Zucker, Mehl, Eier: Seit der Duma-Wahl klagen Russen über drastisch gestiegene Preise.
Lage in Russland spitzt sich zu„Es ist peinlich, jemandem seinen Einkaufskorb zu zeigen“

Copyright: IMAGO/ITAR-TASS
Ein Kunde geht in Sewastopol einkaufen, der größten Stadt auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Die Preise in Russland sind zuletzt massiv gestiegen.
Der Krieg kommt immer mehr im Alltag der Russen an. Zucker, Mehl, Eier, Hähnchen und zahlreiche andere Lebensmittel kosten deutlich mehr: Seit der Wahl zur russischen Staatsduma klagen Menschen in mehreren Regionen Russlands über stark gestiegene Preise.
Viele kaufen nicht mehr wie gewohnt ein, Rentner suchen gezielt nach günstigeren Geschäften. Für viele wird das Leben immer unbezahlbarer. Das berichtet das Portal „Radio Swoboda“.
„Ich habe ehrlich gesagt schon Angst, in den Laden zu gehen“
Eine Frau aus Irkutsk, die zwei Schulkinder großzieht, berichtet, dass der Zucker und das Mehl viel teurer geworden sind. „Ich habe ehrlich gesagt schon Angst, in den Laden zu gehen, ich habe Angst, dort die Hälfte meines Gehalts zu lassen“, wird die Mutter zitiert.
Ein anderer Russe aus Usolje-Sibirskoje schimpft, dass ein Hähnchen „fast das Dreifache“ koste. Eine 65-jährige Frau aus Nowosibirsk erklärt, nicht mehr im nahe gelegenen Markt einkaufen zu können, weil die Eier zu teuer sind. Dafür mache sie nun einen Umweg. Die Lebensmittelpreise seien gestiegen, ihre Rente aber nicht, erklärt sie. Besonders teuer ist es im äußersten Norden Russlands, wo viele Waren mit dem Flugzeug angeliefert werden.
Der Unmut der Russen über die massiv gestiegenen Preise findet noch größtenteils im Verborgenen statt. Denn wer es öffentlich tut, muss Konsequenzen fürchten. Wie heikel das Thema ist, zeigt ein Fall aus Sotschi. Am 21. September, einen Tag nach dem Ende der Wahl, veröffentlichten zwei Angestellte der Supermarktkette „Pjatjorotschka“ ein Video. Darin tauschen sie Preisschilder aus.
„Wir gehen in den Laden wie ins Museum, es ist peinlich, jemandem seinen Einkaufskorb zu zeigen“
„Die Wahlen sind vorbei – die Preise sind gestiegen“, sagt eine der beiden. Im Video ist zu sehen, wie der Preis für einen „Mojito“-Drink von 82,99 (0,90 Euro) auf 109,99 Rubel (1,19 Euro) steigt und der für zwei Liter Kwas von 154,99 Rubel (1,68 Euro) auf 199,99 Rubel (2,17 Euro). Das entspricht einem Plus von etwa einem Drittel. Bis Mitte Oktober wurde der Clip millionenfach angesehen, er traf auf viel Resonanz. Ein Nutzer kommentierte etwa: „Wir gehen schon in den Laden wie ins Museum, es ist peinlich, jemandem seinen Einkaufskorb zu zeigen.“
Wenige Tage später gaben die beiden Frauen bekannt, dass sie ihre Stellen verloren haben. Offiziell wurden die Arbeitsverträge im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst. Die Frauen sagen jedoch, sie seien zum Gehen gedrängt worden. „Die Firma hatte solche Angst, dass ein Blogger-Mädchen den Ruf des Unternehmens zerstören könnte. Als ob ich diese Preisschilder geändert hätte“, sagt eine der Frauen. Eine frühere Kollegin behauptet gar, den beiden sei gedroht worden. Die Supermarktkette weist das zurück.
Massives Haushaltsdefizit in Russland
Die Wirtschaftsjournalistin Tatjana Rybakova sagt „Radio Swoboda“: „Die Gründe für die Verteuerung der Lebensmittel liegen auf der Hand.“ Ein Beispiel: der Mangel an Treibstoff. Die Ukraine griff in den letzten Monaten vermehrt russische Ölraffinerien an. Auch höhere Steuern für Unternehmen und Probleme in der Landwirtschaft sorgen für hohe Preise.
Der Staat braucht dringend Geld. Ende September hat das Finanzministerium seine Schätzung für das Haushaltsdefizit 2026 fast verdoppelt: von 3,8 auf rund 7,3 Billionen Rubel (41,2 auf rund 79,2 Milliarden Euro).
Auch unabhängig von der Wahl ist das Leben in Russland in diesem Jahr spürbar teurer geworden. Die Inflation lag Mitte Oktober bei 7,15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und damit über der Prognose der Zentralbank von 6 bis 7 Prozent. (mg)

