Auf dem Schulweg entführt - mehr als acht Jahre in Kellerverlies gesperrt: Vor 20 Jahren gelingt Natascha Kampusch die Flucht.
True CrimeNatascha Kampusch: 3096 Tage gefangen im Kellerverlies

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Mehr als acht Jahre war Natascha Kampusch (Foto aus dem Jahr 2016) in der Gewalt ihres Entführers.

Ihre unbeschwerte Kindheit endet abrupt in einem schäbigen Kellerverlies. Als Zehnjährige wird die Österreicherin Natascha Kampusch auf dem Weg zur Schule von Wolfgang Priklopil entführt. Erst nach mehr als acht Jahren in der Gewalt ihres Kidnappers gelingt ihr die Flucht. 20 Jahre ist das jetzt her. Lange scheint es so, als hätte die junge Frau die schlimme Zeit relativ gut verarbeitet. Doch die schmerzhaften Wunden der bislang längsten Entführung eines Kindes in Europa sind bei ihr offensichtlich noch nicht verheilt. Der heute 38-Jährigen gehe es nach einem Zusammenbruch überhaupt nicht gut, sagt ihre Schwester.
Es ist der 2. März 1998. An diesem Montag verlässt die kurz zuvor zehn Jahre alt gewordene Natascha morgens um 7 Uhr die elterliche Wohnung in Wien-Donaustadt. Zu Fuß macht sie sich auf den Weg zu ihrer Volksschule, wo sie die 4. Klasse besucht. Doch dort wird das Mädchen nie ankommen. Als sie unterwegs einen am Straßenrand parkenden weißen Kleintransporter passiert, taucht plötzlich ein Mann an der Seitentür auf, zerrt sie blitzschnell ins Innere und braust davon. Bei dem Kidnapper handelt es sich um den arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil – ein gewalttätiger Psychopath mit einem krankhaften „Hang zu Kindern“. Minutiös hat der Mittdreißiger sein Verbrechen geplant.
Natascha Kampusch: Entführer hält sie wie eine Sklavin
Natascha findet sich nur wenig später in einem nur rund fünf Quadratmeter großen, mit einer schalldichten Stahltür verschlossenen, fensterlosen Kellerverlies mit Bett, Toilette und Waschbecken wieder – im Haus ihres Kidnappers im rund 25 Kilometer von Wien entfernten Strasshof an der Nordbahn. Ihr Gefängnis für die nächsten 3096 Tage. Während dieser Zeit wird sie von Priklopil wie eine Sklavin herumkommandiert, drangsaliert und missbraucht. Oft misshandelt er das Mädchen mit Schlägen und Tritten. Schlimme Verletzungen wie Gehirnerschütterungen oder Blutergüsse sind die Folge. Widerspruch duldet der von Machtobsessionen getriebene Täter nicht.
Für das kleine Mädchen ist es die Hölle, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. In den ersten Monaten, so berichtet das Entführungsopfer später, habe sie ihr stickiges Verlies nicht verlassen dürfen. Das Verlassen des Kellers habe ihr Peiniger erst später erlaubt – mal zum Duschen oder für Gartenarbeiten, Einkäufe, Spaziergänge und sogar einen Skiausflug. Immer in seinem Beisein. Warum sei sie da nicht geflohen oder habe Leute um Hilfe gebeten, wird sie nach ihrer Flucht oft gefragt? All das habe ihr Priklopil unter Todesdrohungen strikt verboten. In diesem Fall werde er sie und potenzielle Helfer auf der Stelle erschießen.

