Streit um Pestizide: Forscher laufen Sturm gegen EU-Pläne
Gefahr für Mensch und UmweltAkademie warnt vor neuen EU-Plänen für Pestizide wie Glyphosat

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Ein Landwirt versprüht Pflanzenschutzmittel über ein Roggenfeld.
Deutschlands Top-Wissenschaftler laufen Sturm! Die Nationale Akademie der Wissenschaften, bekannt als Leopoldina, positioniert sich deutlich gegen die von der EU-Kommission angestrebten Erleichterungen bei der Genehmigung von Pflanzenschutzmitteln. Die geplante Änderung würde den Schutz von Mensch und Natur schwächen, so die Leopoldina in einer öffentlichen Erklärung. Darin wird die Bundesregierung dringend gebeten, sich in der EU für den Erhalt der momentanen Regelung starkzumachen.
Was steckt hinter dem Zoff? Brüssel plant, die Regeln für Pestizide – also Mittel gegen Insekten, Pilze und Unkräuter wie das umstrittene Glyphosat – massiv aufzuweichen. Die bisherigen Zeitlimits für Zulassungen sollen fallen. Das würde bedeuten: Wirkstoffe bekämen eine unbegrenzte Genehmigung. Bislang ist das Prozedere strenger: Eine Zulassung gilt laut Umweltbundesamt (UBA) nur für einen Zeitraum von 7 bis 15 Jahren. Anschließend ist eine neue Prüfung fällig, bei der auch neue wissenschaftliche Fakten eine Rolle spielen. Die Kommission verspricht sich von der Änderung laut eigener Aussage eine Entlastung für Behörden, einfachere und schnellere Abläufe sowie eine Stärkung der europäischen Konkurrenzfähigkeit.
Forscher schlagen Alarm: „Bisheriges Schutzniveau in Gefahr“
Die Leopoldina findet für diesen Vorschlag deutliche Worte: «Es ist fraglich, ob das bisherige Schutzniveau durch die geplante unbefristete Wirkstoffgenehmigung tatsächlich gewahrt werden kann», so die Kritik der Wissenschaftler. Die Vergangenheit zeige, wie wichtig Kontrollen sind: Mindestens 165 Substanzen, die einst erlaubt waren, haben seit 2009 ihre Genehmigung wieder eingebüßt – teilweise aufgrund frischer wissenschaftlicher Einsichten und strengerer Bewertungsstandards.
Die Akademie erklärt weiter: «Dies verdeutlicht, dass befristete Zulassungen und regelmäßige Neubewertungen ein wesentliches Element eines lernfähigen Regulierungssystems sind, das neue Daten, veränderte Belastungssituationen mit Pflanzenschutzmitteln im Vergleich zu Modellvorhersagen sowie fortentwickelte Bewertungsmethoden berücksichtigt». Genau dieser wichtige Mechanismus zur Anpassung an neue Risiken würde laut den Forschern in Zukunft wegfallen.

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Ein Traktor zieht eine Spritzmaschine über ein Rapsfeld
Neue Forschungsergebnisse zu den Folgen für den Menschen würden so ignoriert, kritisiert die Leopoldina. Sie hebt dabei besonders schutzbedürftige Personengruppen wie Kinder, Schwangere oder chronisch kranke Menschen hervor. «Auch würden neue Befunde zu Umweltverhalten und -effekten nicht mehr systematisch in die Bewertung einfließen», mahnt die Akademie. Ihr Fazit ist vernichtend: «Insgesamt vernachlässigt der Vorschlag, dass wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse zur Nichtzielwirkung häufig erst nach der Zulassung entstehen.»
Längere Abverkaufsfristen für verbotene Mittel in der Kritik
Ein weiterer Punkt der geplanten Neuregelung stößt den Forschern sauer auf: Pestizid-Erzeugnisse, deren Genehmigung ausläuft, sollen in Zukunft 3 Jahre lang weiterverkauft und genutzt werden dürfen. Bislang betrug diese Frist 1,5 Jahre. Dieser Vorschlag sei angesichts der Risiken für Gesundheit und Umwelt höchst bedenklich. Die Leopoldina erklärt ihre Bewertung so: «Sie verlängert vermeidbare Expositionen gegenüber Stoffen, deren Risiken bereits als inakzeptabel eingestuft wurden».
Dabei sei das aktuelle System schon lückenhaft, so die Experten. «Die aktuelle Pflanzenschutzmittelzulassung weist bereits heute Defizite beim Schutz von Mensch und Umwelt auf», heißt es in dem Papier. Als Beispiele werden die mangelhafte Beachtung von Cocktail-Effekten genannt, also von Wechselwirkungen zwischen diversen Pflanzenschutzmitteln nach ihrer Anwendung. Auch weitere Stressfaktoren, wie etwa die Folgen des Klimas, würden nicht genug berücksichtigt.
Das prominente Beispiel Glyphosat
Ein Paradebeispiel für die Problematik ist das vieldiskutierte Pestizid Glyphosat, welches von der EU-Kommission als unbedenklich bewertet wird. Bei Glyphosat handelt es sich um ein sogenanntes Totalherbizid, das fast jede grüne Pflanze angreift. Genutzt wird es seit der Mitte der 1970er-Jahre, hauptsächlich bekannt unter dem Markennamen «Roundup». Inzwischen findet es sich in einer Vielzahl von Pflanzenschutzprodukten unterschiedlicher Produzenten.

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Die Verpackung eines Herbizids, das den Wirkstoff Glyphosat enthält.
Die Genehmigung für Glyphosat wurde von der EU erst kürzlich bis zum Ende des Jahres 2033 erneuert. In Deutschland und einigen anderen Mitgliedsländern ist die Nutzung aber zumindest in privaten Gärten und auf öffentlichen Arealen untersagt oder erheblich limitiert.
Der Fall Glyphosat ist auch deswegen so brisant, weil eine zentrale Studie aus dem Jahr 2000, die in der Diskussion um die Sicherheit des Mittels eine Schlüsselrolle einnimmt, Ende 2025 vom Fachjournal «Regulatory Toxicology and Pharmacology» offiziell einkassiert wurde. Diese Veröffentlichung war ein entscheidendes Argument für den damaligen Produzenten Monsanto, dass das Herbizid Roundup und sein Inhaltsstoff Glyphosat keine krebserzeugenden Effekte besitzen. Der Verlag Elsevier, der das Journal publiziert, teilte mit, es sei nicht gesichert, ob die damalige Konklusion – dass Glyphosat und das Mittel Roundup nicht karzinogen sind – wirklich zutreffend ist. (dpa/red)
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