Eine Welle von Attacken auf jüdische Ziele in Europa schockiert den Kontinent. Die große Frage, die sich die Sicherheitsbehörden stellen: Zieht der Iran im Hintergrund die Fäden und führt einen heimtückischen Krieg?
Anschläge auf Juden in EuropaSteckt der Iran hinter der neuen Terror-Welle?

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Ein Brandanschlag auf den Rettungsdienst einer jüdischen Gemeinde versetzte London in einen Schockzustand.
Ein Feuer vor einer Synagoge in Rotterdam. Ein Sprengsatz an einer jüdischen Schule in Amsterdam. In London gehen vier Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Flammen auf. Und in Lüttich, Belgien, lässt eine Explosion die Synagoge und die ganze Nachbarschaft erzittern. Seit der Eskalation im Nahen Osten häufen sich antisemitische Angriffe in Europa. Steckt Teheran mit einer perfiden Taktik dahinter?
Klar ist: Eindeutige Beweise für eine Verwicklung des Irans gibt es momentan nicht. Doch die Indizien sind erdrückend. Julian Lanchès vom International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) schreibt in einer neuen Analyse, dass die Umstände „stark auf eine von Iran unterstützte Aktivität hin“ deuten. Die Polizei in London ermittelt in alle Richtungen und hat dabei ein Bekennervideo einer neuen Gruppe im Visier: Harakat Ashab al-Jamin al-Islamia. Ihr Name fällt immer wieder.
Laut Nachrichtenagentur PA erklärte der Londoner Polizeichef Mark Rowley, die Gruppe habe weitere Taten in Europa für sich beansprucht und könnte Verbindungen zum iranischen Regime haben. Gleichzeitig tritt er auf die Bremse: „Es ist noch zu früh für mich, den Angriff (...) in Golders Green dem iranischen Staat zuzuschreiben.“ Bislang wird der Brandanschlag auf die Rettungswagen als antisemitisches Hassverbrechen eingestuft, nicht als Terrorismus.

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Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 nennt den Iran als klare Bedrohung. (Archivbild)
Verwirrung stiften – das ist die Taktik
Genau diese „bewusste Erzeugung von Unklarheit, um Verwirrung und Unordnung zu stiften“, ist laut dem Terrorismusexperten ein Kernmerkmal der hybriden Kriegsführung. Die Taten können keinem Staat direkt nachgewiesen werden. Stattdessen werden sie von Handlangern und kleinen Gruppen verübt. Oft sind es junge Leute, die sich durch Ideologie oder Geld ködern lassen. Eine Vorgehensweise, die man auch von Russland kennt.
Der Bürgermeister von Lüttich nannte die Tat vom 9. März, die als erste mit der Gruppe in Verbindung gebracht wird, einen „extrem gewalttätigen Akt des Antisemitismus“. Nach dem Feuer an der Synagoge in Rotterdam am 13. März, das nur geringen Sachschaden verursachte, klickten bei vier Verdächtigen im Alter von 17 bis 19 Jahren die Handschellen. In London sucht die Polizei nach dem Anschlag vom 23. März nach drei Personen, die von Kameras gefilmt wurden.
Schon lange haben Sicherheitsdienste in vielen Ländern bei antisemitischen Verbrechen einen Verdacht: Führen die Fäden nach Teheran? Der britische Geheimdienst MI5 hat laut seinem Chef Ken McCallum in nur einem Jahr „mehr als zwanzig potenziell tödliche, vom Iran unterstützte Anschlagspläne verfolgt“. Und in Argentinien wurde letztes Jahr entschieden, zehn Verdächtige (darunter sieben Iraner) für den Bombenanschlag auf das jüdische Zentrum in Buenos Aires von 1994 anzuklagen – auch wenn sie nicht anwesend sind.

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Die Londoner Behörden ermitteln auch in Richtung einer möglichen neuen islamistischen Gruppierung.
Seit der Eskalation im Nahen Osten sind die Behörden noch wachsamer. Auch in Deutschland gibt es Warnungen vor einer gestiegenen Terrorgefahr. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, äußerte die Befürchtung, dass der Iran seine Netzwerke hierzulande für Angriffe auf jüdische und israelische Ziele mobilisieren könnte, insbesondere im Falle einer Tötung des iranischen Staatsoberhaupts Ali Chamenei. Es gab Berichte über abgefangene Funksprüche aus dem Iran, die möglicherweise zur Aktivierung von „Schläferzellen“ dienen sollten.
Alles nur Fassade? Die Verbindung zur „Achse des Widerstands“
Doch existiert diese neue islamistische Gruppe überhaupt? Oder ist alles nur eine Show, um die wahren Drahtzieher zu decken? Die Frage ist ungeklärt. Der Name „Harakat Ashab al-Jamin al-Islamia“ bedeutet ungefähr „Islamische Bewegung der Gefährten der Rechtschaffenden“. ICCT-Experte Lanchès hat bei der Analyse der Bekennerschreiben in sozialen Netzwerken mehrere Merkwürdigkeiten entdeckt.
„Es sieht so aus, als ob es eine Fassade wäre“, erklärte er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Ein Indiz: Die Gruppe hat keinen eigenen Kanal auf Telegram. Noch verdächtiger: Das arabische Wort für „islamistisch“ war falsch geschrieben. „Das ist so, als würden Extremrechte das Wort Hitler falsch schreiben.“ Lanchès unterstreicht, dass vieles auf den Iran als Urheber hindeutet. In seiner Analyse vermerkt der Forscher, dass das Lüttich-Video auf Kanälen geteilt wurde, „die mit Gruppen der sogenannten 'Achse des Widerstands' verbunden sind“ - und auch auf proiranischen Nachrichtenkanälen.
Was ist die „Widerstandsachse“? Dazu zählen Milizen im Nahen Osten wie die schiitische Hisbollah im Libanon und die Huthi-Rebellen im Jemen. Teheran fördert auch die islamistische Hamas im Gazastreifen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind Israel. Diese Gruppen sind ein zentraler Baustein in der militärischen Strategie der Islamischen Republik. Die Führung in Teheran bindet sie durch Geld, politische Hilfe und eine gemeinsame Ideologie an sich.
Israelische Behörden schlagen Alarm
Auch in Israel ist man aufmerksam geworden. Das Nationale Zentrum zur Bekämpfung von Antisemitismus, das zum Diaspora-Ministerium gehört, publizierte Mitte März – noch vor der Attacke in London – einen speziellen Bericht über Harakat Ashab al-Jamin al-Islamia. Es sei eine „militante Organisation, die im März 2024 öffentlich in Erscheinung trat, nachdem sie die Verantwortung für eine Reihe von Angriffen auf jüdische Einrichtungen in Europa übernommen hatte“, heißt es darin. Explizit erwähnt werden die Geschehnisse in Belgien und den Niederlanden.
Die Gruppe selbst behauptet zudem, einen Angriff in Griechenland verübt zu haben, was sich jedoch nicht bestätigen lässt – vielleicht ein weiteres Manöver, um Chaos zu stiften. Die bisherigen Taten könnten laut der ICCT-Analyse „als Signal“ aus Teheran dienen. Damit zeige der Iran, dass er willens und fähig sei, „Operationen in Europa durchzuführen“. Gleichzeitig wahre man „eine gewisse plausible Abstreitbarkeit“, was eine Reaktion aus Europa deutlich komplizierter macht.(red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

