40 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl kehrt Klavdia Omelchenko erstmals in ihre Heimatstadt Prypjat zurück – in eine Geisterstadt, die ihr alles genommen hat: ihre Gesundheit, ihre Freunde, ihre Kinder.
Überlebende kehrt nach 40 Jahren zurück„Ich will nicht, dass du einen Mutanten gebärst“
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Sie hat es nie über sich gebracht. 40 Jahre lang. Nun steht Klavdia Omelchenko wieder vor dem grauen, bröckelnden Wohnblock, in dem sie einst lebte – und kämpft gegen die Tränen.
„Ich muss gleich weinen“, sagt sie, als sie durch die Bäume auf das Gebäude zugeht. Die Adresse weiß sie noch auswendig. Doch das Haus ist schwer zu finden – Bäume und Sträucher haben die Straßen der verlassenen Stadt längst überwuchert.
Eine Evakuierung für „ein paar Tage“
Rückblick: Am 26. April 1986 um 1:23 Uhr, vor 40 Jahren, explodierte einer der vier Reaktoren des Kernkraftwerks Tschernobyl, drei Kilometer von Prypjat entfernt, und schleuderte radioaktiven Niederschlag in die Umgebung – und weit darüber hinaus. Die sowjetischen Behörden hüllten sich in Schweigen. Die Bewohner von Prypjat wurden nicht informiert.
Erst gegen Mittag des nächsten Tages, am 27. April, hörte Omelchenko eine Evakuierungsankündigung. Damals war sie 19.

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Blick auf ein Verwaltungsgebäude des Kernkraftwerks Tschernobyl im Mai 1986.
„Sie sagten uns, wir sollten das Notwendige für ein paar Tage einpacken. Alle dachten, wir gehen in eine Art Unterkunft. Niemand sagte etwas Konkretes“, erinnert sie sich gegenüber „RLF“. „Wir sahen, dass sie die Gehwege wässerten – aber niemand habe erklärt, warum.
Omelchenko verließ ihre Wohnung mit einem Paar Jeans, einem T-Shirt, ihren Ausweisdokumenten und einer einzigen Tasche. „Es standen Busreihen vor den Gebäuden. Gelb, wie Schulbusse. Ich winkte und sagte: ‚Tschüss, kleines Haus, wir kommen bald zurück.‘ Und wir gingen. Wir gingen für immer. Sich daran zu erinnern, besonders hier zu stehen, ist schwer. Es ist schwer.“
Rund 115.000 Menschen wurden aus einer 30-Kilometer-Sperrzone rund um Tschernobyl evakuiert, die bis heute fast vollständig unbewohnt ist.
Das Gebäude, in dem Omelchenko einst lebte, ist inzwischen so marode, dass es gefährlich wäre, in den achten Stock zu steigen. Blauer Farbanstrich blättert von den Wänden. Verrostete Briefkästen hängen offen.

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Die Geisterstadt Prypjat, die durch die Katastrophe von Tschernobyl radioaktiv verseucht wurde. Bis heute ist sie vollkommen unbewohnt.
„Fach 32 ist leer. Niemand hat mir geschrieben“, sagte Omelchenko mit einem traurigen Lächeln bei einem Blick in den Briefkasten. Immer wieder kämpfte sie während des Besuchs gegen Tränen an. Nach einem Moment des Schweigens ruft sie plötzlich: „Das hat meine Schwester geschrieben“ – und zeigt auf ein Graffito an einer kaputten Tür. „Wir denken an dich, kleines Haus“, steht dort. Es muss geschrieben worden sein, als Omelchenkos Schwester und ihr Mann Prypjat besucht hatten. Damals hatte Omelchenko selbst noch nicht die Kraft gehabt, zu kommen.
Nach der Katastrophe wurde Omelchenko in Ismajil im Südwesten der Ukraine untergebracht. Doch die Folgen von Tschernobyl ließen sie nicht los.
„Meine Freundinnen sind gestorben. Eine starb schwanger. Damals zwangen sie schwangere Frauen zur Abtreibung, aber sie hörte nicht hin. Sie wurde zusammen mit dem Kind begraben, und sie hat nie geboren. Eine andere Freundin gebar ein Mädchen, das geistig behindert war. Und ich blieb ohne Kinder“, sagt sie.
Ihr damaliger Mann in Ismajil weigerte sich, Kinder mit ihr zu haben, aus Angst, sie könnten nicht gesund zur Welt kommen. „Ich möchte nicht, dass du einen Mutanten gebärst“, habe er ihr gesagt. Sie ließ eine Abtreibung vornehmen, das Paar blieb nicht zusammen. Bei dieser Erinnerung bricht sie in Tränen aus.
Dies werde ihr erster und letzter Besuch in Prypjat sein, sagt sie.
„Meine Nabelschnur ist hier begraben“
Nach sieben Jahren in Ismajil gelang es Omelchenko, ihre Wohnung gegen eine in Tschernihiw im Norden der Ukraine zu tauschen. Kurz darauf bekam sie eine Stelle in Tschernobyl selbst, wo die verbliebenen drei Reaktoren des Kraftwerks bis Dezember 2000 in Betrieb blieben. Seitdem laufen Stilllegungs- und Dekontaminierungsarbeiten – und Omelchenko arbeitet noch immer in einer Kantine auf dem Gelände. Seit 33 Jahren.
Die Katastrophe verfolgt sie auch gesundheitlich. Sie habe Krebs überlebt, wie sie sagt, viele OPs. Auf Einzelheiten wolle sie nicht eingehen. Die Weltgesundheitsorganisation bestätigt, dass nach der Katastrophe erhöhte Schilddrüsenkrebsraten bei jenen verzeichnet wurden, die als Kinder oder Jugendliche der Strahlung ausgesetzt waren.
„Es ist sogar beängstigend, in den Urlaub zu fahren, weil man das Gefühl hat, dass einen niemand mehr braucht. Aber es herrscht hier eine gewisse Energie … unter den Menschen“, sagte sie.
Als Russland 2022 die Ukraine überfiel und Tschernobyl kurzzeitig von russischen Truppen besetzt wurde, floh Omelchenko nicht. „Tschernobyl liegt mir sehr am Herzen“, sagte sie. „Meine Nabelschnur ist hier begraben. Das zieht mich immer wieder zurück. Hier fällt es mir sogar leichter, die Luft zu atmen.“ (mg)
