Nach dem fatalen Crash in Andalusien: Das System am Pranger!
Zug-Tragödie in Spanien:Jetzt explodiert die Wut

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Einsatzkräfte nach Zugunglück bei Barcelona im Rettungseinsatz.
Spaniens ganzer Stolz, das riesige Netz der schnellen AVE-Züge, wird von einem furchtbaren Unglück erschüttert. Auf der Vorzeigestrecke von Madrid nach Sevilla, die 1992 den Anfang machte, geschah am Sonntag (18.1.) der erste schwere Unfall im Schnellfahrnetz überhaupt. Die schreckliche Bilanz: mindestens 43 Todesopfer. Bei Adamuz in der andalusischen Provinz Córdoba sprangen die zwei hinteren Waggons eines Zuges des Betreibers Iryo aus den Schienen. Ein entgegenkommender Zug der Staatsbahn Renfe krachte frontal hinein. Während die Ursachen am Mittwoch noch im Dunkeln lagen, entbrannte eine heftige Debatte über das spanische Bahnsystem.
Doch die Horrornachrichten rissen nicht ab. Am Dienstag, direkt nach der Katastrophe von Adamuz, gab es in Katalonien einen weiteren Unfall. Dort kam der Fahrer eines Nahverkehrszuges ums Leben und 37 Menschen erlitten Verletzungen. Der Grund: Eine Stützmauer war nach extremen Regenfällen eingestürzt und auf den Zug gekracht. Schon davor war in Katalonien ein anderer Regionalzug entgleist, hier wurde zum Glück niemand verletzt. Am Mittwoch wurde der komplette Nahverkehr in der Provinz Barcelona lahmgelegt. Das berichtet „Mallorca Zeitung“.
Die Anspannung ist greifbar: Auf der meistgenutzten Hochgeschwindigkeitsroute des Landes zwischen Madrid und Barcelona wurden am Dienstag und Mittwoch die Geschwindigkeiten aus Vorsicht zweimal auf 160 Stundenkilometer gedrosselt. Zuvor hatten Zugführer wegen Unregelmäßigkeiten auf den Gleisen Alarm geschlagen. Normalerweise rauscht der AVE hier mit 300 Stundenkilometern durch die Gegend.
Den Bahn-Mitarbeitern platzt der Kragen. Die Gewerkschaft der Lokführer Semaf und die größte spanische Arbeitnehmerorganisation, Comisiones Obreras, haben einen 48-stündigen Streik angekündigt, bisher ohne festes Datum. Die Fahrer fordern dringend mehr Geld für die Sicherheit des Netzes „angesichts des Verfalls der Eisenbahnlinien“, so die klare Ansage von Semaf. Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente reagierte unsensibel und tat den Aufruf als Folge des „Gemütszustandes“ der Eisenbahner nach dem Unglück ab. Puente behauptete, in der Woche vor dem Crash seien acht Störungsmeldungen für die Strecke Madrid–Barcelona eingegangen. Danach sei die Zahl auf 25 gestiegen, wobei 21 von derselben Person stammten. Dafür hagelte es von der Opposition scharfe Kritik.
Die Regierung lässt sich vom öffentlichen Ruf nach schneller Aufklärung des fatalen Geschehens anscheinend nicht beirren. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Einen Anschlag oder Sabotage hat Innenminister Fernando Grande-Marlaska bereits ausgeschlossen. Menschliches Versagen, wie bei dem Unglück 2013 in Galicien mit 79 Toten, scheint ebenfalls nicht die Ursache zu sein. Beide Züge waren auf dem geraden Abschnitt mit circa 200 Stundenkilometern unterwegs und damit weit unter dem erlaubten Tempolimit.
