Ein weiterer extremer Kriegswinter steht bevor. Sowohl die Ukraine als auch Russland attackieren Züge, Elektrizität, Treibstofflager. Wer hat den längeren Atem?
Lage in der UkraineEntscheiden „Deep Strikes“ den Krieg schneller als gedacht?

Copyright: IMAGO/News Licensing
Soldaten der „Sparta“-Kompanie bereiten im Juni 2026 in der Region Saporischschja eine Drohne für den Start vor, um ein Ziel tief im von Russland besetzten Gebiet der Ukraine anzugreifen.
An der Kampflinie herrscht weitgehend Stillstand. Unvermindert heftig wird in den östlichen sowie südlichen Regionen des angegriffenen Landes gerungen. Zwar gewinnen Moskaus Soldaten punktuell minimales Gelände dazu, doch Kyjiws Verbände kontern immer wieder. Eine wirkliche Entscheidung konnte jedoch über Jahre hinweg auf keiner Seite erzwungen werden.
Aus diesem Grund verlagert sich das Geschehen zunehmend tief ins Landesinnere. Während die russische Armee das ukrainische Schienennetz sowie Kraftwerke unter Feuer nimmt, steuert Kyjiw Kampfdrohnen gegen feindliche Luftabwehrstellungen, Munitionsdepots, Waffenschmieden und Ölfabriken. Unmittelbar vor der wohl eisigsten Jahreszeit seit Ausbruch der Kämpfe stellt sich eine brisante Frage: Bringen solche „Deep Strikes“ rascher als vermutet die Entscheidung?
Solche Fernangriffe lösen höchst verschiedene Effekte aus. Manche Explosionen stören die Logistikketten, während andere Fabriken stilllegen oder finanzielle Nöte verschärfen. Letztlich eint beide Kontrahenten jedoch dieselbe Absicht: Man will den Widersacher derart massiv schädigen, dass ihm zur Fortsetzung der Kämpfe schlichtweg die Luft ausgeht.
Beide Staaten beabsichtigen, „die militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen“ des jeweiligen Feindes auszuhöhlen, erläutert Andreas Umland gegenüber dem „Tagesspiegel“. Als Politikwissenschaftler und Fachmann für Osteuropa forscht er beim Europäischen Politischen Institut Kyjiw (EPIK) als Policy Fellow. Im Interview mit dem „Tagesspiegel“ betont er allerdings: Einen baldigen Umbruch des Frontverlaufs werde der Beschuss rückwärtiger Gebiete kaum bewirken.
Wesentlich zuversichtlicher äußert sich da Oleksandr Kowalenko. Für die Ukraine sei die momentane Situation so vorteilhaft wie nie seit dem Jahr 2022, erklärte der Militärfachmann vom Netzwerk „Informationswiderstand“ gegenüber dem Blatt. Zwar gelängen den Russen lokal noch kleine Geländegewinne, doch zu einem durchschlagenden Großangriff über die komplette Kampflinie hinweg fehle deren Streitkräften schlicht die Kraft. Parallel dazu büße Moskau fortlaufend Luftverteidigung, gepanzerte Technik sowie Personal ein. Jeder dieser Verluste mache es für Kyjiw einfacher, Ziele weit hinter der russischen Grenze zu treffen, bilanziert Kowalenko.
Operation „Vivaldi“ verändert Gesamtlage nicht
Zugleich drängen die Verteidiger auch am Boden weiter nach vorn. Beispielsweise nahe der ostukrainischen Stadt Lyman laufen derzeit lokale Konterattacken. Solche Geländegewinne dürfe man strategisch jedoch keinesfalls überbewerten, mahnt Politologe Umland. Zwar verbuche das Dritte Armeekorps mit seiner Operation „Vivaldi“ einen beachtlichen Teilerfolg. Doch das große Gesamtbild der Kämpfe habe sich dadurch bisher keineswegs gewandelt.
Laut Umland zielt Moskaus Terror gegen rückwärtige Regionen primär darauf ab, sowohl den Durchhaltewillen der Zivilisten als auch die Ökonomie des Landes zu brechen. Fallen Umspannwerke aus, bleiben Wohnungen dunkel und kalt. Gleichzeitig steht die Industrie still, während dringend benötigte Gelder in Reparaturen fließen müssen.
Hinzu treten unmittelbare Nachteile für die kämpfende Truppe. Zerstörte Schienenstränge, Werkstätten oder Lagerhallen bremsen den Nachschub an Waffen und Material massiv aus. Überdies legt ein Blackout mitunter genau jene Fabriken lahm, welche für die Versorgung der Streitkräfte produzieren.
Starlink-Ausfall hätte massive Folgen für die Ukraine
Daten vom ukrainischen Zentrum für strategische Kommunikation belegen die Wucht dieser Attacken eindrücklich: Zwischen Neujahr und Mitte September 2026 registrierte die staatliche Eisenbahngesellschaft über 1500 feindliche Treffer. Dabei gingen mehr als 250 Zugmaschinen kaputt oder wurden komplett vernichtet. Ebenso erlitten Instandhaltungswerke, Lager sowie Haltepunkte schwere Treffer.
Trotzdem führt kaputte Technik im Hinterland nicht zwangsläufig zu einer sofortigen Schwächung der kämpfenden Einheiten. Viel wichtiger ist, wie rasch Schäden behoben werden, welche Ausweichrouten oder Lagerbestände existieren und wie lange die Störung anhält. Somit zählt für die Truppe weniger die bloße Anzahl bombardierter Objekte, sondern vielmehr die genaue Ausfalldauer wichtiger Kapazitäten. Natürlich bremst ein gesprengtes Lager die Versorgung einzelner Gebiete erst einmal aus. Fehlen dann ausreichende Reserven sowie alternative Lieferwege, geraten unter Umständen sogar aktuelle Kampfeinsätze in Gefahr.
Trotz allem glaubt Fachmann Umland kaum, dass Moskau allein durch das Bombardieren von Versorgungsnetzen in den kommenden kalten Monaten einen raschen Sieg erzwingen wird. Kritischer würde die Situation allerdings, falls Kyjiw entscheidende Technik einbüßt oder der Kreml frische Verbände in die Schlacht schickt. Wenn etwa Satellitennetzwerke schwächeln – wie unlängst, als von US-Seite die Bandbreite für Starlink reduziert wurde –, lassen sich unbemannte Flugobjekte deutlich schwerer lenken. Darunter leidet dann ebenfalls die Überwachung des Vorfelds der eigenen Schützengräben.
Erst letzte Woche zeigte sich drastisch, welche Konsequenzen derartige Störungen für die Verteidiger haben können: Mehrere Frontabschnitte meldeten kurzzeitige Verbindungsabbrüche, die umgehend von russischen Stoßtrupps für lokale Vorstöße ausgenutzt wurden. Dennoch gelang es den ukrainischen Technikern bislang immer wieder, kurzfristig auf alternative Kommunikationswege umzuschalten und eine größere Krise abzuwenden. (red)

