Ein Mann, fünf Frauen, acht Kinder Kinofilm porträtiert außergewöhnliche Familie – „nie ausdenken können“

Die Frankfurter Filmemacherin Regisseurin Annette Ernst nimmt an einem Foto-Shooting teil.

Regisseurin Annette Ernst (hier zu sehen am 30. September 2022 bei einem Pressetermin) begleitete zwölf Jahre lang eine ganz besondere Familie.

Eine tolle Familie muss nicht immer aus Vater, Mutter und Kind bestehen – das beweist die Regisseurin Annette Ernst mit ihrem neuen Kinofilm. Ganze zwölf Jahre lang begleitete sie dafür eine ganz besondere Familie. 

Zwei Frauen wollen nicht nur ein Paar, sondern auch eine Familie sein. Per Zeitungsanzeige finden sie einen Mann, der ihnen dabei hilft. Drei Söhne kommen so auf die Welt. Die Frankfurter Filmemacherin Annette Ernst hat die Familie zwölf Jahre lang mit der Kamera begleitet.

Daraus entstand ein knapp 100 Minuten langer Dokumentarfilm, der im Oktober 2022 in die Kinos kommt: „Mutter Mutter Kind - Let's do this differently“.

Annette Ernst porträtiert außergewöhnliche Regenbogenfamilie

Die Regisseurin erlebte, wie die Kinder zu jungen Erwachsenen heranwuchsen, wie das Umfeld sich wandelte – und wie die Patchworkfamilie anwuchs: Der Samenspender bekam noch weitere fünf Kinder mit vier anderen lesbischen Paaren.

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„Was in den zwölf Jahren passiert ist, hätte ich mir nie ausdenken können“, sagt Ernst im Interview. „Hätte ich das als Drehbuch geschrieben: Das hätte mir jede Redaktion um die Ohren gehauen.“

Die Frankfurter Regisseurin wurde bereits für ihren ersten Kinofilm 2002 „Kiss and Run“ mit dem Grimme Preis ausgezeichnet. 2018 führte sie Regie in der deutsch-französischen Komödienserie „Deutsch Les Landes“ mit Christoph Maria Herbst. Ungewöhnliche Familienkonstellationen interessieren sie, seit sie einen ähnlichen Fall im Bekanntenkreis miterlebte.

2009 fand die Regisseurin über ein Internetforum Pedi und Anny, das Kern-Frauenpaar des Films, das auch in Frankfurt lebt. Als Zwischenprodukt auf dem Weg zur Langzeit-Doku entstand zunächst ein TV-Film, der 2014 in der ARD zu sehen war („Zwei Mütter hat nicht jeder“). Nach zwölf Jahren hatte Ernst 80 Stunden Filmmaterial im Kasten, das gesichtet, geschnitten und geordnet, vor allem aber aussortiert werden musste.

Queerer Kinofilm „Mutter Mutter Kind“ greift auch schwere Themen auf

Ernst war bei vielen entscheidenden Momenten der Familien dabei, auch bei einer der Geburten. In Interviews kommen nicht nur die Frauen, ihre Kinder und der Samenspender zu Wort, sondern auch ihr Umfeld: der skeptische Bruder einer der Frauen, die anfangs kritischen Eltern der anderen, der unterstützende Pastor, Mitschüler und – besonders erhellend – die unverstellte Sicht von Kindergartenkindern.


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„Ich wollte wissen, wie diese Familie zurechtkommt in einer Gesellschaft, die für sie keine Vorbilder kennt“, beschreibt Ernst ihre ursprüngliche Motivation. Dabei sei es ihr aber auch wichtig gewesen, den Beispielfall „in der Welt einzuordnen“. Daher transportiert der Film auch eingeblendete Daten und Fakten zu Homo-Ehe, künstlicher Befruchtung oder homophoben Angriffen.

Wichtig war ihr, auch „Volkes Stimme“ abzubilden. Viele Menschen hätten ein „diffuses Unbehagen“, glaubt Ernst, wollten oder könnten es aber nicht artikulieren. Gerade die vehementesten Gegner wollten sich nicht vor der Kamera äußern.

Daher ließ sie die Argumente der Hardcore-Fraktion von Schauspielern vortragen, die in Schwarz-Weiß als solche kenntlich gemacht werden. So setzt sich bei aller Sympathie für die Protagonisten ein differenziertes Bild zusammen.

Film „Mutter Mutter Kind“: Samenspender sorgt für Kontroversen

Bei Testvorführungen des Films rief Eike, der Samenspender, die kontroversesten Reaktionen hervor. Der schmächtige, schüchterne Heilpraktiker stellte den fünf Frauenpaaren sein Sperma für eine Befruchtung mit der Bechermethode zur Verfügung und zeugte so acht Kinder.

Erst spät erfuhren die Frauen von den anderen Paaren und die Kinder von ihren Halbgeschwistern. Wer von anderen Toleranz einfordere, müsse sie auch selbst haben, sagten sich diese und nahmen Kontakt zueinander auf. Seitdem erleben sie sich als eine große Patchworkfamilie.

Die lange Produktionszeit sei „eine extreme Herausforderung“ gewesen, berichtet Ernst. „In keiner deutschen Förderung ist so ein Langzeitprojekt vorgesehen.“ Eine Crowdfunding-Kampagne und der Fernsehfilm halfen ihr, das Projekt zu verwirklichen. Sie würde sich wünschen, dass die Richtlinien für Filmförderung so gelockert werden, dass es leichter wird, solche Formate zu realisieren. (dpa)

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