte. Wir haben mit ter Stegen, Trapp und Leno aber noch ein paar ganz gute Torhüter. Am besten, Marvin hält so weiter, und dann gucken wir mal, wo der Weg hingeht.

Eine der positiven Überraschungen der vergangenen Monate ist Denis Huseinbasic. Geht Ihnen bei so einer Entwicklung das Trainer-Herz auf? Baumgart: Denny ist in den Vordergrund gerückt. Wir dürfen Linton Maina und Eric Martel nicht vergessen. Genauso Marvin Schwäbes Entwicklung oder was ein älterer Spieler wie Kainzi hier seit eineinhalb Jahren spielt – das ist außergewöhnlich. Ich freue mich über ganz viele Entwicklungen und habe das Gefühl: Wir sind noch lange nicht am Ende. Denny ist einfach ein gutes Beispiel, wie man Jungs mit einer Idee von Fußball entwickeln kann. Wobei er es in der Rückserie nicht so leicht haben wird wie in der Hinrunde. Er wird nicht wie Phoenix aus der Asche durch jedes Spiel gehen.

Der FC definiert sich als Entwicklungsklub. Ist es also genauso wichtig, große Talente zu halten, beispielsweise Tim Lemperle und Justin Diehl, wie arrivierte Leistungsträger? Baumgart: Das hängt auch davon ab, was die Jungs wollen. Justin ist ein außergewöhnliches Talent. Wenn er den Weg mit uns gehen will, freuen wir uns. Tim braucht aus meiner Sicht noch seine Zeit, um sich weiterzuentwickeln. Er ist noch nicht so weit, dass er die Kontinuität für die Bundesliga hat. Aber Tim arbeitet jeden Tag dafür. Jan Thielmann ist beispielsweise schon einen Schritt weiter. Was nicht bedeutet, dass der eine oder andere mehr Talent hat.

Haben junge Spieler mittlerweile weniger Geduld als früher? Baumgart: Nein. Ich habe mich mit 17 auch hingestellt und gesagt: Ich will spielen. Ungeduld sehe ich überhaupt nicht negativ. Aber heute werden die Jungs mehr von außen gepusht, werden in einem Privatflugzeug durch die Welt geflogen. Wir dürfen nicht vergessen: Es gibt ganz, ganz wenige Spieler, die sich mit 18, 19 Jahren schon durchgesetzt haben – das ist etwas Außergewöhnliches. Jan Thielmann, Youssoufa Moukoko oder Florian Wirtz sind Ausnahmen. Wobei ich bei unseren Jungs nicht das Gefühl habe, dass Berater kommen und sagen: Die müssen spielen! Wir zeigen ihnen eine gute Perspektive auf. Mittlerweile ist auch bekannt, dass hier ein Trainer arbeitet, der auf junge Spieler setzt und sich nicht in die Hose macht, sie einzusetzen.

Real Madrid zahlt angeblich 60 bis 70 Millionen Euro für ein 16-jähriges Talent… Baumgart: Und dann werden solche Klubs auch noch gefeiert, was sie für tolle Augen haben. Da denke ich mir: Alles klar, ich entwickle lieber unsere eigenen, guten Jungs. Davon haben wir eine ganze Menge. Das werden wir auch Anfang Januar sehen, wenn wir fünf, sechs Talente aus der A-Jugend hochziehen. Wir wollen unsere Eigengewächse aufbauen, integrieren und so Erfolg haben.

Steffen Baumgarts Wünsche für 2023: Frieden und Gesundheit 

Beim FC soll künftig bis runter in die Nachwuchsmannschaften eine einheitliche Spielidee implementiert werden. Wie genau soll das aussehen? Baumgart: Es geht um die Prinzipien, Abläufe und die Spielphilosophie, die wir haben. Wie verteidigen wir, wann attackieren wir? Wenn die Nachwuchsspieler unsere Art und Weise, Fußball zu spielen, kennen, fällt es ihnen leichter, oben anzukommen. Das heißt nicht, dass wir von oben alles durchdrücken – das kann nicht funktionieren. Wir sollten den Nachwuchstrainern immer auch eine Entscheidungsgewalt geben. Ich würde kein Trainer sein wollen, der montags zur Arbeit kommt und einen Zettel vorgelegt bekommt, auf dem steht, wie gespielt werden soll. Nur weil wir Vierkette spielen, muss das nicht jeder so machen.Anzeige: Jetzt Gutschein für den Fanshop des 1. FC Köln gleich hier im EXPRESS-Gutscheinportal sichern!

Im jahrelangen Streit um den Ausbau des Geißbockheims hat OB Reker eine Entscheidung zum Jahreswechsel angekündigt. Wie fänden Sie einen Komplett-Umzug nach Marsdorf? Baumgart: Bislang gibt es keine Entscheidung. Ich glaube, bis es irgendwann mal eine neue Trainingsstätte gibt, bin ich hier kein Trainer mehr. Wir bemühen uns sehr, unsere Bedingungen am Geißbockheim kurzfristig zu verbessern. Einige Maßnahmen sind wir bereits angegangen, andere wird es zum Sommer geben. Wenn wir uns auf etwas verlassen können, dann dass wir uns auf die Aussagen einiger Entscheidungsträger nicht verlassen können. Es gibt viele Menschen, die sich gerne mit dem FC in die Sonne stellen, aber nicht für den Klub da sind.

Abschließend: Wie lauten Ihre Wünsche für 2023? Baumgart: Frieden und Gesundheit. Gerade im letzten Jahr haben wir erlebt, wie zerbrechlich alles ist. Deswegen sind das meine größten Wünsche – nicht nur für meine Familie und mich, sondern für alle. Darüber hinaus natürlich auch Erfolg. Und in Deutschland sollten wir alle wertschätzen, dass wir vieles Positives haben. Was den Fußball betrifft: Ich glaube, wir haben gelernt, dass wir uns nicht vor den Karren spannen lassen sollten.