„Bis zum letzten Tag haben wir gekämpft“ - doch am Ende war die Leukämie stärker: Im März 2016 erlag Guido Westerwelle den Folgen der Krankheit. Wie zufällig dem FDP-Spitzenpolitiker die Diagnose ausgestellt wurde, offenbart nun ein ARD-Dokumentarfilm.
„Er hatte keine Symptome“So erfuhr Guido Westerwelle von seiner Krebsdiagnose

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Im Juni 2014 wurde bei Guido Westerwelle Leukämie diagnostiziert. Das Foto zeigt ihn im Jahr 2013.
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Von Zustimmungswerten wie zur Bundestagswahl 2009 kann die FDP aktuell nur träumen. Die damals erreichten 14,6 Prozent waren auch das Werk einer politischen Galionsfigur der Liberalen: Guido Westerwelle. Der schlicht betitelte Dokumentarfilm „Westerwelle“ (ab Montag in der ARD-Mediathek) blickt auf das politische Wirken des 2016 verstorbenen Politikers zurück. Damals erlag der erst 54-Jährige den Folgen einer Leukämie-Erkrankung. „Bis zum letzten Tag haben wir gekämpft“, versichert sein Ehemann Michael Mronz im Film von Jobst Knigge.
Dabei wurde die Diagnose im Juni 2014 aus dem Zufall heraus gestellt. Beim Jahreswechsel 2013/2014 riss sich Westerwelle beim Joggen auf Mallorca den Meniskus. Eine konservative Behandlung fruchtete jedoch nicht, sodass im Sommer eine Operation unumgänglich war. Weil „Werte nicht korrekt“ gewesen seien, habe der Arzt Westerwelle erneut Blut abgenommen, erklärt Mronz im Film. „Da war ich schon sehr aufgeschreckt.“ Am Ende stand die lebensverändernde Diagnose: akute Leukämie. „Guido hatte keine Symptome, nicht eins“, erinnert sich Mronz.
„Natürlich ist das brutal“: Guido Westerwelles erster Stammzellenspender sprang ab
Mit der traurigen Gewissheit änderte sich das Leben des Workaholics vom einen Tag auf den anderen. „Man ist plötzlich ein Schwacher“, musste der FDP-Politiker erkennen, wie er 2015 Journalist Dominik Wichmann in drei ausführlichen und sehr privaten Gesprächen in der Vorbereitung auf seine Biografie schilderte. „Seine Stimme war brüchig, er hatte viele Kilos abgenommen. Er sah schwer gezeichnet aus“, schildert Wichmann seinen Eindruck von Westerwelle.
Diese gesundheitliche Konstitution war auch eine Folge der Stammzellentherapie - die erst im zweiten Anlauf klappte. „Natürlich ist das brutal, weil man eine große Lebenshoffnung damit verbindet“, erklärt Mronz. Der erste Stammzellenspender sei abgesprungen, als Westerwelle bereits für die Voruntersuchung im Krankenhausbett lag. Dennoch habe ihn Westerwelles Reaktion überrascht. „Der arme Mensch, wer weiß, was für ein Schicksal ihn getroffen hat“, habe er die überraschende Absage denkbar menschlich zur Kenntnis genommen.
Wenig später fand sich dann doch ein passender Spender. „Ich habe noch nie einen so erschöpften Menschen gesehen“, war Westerwelle laut Wichmann nach der Stammzellentherapie jedoch schwer gezeichnet. „Auf einmal sitzt da ein Häufchen erschöpften Elends vor mir.“ Doch die Krankheit habe ihm Zugang zu einem Menschen verschafft, der sein privates Ich vorher zugunsten seiner politischen Karriere und seines Lebens in der Öffentlichkeit komplett ausgesperrt hatte. „Die Krankheit war der erste Moment, der ihm erlaubte, die Tür zu seinem Seelenhaushalt einen kleinen Spalt zu öffnen.“ (tsch)