Ein besonders brisantes Detail: Der Gleisabschnitt an der Unfallstelle wurde erst bis Mai des Vorjahres für 700 Millionen Euro saniert und im November einer gründlichen Inspektion unterzogen. Die Iryo-Lokomotive war mit Baujahr 2022 ebenfalls brandneu. Die Ermittler konzentrieren sich auf eine Bruchstelle in einer Schiene. Es ist aber unklar, ob dieser Riss die Entgleisung verursachte oder ob ein defektes Zugteil die Schiene beschädigte. Minister Puente erklärte, dass bei „zwei oder drei Zügen“, die kurz vor dem Iryo-Zug die Stelle passierten, kleine Dellen an den Rädern bemerkt wurden.
Debatte über Investitionen und Netzbelastung
Unabhängig vom Ergebnis der Untersuchungen beklagen Experten und Oppositionspolitiker, dass zu wenig in das Netz investiert wird. Schon im August wiesen die Lokführer von Semaf auf Mängel bei den Schnellfahrstrecken zwischen Madrid, Barcelona, Sevilla oder Valencia hin. Der AVE scheint ein Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden. Mit über 4.000 Kilometern verfügt Spanien nach China über das weltweit größte Hochgeschwindigkeitsnetz. Erst in den letzten Jahren wurden neue Anbindungen nach Galicien und Asturien im Norden des Landes eröffnet.
Durch die Liberalisierung des Personenverkehrs im Jahr 2021 hat sich die Auslastung des Netzes, die vorher gering war, verdreifacht. Der Platzhirsch Renfe muss sich nun gegen die französische Ouigo und die italienische Iryo durchsetzen. Die Fahrgäste in Spanien profitieren davon durch niedrige Preise. Bis September des letzten Jahres nahm der Personenverkehr im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent zu. Auf der Strecke Madrid–Sevilla waren es sogar 21 Prozent, weil mit Ouigo der dritte Anbieter seinen Betrieb aufgenommen hatte.
Der Erfolg des Wettbewerbs auf der Schiene hat aber seinen Preis, denn die Infrastruktur ist nicht ausreichend. Das zeigt sich beispielsweise beim Ausbau der großen AVE-Bahnhöfe in Madrid und Barcelona. Experten sind der Meinung, dass auch die Investitionen in die Instandhaltung des riesigen Netzes vernachlässigt wurden. Ein Großteil des AVE-Budgets floss zuletzt in neue Projekte und nicht in Wartungsarbeiten. Für den Schnellfahrbereich standen Adif, der staatlichen Netzgesellschaft, im Jahr 2024 insgesamt 4,5 Milliarden Euro als Budget bereit. Das sind 32 Prozent mehr als im Vorjahr und 158 Prozent mehr als 2018, als der Sozialist Pedro Sánchez den Konservativen Mariano Rajoy an der Regierungsspitze ablöste. Das Prestigeprojekt AVE wird dabei deutlich besser behandelt als das traditionelle Schienennetz, was Bewohner von Regionen ohne Schnellzuganschluss beklagen.
Opposition nimmt Transportminister ins Visier
Nach dem tragischen Vorfall in Adamuz stellten alle Parteien ihre Aktivitäten aus Respekt vor den Opfern ein, nur die rechtsextreme Vox-Partei attackierte die linke Regierung scharf. Am Mittwoch, drei Tage nach der Katastrophe, sparte aber auch die konservative Volkspartei PP nicht mehr mit Kritik. „Wenn man jetzt die Geschwindigkeit auf der Schiene in unserem Land aus Sicherheitsgründen begrenzt, warum ist das erst passiert, nachdem es Tote gab ?“, fragte der wirtschaftspolitische Sprecher der PP, Juan Bravo, am Mittwoch.
Die Opposition hat sich besonders auf Óscar Puente eingeschossen. Der Verkehrsminister hatte erst vor Kurzem davon geträumt, das Tempo für den AVE auf der Strecke Madrid-Barcelona zu steigern: von den jetzigen 300 auf dann 350 Stundenkilometer. Die Reisezeit sollte so auf lediglich zwei Stunden sinken. (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

