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„Du bist nicht mein Präsident!“Immer mehr junge Russen wenden sich von Putin ab

Auf diesem von der russischen nationalen Nachrichtenagentur Sputnik via AP veröffentlichen Foto unterhält sich der russische Präsident Wladimir Putin mit dem von Moskau eingesetzten Leiter der von Russland kontrollierten Region Saporischschja, Balitsky, während eines Treffens im Kreml in der russischen Hauptstadt.

Copyright: Alexander Kazakov/Sputnik Kremlin Pool via AP/dpa

Auf diesem von der russischen nationalen Nachrichtenagentur Sputnik via AP veröffentlichen Foto unterhält sich der russische Präsident Wladimir Putin mit dem von Moskau eingesetzten Leiter der von Russland kontrollierten Region Saporischschja, Balitsky, während eines Treffens im Kreml in der russischen Hauptstadt. 

Ein Künstler wagt das Unglaubliche: Er stellt sich offen gegen Wladimir Putin. Seine knallharte Botschaft verbreitet sich wie ein Lauffeuer und ist nicht die erste ihrer Art.

„Hallo, Wladimir Wladimirowitsch Putin. Mein Name ist Lescha.“ Diese schlichte Anrede ist der Auftakt zu einem Clip, der in Russland hohe Wellen schlägt. Er ist ein starkes Zeichen dafür, dass der Unmut im Volk gegen die Regierung und Präsident Wladimir Putin immer lauter wird.

Der Urheber des Clips ist der Schauspieler Alexei Jarmuschtschik. Wie BBC Russia meldet, sammelte sein Video in nur 24 Stunden nach der Veröffentlichung über eine Million Klicks. Jarmuschtschik rechnet darin schonungslos mit der Kriegspolitik des Kremls und der Unterdrückung der Menschen in Russland ab.

Knallharte Ansage: „Niemals im Leben mein Präsident“

Jarmuschtschik spricht den Kreml-Machthaber direkt an: „Ich möchte nicht, dass Sie mein Präsident sind – niemals im Leben“. Er fährt fort: „Ich bin 25 Jahre alt – ich kenne keinen einzigen Menschen in meinem Alter, der keine Angst vor Ihnen hätte; der sich wünschen würde, dass Sie unser Präsident sind.“ Seine Forderung gipfelt im Verlangen nach einer Auflösung der gesamten russischen Regierung.

Seine Kritik trifft auch die staatlich kontrollierten Medien und die Zensur im Land: „Ich will Ihr Fernsehen nicht sehen – ich will meine Lieder hören“. Der Künstler wendet sich gegen das Verbot von westlichen Plattformen in Russland. „Ich will nicht ‚VK‘ nutzen, ich will Instagram nutzen, weil es besser ist“, äußert er sich beispielsweise über das russische Online-Netzwerk VK.

In dem Clip wird sogar Putins Anspruch auf ukrainisches Gebiet thematisiert. „Ich glaube nicht, dass die Krim zu uns gehört“, sagt er im Hinblick auf die ukrainische Halbinsel, die von Russland 2012 völkerrechtswidrig annektiert wurde. Der Künstler ergänzt: „Das ist keine große Aussage, keiner meiner Gleichaltrigen sieht das so“.

Jarmuschtschik findet deutliche Worte für die Verzweiflung der jungen Generation. Die bedrückende Atmosphäre in Russland beschreibt der Darsteller so: „Alle meine Bekannten – entweder sie ziehen weg, stehen unter Schock oder reden einfach nicht darüber.“ Er richtet sich ein letztes Mal an Putin: „Ich weiß nicht, wo diese Menschen sind, die Sie als Präsidenten lieben und respektieren. Sie sind nicht mein Präsident. Das ist alles, was ich sagen wollte – gute Nacht.“

Angst vor den Folgen: „Alle fürchten sich“

Der Clip des Künstlers reiht sich ein in eine Serie von öffentlichen und erstaunlich kritischen Äußerungen der letzten Wochen. Der Zorn, die Enttäuschung und das Unverständnis über die Politik des Kremls werden in Russland immer deutlicher, besonders seit die Ukraine ihre gezielten Angriffe auf die russische Ölindustrie um Attacken auf den Online-Händler Wildbesseries ausweitete.

