Kommentar zum „Tag des Sieges“ Putins Propaganda-Tag zeigt schreckliche Entwicklung auf

Yuliia kommt aus der Ukraine, arbeitete viele Jahre als Journalistin in Russland. Für EXPRESS.de hat sie Putins Rede zum „Tag des Sieges“ genau zugehört und eingeordnet. Ein Kommentar.

Haben Sie sich jemals vorgestellt, wie es ist, einzuschlafen kurz bevor die Welt das Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs ehrt und den Frieden feiert und sie nicht sicher sind, ob es ihre Heimatstadt am Morgen danach noch geben wird? Willkommen in der brandneuen Welt eines jeden Ukrainers!

75 Tage Krieg. Selbst wenn man sich an alle Angriffe und Besetzungen gewöhnt hat, kann niemand ernsthaft diesen Punkt erreichen, an dem man sich eingestehen muss, dass die blutige militärische Aggression Russlands real ist.

In Moskau scheint derweil alles wie gewohnt – die als Siegesparade bekannte Militärshow auf dem Roten Platz und Putins Rede. Sie wird mit jedem Jahr mehr zu einem kriegerischen Aufruf, als zu einem Dank an die Veteranen, die für den Sieg und Frieden in Europa am 9. Mai 1945 kämpften.

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Eine ganze Reihe von Quellen und sogar hochrangige Beamte behaupteten, der 9. Mai sei der Tag, an dem Putin die vollständige Mobilisierung ankündigt und der in Russland gebräuchliche Begriff „Spezialoperation in der Ukraine“ in das geändert wird, was es wirklich ist: Krieg.

Und wir alle erinnern uns, wie solche scheinbar verrückten Prognosen, denen niemand glauben wollte, am 24. Februar zur schrecklichen Realität wurden. Kein Wunder, dass alle Medien heute als Erstes darauf hingewiesen haben, dass Putin keine Mobilisierung angekündigt hat.

Noch nicht, sollte ich sagen. Weder die Umstände auf dem Schlachtfeld noch Putins heutige Äußerung erwecken den Eindruck eines nahenden Kriegsendes. „Die spezielle militärische Operation in der Ukraine wird Ergebnisse bringen, daran besteht kein Zweifel“, ist Putin überzeugt.

Wladimir Putin spricht von präventiver Zurückweisung von ausgedachter Aggressionen

Wie erwartet, ging es in Putins Rede zum Großteil nicht um die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, oder wie es in Russland genannt wird, den „Großen Vaterländischen Krieg“. Der russische Machthaber machte zum wiederholten Mal deutlich, dass der Krieg in der Ukraine eine „aufgezwungene, zeitnahe und ausschließlich richtige Entscheidung“ inmitten von dargestellten Bedrohungen gegenüber Russland war.

„Alles deutete darauf hin, dass ein Zusammenstoß mit Neonazis und ukrainischen Nationalisten (Banderas Unterstützer), an denen auch die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre jüngeren Verbündeten beteiligt sind, unvermeidbar werden würde“, behauptete Putin und betonte, dass es bereits Pläne für weitere strafbare Operationen in Donbass und Crimea gegeben hätte.

Der russische Machthaber sprach öffentlich auch über die Errichtung eines Systems der gleichberechtigten und untrennbaren Sicherheit und warf der NATO erneut vor, keine Kompromisse bei der Vereinbarung einzugehen. „Es war alles vergebens! Die NATO-Staaten wollten nicht auf uns hören“, so Putin.

Putins Rede war an sich nichts Neues, doch es gab Auffälligkeiten

Generell war die Rede nichts Neues: Die gleichen Propaganda-Antworten auf die guten alten persönlichen Angriffe. Nach den besonderen Putin-Aussagen am Anfang der Aggressionen in der Ukraine fehlte es der heutigen Ansprache offen gesagt deutlich an lebhaften militärischen Aussagen.

Trotzdem waren auch einige auffällige Momente dabei, speziell einer, in dem sich Putin an sein Militär richtete und verdeutlichte, dass sie gemeinsam mit den russischen Separatisten „auf ihrem Grund und für die Zukunft ihres Landes kämpfen“ würden.

Zusätzlich wurde nicht nur eine Schweigeminute für die Toten des Zweiten Weltkrieges abgehalten, sondern auch für diejenigen, die in Donbass gestorben und im „rechtschaffenden Kampf für Russland“ gefallen seien. Neben den pro-russischen Demonstrationen in den besetzten Städten Cherson und Mariupol, ist es ein weiterer offensichtlich ideologischer Versuch Russlands, sich ukrainische Gebiete anzueignen.

Aus der Vergangenheit nichts gelernt

Für den durchschnittlichen Europäer ist es schwer zu verstehen, wie eine Nation, deren Vorfahrern die bösartigen Nazis überstanden und einen hohen Preis dafür zahlen mussten, nun zu einer Nation geworden ist, die selbst einen Krieg startet.

Aber um ehrlich zu sein wäre es eine Lüge zu sagen, dass dies nicht bereits vorauszusehen war. Heute sehen wir deutlich: Viele Nationen haben ihre Lektion aus der Vergangenheit und den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges gelernt, ein paar wenige jedoch überhaupt nicht.

Viele Jahre des Umschreibens der Geschichte und der Fakt, dass man das Feiern des Sieges über die Erinnerung an den hohen Preis des Krieges gestellt hat, haben dazu geführt, dass Russland einen Punkt erreicht hat, an dem der 9. Mai zu einem Tag des unbestrittenen Propaganda-Erfolges geworden ist und für das Spielen mit der nationalen Würde genutzt wird.

Es ist kein Wunder, dass der „Tag des Sieges“ nun zu einem Tag des öffentlichen Säbelrasselns geworden ist. Jahr für Jahr ging es immer weniger um die globale Zerstörung des Bösen, sondern mehr und mehr um das Wettrüsten. Mit der Parade auf dem „Roten Platz“ versucht Putin einen Sieg sein Eigen zu nennen, mit dem er persönlich nichts zu tun hat.

Während die ganze Welt an diesem Tag alljährlich der Opfer und Toten gedenkt und „niemals wieder“ propagiert hat, haben Putin und seine Verbündeten sich langsam aber sicher dem Slogan „wir können es wiederholen“ angenähert. Der Ausdruck wurde vor ein paar Jahren beim Feiern des „Tag des Sieges“ immer beliebter. Nun haben sie dem Ausdruck „wir können es wiederholen“ in der Nacht des 24. Februar also Taten folgen lassen, in dem sie ihre Raketenangriffe gestartet haben.

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