Abo

Journalist warnt bei „Lanz“„De facto ist das Völkerrecht tot“

Journalist Michael Bröcker warnte bei „Markus Lanz“ vor den Konsequenzen des US-amerikanischen Militäreinsatzes in Venezuela. (Bild: Cornelia Lehmann / ZDF)

Journalist Michael Bröcker warnte bei „Markus Lanz“ vor den Konsequenzen des US-amerikanischen Militäreinsatzes in Venezuela. 

Aktualisiert

Der amerikanische Militärschlag gegen Venezuela hat international für Empörung gesorgt. Bei „Markus Lanz“ äußerte sich Journalist Michael Bröcker über die möglichen politischen Konsequenzen der Festnahme von Nicolás Maduro. Seiner Einschätzung nach markiert der Vorfall das Ende des Völkerrechts.

Der amerikanische Militärschlag gegen Venezuela in der Nacht zum 3. Januar löste weltweit große Sorge aus. Die US-Regierung warf dem ehemaligen Machthaber Nicolás Maduro „Drogenterrorismus“ vor und überführte ihn kurzerhand in ein Gefängnis in Brooklyn. Maduro selbst hat bereits vor einem New Yorker Gericht beteuert, er sei ein „anständiger Mensch“.

Bei „Markus Lanz“ analysierten die Gäste am Dienstagabend das Vorgehen der USA sowie die weitreichenden Folgen, die der Militärschlag nach sich ziehen könnte. Die aus Caracas zugeschaltete Journalistin Rosalí Hernández gab zunächst zu: „Die Situation hat uns alle überrascht. Wir haben nicht damit gerechnet.“ Sie ergänzte, dass die Lage im Land nach wie vor unübersichtlich sei: „Gestern (...) wurden 14 Journalisten verhaftet. (...) Die Situation ist durchaus riskant in meinem Land derzeit.“

Der ZDF-Moderator stellte deshalb die Frage: „Ist das ein Akt des Überfalls? Ist das eine Befreiung?“ Lanz wollte weiter wissen, ob der Militärschlag auch „der Beginn eines demokratischen Prozesses“ sein könne. Rosalí Hernández schüttelte den Kopf: „Ich glaube nicht, dass das viel verändert.“ Vielmehr warnte die Journalistin, dass Maduro mit dem Kopf eines Kraken verglichen werden könne, denn: „Der hat viele Arme, die sehr vieles kontrollieren. Es gibt nicht nur Nicolás Maduro. (...) Die ganze Basis ist korrumpiert.“

SPD-Fraktionschef Matthias Miersch reagierte dennoch kritisch auf das Vorgehen der USA. Zwar müsse „das Regime Maduro (...) kritisiert“ werden, „aber das, was die Vereinigten Staaten von Amerika, was Donald Trump dort gemacht hat, ist aus meiner Sicht klar völkerrechtswidrig nicht gedeckt. Und damit ist es ein alarmierendes Signal, weil es die Blaupause auch ist für die Despoten dieser Welt, Ähnliches zu machen.“

Lanz überrascht von deutlicher Wortwahl von SPD-Fraktionschef

Markus Lanz reagierte überrascht: „Eine erstaunliche Klarheit, die ich hier gerade von Herrn Miersch zur Kenntnis nehme.“ Journalist Michael Bröcker zeigte sich derweil wenig beeindruckt und stellte klar: „Das ist Pragmatismus. De facto ist das Völkerrecht tot, (...) wenn die größte und wichtigste Demokratie sich wirklich einen Dreck darum schert.“ Bröcker weiter: „In Wahrheit regiert in dieser neuen geopolitischen Ordnung das Recht des Stärkeren.“

Markus Lanz war überrascht von der deutlichen Wortwahl des SPD-Politikers Matthias Miersch. (Bild: Cornelia Lehmann / ZDF)

Markus Lanz war überrascht von der deutlichen Wortwahl des SPD-Politikers Matthias Miersch.

Politologe Peter Neumann konnte dem nur zustimmen. Er warnte vor der eigentlichen Motivation Amerikas: „Trump selber hat ja bei der Pressekonferenz vor allem über Rohstoffe gesprochen: Öl.“ Der im Studio zuschaltete ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen nickte und fügte hinzu, dass die „Haupttriebfeder“ von US-Präsident Trump „das Öl und dieser Reichtum“ sei. „Es ist ein neues Weltbild. Also Donald Trump verabschiedet sich von dem, was wir 80 Jahre gekannt haben. Und es geht dabei um die Einteilung der Welt in Hemisphären und vor allen Dingen, Amerikas Hinterhof zu sichern“, so Theveßen.

Laut Theveßen will Trump in Südamerika „eine Region“ erschaffen, die „gute Nachbarn sind - und gute Nachbarn, das definiert er nach den Begriffen 'Stabilität' und 'Energie'“. Auch Peter Neumann äußerte die Sorge, dass Trump nicht bei Venezuela Schluss mache: „Da wird jetzt sozusagen ein Exempel statuiert.“ Grund genug für den Politologen, in Richtung Europa zu sticheln: „Empörung darüber, was in Venezuela passiert ist, ist ja noch keine Strategie. Wir müssen uns ja als Europäer überlegen: Was ist denn unsere Antwort - analytisch und praktisch?“ Elmar Theveßen mahnte daraufhin: „Wir müssen uns einrichten auf wahrscheinlich mehr als nur heftige Diskussionen in den nächsten Wochen und Monaten zwischen den USA und Europa.“

„Eine Befreiung“: Oppositionspolitikerin äußert sich zur Gefangennahme Maduros

Ganz anders blickte die venezolanische Oppositionspolitikerin Paola B. de Alemán auf die Lage in ihrem Land. Sie ist im März 2025 in die USA geflüchtet und war am Dienstag aus Indianapolis zugeschaltet. Statt den Fokus auf die venezolanischen Rohstoffe zu richten, erklärte de Alemán, dass sie hinter dem Militäreinsatz eine andere Motivation sehe: „Ich glaube, dass Präsident Trump entschieden hat, den Diktator auszuschalten. (...) Aber ich muss hinzufügen, dass es nicht nur um Ressourcen ging, dass es eine (...) Sicherheitsentscheidung für die Vereinigten Staaten war.“ Laut der politischen Aktivistin sei es vor allem um „Drogenlieferungen nach Europa und die USA“ gegangen.

Markus Lanz wollte daraufhin wissen, ob die Nacht zum 3. Januar für de Alemán „ein Tag der Befreiung“ war. Die Oppositionspolitikerin antwortete ehrlich: „Ich glaube, dass es eine Befreiung war.“ Zeitgleich betonte sie: „Die Venezolaner müssen entscheiden, wen möchten sie als Verbündeten haben für unsere politischen Beziehungen: Die demokratischen Mächte der Welt oder wollen sie quasi ein Verteilplatz der autoritären Mächte der Welt sein?“

Paola B. de Alemán machte dabei kein Hehl aus dem Fakt, dass es „noch ein langer Weg“ sei, bis in Venezuela eine echte Demokratie entstehen könne. Ziel sei es, „Wahlen abzuhalten und wieder zur Demokratie zurückzukehren. Wie lange das dauert, wissen wir nicht“, so die Oppositionspolitikerin nachdenklich. (tsch)