Solche Äußerungen bleiben aber oft nicht ohne Folgen. Jarmuschtschik selbst gab zu, dass er „natürlich die Konsequenzen fürchtet“, die ihm nach der Veröffentlichung des Clips drohen könnten. Gegenüber der Zeitung „Ostorozhno Novosti“ sagte er: „Meine Altersgenossen haben alle Angst. Ich bin der Einzige, der Putins Namen ausspricht. Und die anderen haben auch Angst.“

Gerüchte über neue Mobilmachung als Auslöser?

Einem Bericht von BBC Russia zufolge könnten die aktuellen Gerüchte über eine neue, vom Kreml für den Herbst geplante Mobilmachung der Anlass für das Video gewesen sein. „Für mich, einen jungen Mann, ist das einer der stärksten Auslöser von Angst“, wird der Schauspieler vom russischsprachigen BBC-Dienst zitiert.

Eine offizielle Reaktion des Kremls auf den viralen Clip gab es bislang nicht. Jarmuschtschik veröffentlichte inzwischen jedoch einen zweiten Clip. In diesem erklärt der Künstler, er habe Kommentare von Leuten gelesen, die anderer Meinung seien, und sei von ihrer freundlichen Art bewegt.

Daraufhin macht Jarmuschtschik einen teilweisen Rückzieher. Er sagt, er „respektiere das Volk“ und „liebe die Regierung“. Sogar für den Kreml-Chef Wladimir Putin hege er „in gewisser Weise“ Respekt, wird weiter ausgeführt. „Es geht doch nur darum, miteinander zu reden“, so die abschließenden Worte von Jarmuschtschik in seinem zweiten Clip.

Der Clip des Schauspielers ist bereits die dritte kritische Äußerung, die in den letzten Monaten in Russlands sozialen Medien für Furore sorgte. Den Anfang machte im April die in Monaco ansässige Instagram-Influencerin Victoria Bonya mit harter Kritik am Kreml.

Serie von Protest-Clips reißt nicht ab

Darauf folgte im Juni ein Aufruf von Alexander Lunin, der sich rasant verbreitete. Der bis dahin kaum bekannte Blogger verlangte ein persönliches Treffen mit Putin und sprach eine Drohung der Meuterei gegen den Kreml-Chef aus. Sein Clip erreichte in nur 24 Stunden über zwölf Millionen Aufrufe.

Die Konsequenzen für die Kritiker waren unterschiedlich. Die Influencerin Bonya wurde nach ihrem Clip vor allem im russischen Staats-TV mit Angriffen wie dem Vorwurf der Käuflichkeit konfrontiert. Lunin hingegen wurde kurz nach der Veröffentlichung seines Beitrags für elf Tage inhaftiert. Nach seiner Entlassung entfernte der Blogger den Clip und äußerte den Wunsch, zur „militärischen Spezialoperation“ zurückzukehren, wie die Invasion der Ukraine von russischen Stellen genannt wird.

Zynische Wut-Clips nach Angriffen

Die Zunahme von offener Kritik an Putin und der Kriegspolitik des Kremls ist trotzdem nicht zu übersehen. Fast nach jeder ukrainischen Attacke tauchen solche Clips in den sozialen Medien auf.

So kursierte am Freitag (31. Juli) nach den letzten Angriffen auf Ziele in Wolgograd ein Video in russischen Telegram-Gruppen. Es soll aus der Metropole stammen und zeigt einen Mann, der vor gewaltigen schwarzen Rauchschwaden voller Sarkasmus in die Kamera schreit: „Das ist der richtige Weg! Putin, danke! Du hast Russland gerettet!“

Der schwindende Rückhalt für Putin wird aber auch in Umfragen deutlich. Wie BBC Russia meldet, stellen seit dem Frühjahr drei große soziologische Einrichtungen in Russland einen klaren Rückgang der Vertrauens- und Zustimmungswerte für Putin fest. (red)

Ein Screenshot aus einem in den sozialen Netzwerken kursierenden Video soll eine Rauchsäule über Wolgograd zeigen.
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