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Das Kellerverlies von Natascha Kampusch (Foto des österreichischen Bundeskriminalamts).
Doch am 23. August 2006 schiebt Kampusch – sie ist inzwischen 18 Jahre alt – all ihre Ängste beiseite und nutzt eine kleine Unaufmerksamkeit ihres Kidnappers zur Flucht. Als sie in der Garage Priklopils Auto saugt, klingelt plötzlich dessen Handy. Für einen kurzen Moment wendet er sich ab und Natascha rennt davon. In der Nachbarschaft klopft sie an eine Haustür und erzählt der Bewohnerin, wer sie ist. Die alarmiert die Polizei. Doch als diese eintrifft, hat sich der Verbrecher längst aus dem Staub gemacht. Ein paar Stunden irrt der 44-Jährige umher. Dann beschließt er, sich das Leben zu nehmen und wirft sich noch am selben Tag vor einen Zug. „Er muss wohl geistig schwer krank gewesen sein“, meint seine Mutter in einem Interview mit „News“ aus dem Jahr 2008.
Die Anteilnahme am Schicksal Kampuschs und das Medienecho sind gigantisch, als sich die Nachricht von ihrer Flucht wie ein Lauffeuer verbreitet. Die junge Frau, die äußerlich gefasst wirkt, wird mit der Zeit zu einer gefragten Gesprächspartnerin. Wer damals erwartet hat, einem gebrochenem Menschen zu begegnen, erlebt erstaunt exakt das Gegenteil. „Die Tat hat die Richtung meines Lebens bestimmt, aber sie war nicht lebensbestimmend“, sagt sie einmal. Stets macht sie deutlich, dass sie mit Blick auf das Erlebte die Deutungshoheit allein für sich beanspruche und diese nicht Spekulanten überlassen werde.
In den Fokus geraten jetzt auch Fahnder und Behörden, denen schlampige Arbeit bei den Ermittlungen vorgeworfen wird. So seien Zeugenaussagen vom Tatort, frühe Hinweise auf Priklopil und mögliche Mittäter nicht berücksichtigt und verfolgt worden. Die Prüfung der Vorwürfe verläuft meist im Sande. Kampusch selbst bleibt in den Jahren nach ihrer Flucht in der Öffentlichkeit präsent. Unter anderem holt sie ihren Schulabschluss nach, schreibt mehrere autobiografische Bücher und macht sich als Schmuckdesignerin einen Namen. Auch als Moderatorin einer Sendung im österreichischen Sender „Puls 4“ mit Gästen wie Formel-1-Legende Niki Lauda ist sie für kurze Zeit aktiv. Zudem engagiert sie sich finanziell für humanitäre Projekte – wie den Bau einer Kinderklinik auf Sri Lanka.

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Undatiertes Polizeifoto von Wolfgang Priklopil, der Natascha Kampusch auf dem Schulweg entführte.
Doch sie muss auch erleben, dass Menschen anzweifeln, dass sich die Entführung mit all ihren schrecklichen Details exakt so abgespielt hat, wie sie von ihr geschildert wird. Teils werden Kübel voller Hetze und Hass über ihr ausgeschüttet. Mediengeil und geldgierig sei sie obendrein, so ein weiterer Vorwurf einiger Hater. Seriöse Untersuchungen, die nahelegen, dass Kampusch die Wahrheit sage, wenn sie über ihre Entführung spreche, werden von ihren Gegnern ignoriert. Das alles scheint nicht spurlos an ihr vorbeigegangen zu sein.
In den letzten Jahren hat sich die einst so taff auftretende Natascha Kampusch rar gemacht. Familie sorgt sich um Natascha Ihr gehe es nicht gut, sagt ihre Familie. Gegenüber dem österreichischen Sender „ORF“ erklärt ihre Schwester Claudia Nestelberger, dass Natascha einen Zusammenbruch erlitten habe. „Jeder weiß, wie Natascha früher vor der Kamera gesprochen hat. Das gibt es jetzt überhaupt nicht mehr. Sie ist meist in einer eigenen Welt. Sie ist wieder in einer Art Gefangenschaft. Es ist herzzerreißend und wir fühlen uns hilflos.“ Sind die bösen Geister der Vergangenheit zurück, die Kampusch nach ihrer Flucht aus dem Horror--Verlies ihres Kidnappers mit Willensstärke und bewundernswerten Mut aus ihrem Leben verbannt zu haben glaubte?

