„Schaflose Nächte“ und „ein psychisches Loch“ - und das trotz Olympia-Sieg? In einer neuen ARD-Doku trifft Esther Sedlcazek Athletinnen und Athleten, die nach ihrem Triumph mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten.
„Emotionale Leere“Nach viermal Gold dachte deutsche Olympiasiegerin, „ich bin gar nichts wert“

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Jessica von Bredow-Werndl gewann gereits vier Goldmedaillen bei Olympischen Spielen. (Bild: 2024 Getty Images/Maja Hitij)
Schon als Kind saß Jessica von Bredow-Werndl vor dem Fernseher und jubelte Dressurreiterin Isabell Werth bei deren Olympiasieg zu. Damals war noch nicht daran zu denken, dass sich die 39-Jährige diesen „Kindheitstraum“ einmal selbst erfüllen würde. Heute steht von Bredow-Werndl bei vier olympischen Goldmedaillen. Diese brachten ihr aber nicht nur grenzenlose Freude, sondern auch viel Kummer, wie die ARD-Doku „Die Last der Spiele - Druck. Leere. Post-Olympia-Depression?“ (ab sofort in der ARD-Mediathek) offenbart.
„Dann komme ich heim, ich habe nichts mehr gespürt, keine Emotion. Weder Freude noch Trauer“, erklärt sie rückblickend auf ihren Doppel-Triumph in Tokio 2021. Beim anschließenden gemeinsamen Familienurlaub habe sie sich „eigentlich nicht mehr bewegen können“, beschreibt sie die dramatische Situation im Gespräch mit Esther Sedlaczek: „Ich habe mich vom Bett zum Buffet zur Liege zum Buffet zur Liege ins Bett geschleppt.“ Diese „emotionale Leere“ habe dazu geführt, dass sie weder Euphorie noch Traurigkeit fühlen konnte. „Am Peak meines Sportlerlebens angekommen sitze ich da und ich hatte das Gefühl, ich bin gar nichts wert.“
Kanutin machte nach Olympia-Enttäuschung „schlaflose Nächte im Gedankenkarussell“ durch

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2002 gewann Sven Hannawald als erster Skispringer überhaupt alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee. (Bild: Getty Images / Allsport UK)
Mit einem derartigen Tief ist Jessica von Bredow-Werndl nicht alleine, wie die einstündige ARD-Reportage zeigt. Sportpsychologe Moritz Anderten schildert, dass 25 bis 30 Prozent der Athletinnen und Athleten nach den Spielen „in ein psychisches Loch fallen“. Damit kann sich auch Ricarda Funk identifizieren. 2024 reiste sie als amtierende Olympiasiegerin im Slalom-Kanufahren nach Paris - und verpasste nach einem Fahrfehler die Medaillen.
„Ich hatte immer das Gefühl, dass die Menschen denken, dass es normal ist, wenn ich es schaffe“, verdrückt sie in der ARD-Doku rückblickend Tränen. Ähnlich wie Dressurreiterin von Bredow-Werndl habe auch sie eine „große Leere“ gefühlt: „Man stellt auf einmal alles infrage.“ Obwohl Funk nach der Olympia-Enttäuschung versuchte, sich mit der Rückbesinnung auf Routinen wieder einen Alltag zu erarbeiten, habe sie „schlaflose Nächte im Gedankenkarussell“ verbracht. „Irgendwann habe ich ganz verzweifelt meine Eltern angerufen“, erinnert sie sich gegenüber Esther Sedlaczek. Erst als Funk begann, mit einem Sportpsychologen zusammenzuarbeiten, verbesserte sich ihr Zustand.
Während heutzutage psychische Probleme vermehrt angesprochen werden, waren sie zur sportlichen Blütezeit von Sven Hannawald noch komplettes Tabuthema. „Nur die Harten kommen in den Garten“, habe es damals geheißen, denkt der Ex-Skispringer zurück. „Ich bin aufgewacht, schweißgebadet, habe Tränen in den Augen gehabt“, beschreibt er den Erwartungsdruck, dem der Athlet nach seinem historischen Vierschanzentournee-Triumph 2002 ausgesetzt war. „Ich habe es hinausgezögert bis zum Schluss“, erklärt Hannawald zu seiner Selbsteinweisung in eine psychiatrische Klinik. (tsch)

