Die junge Deutsche Savita Wagner kämpfte als Frontsanitäterin für die Ukraine. Bis sie von einem Granatsplitter getötet wurde. Jetzt ist ihr Tagebuch erschienen.
Mama ahnte nichtsBonnerin (36) log über ihren Ukraine-Einsatz und wurde getötet

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Savita Wagner ist in der Ukraine unvergessen - immer wieder wird mit Blumen und Fotos an sie erinnert.
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Für Ula Wagner brach eine Welt zusammen, als sie die Mitteilung erhielt. Savita (†36), ihre Tochter, eine ehrenamtliche Helferin aus Bonn, hatte an der Front in der Ukraine ihr Leben verloren.
Die volle Wahrheit dahinter war jedoch noch weitaus schlimmer – die Mutter hatte keine Ahnung von dem lebensgefährlichen Risiko, dem sich ihr einziges Kind tatsächlich aussetzte.
Aus dem Idyll in Bonn in den Kriegshorror
In den Augen ihrer Mutter arbeitete Savita als Sanitätshelferin, stationiert in Sicherheit, 50 Kilometer von den Kämpfen entfernt. Das war die Geschichte, die ihre Tochter ihr stets auftischte. Eine Unwahrheit, die dem Schutz der Mutter diente. Die Realität sah anders aus: Savita war als Sanitäterin direkt an der Front, stets im Zentrum der größten Gefahr.
Der 31. Januar 2024 brachte die Katastrophe. Während sie zwei verwundete Kameraden retten wollte, traf ein Schrapnell ihre Halsschlagader. Einen einzigen Tag davor war ihr unglaubliches Glück hold, als ein Metallsplitter sie knapp verfehlte. Ihre finale Notiz im Tagebuch: „Ich habe so viel Glück wie kein anderer Mensch auf dieser Welt!“
Ganz bewusst ersetzte Savita Wagner ein sicheres Leben durch die „Hölle“ im Kriegsgebiet. Ula (73), ihre Mutter, wohnt mitten in Bonn, in einer Straße, die im Frühling wegen der Kirschblüte zum Magnet für Besucher wird. Fotos an der Wand zeugen von einer geschützten Kindheit. Niemand hätte sich vorstellen können, dass Savitas letzte Ruhestätte die „Allee des Ruhms“ auf einem Kiewer Friedhof sein würde.
„Savita war überhaupt kein Kriegstyp“, berichtet die Mutter. „Sie hat sich nie einen Kriegsfilm angeschaut, sie konnte kein Blut sehen.“ Im Anschluss an ihr Abitur gab Savita das Medizinstudium auf, wechselte zu Mathematik und ehelichte Karl Stenerud aus Kanada. Und dann kam der 24. Februar 2022, als Russland die Ukraine überfiel.
Diese Invasion beschäftigte Savita zutiefst. „Ihr Haus wurde angegriffen, Europa wurde überfallen. Freiheit und Demokratie standen auf dem Spiel“, gibt Ula Wagner die Überlegungen ihrer Tochter wieder. Ihr Wunsch war es, zu handeln, also transportierte sie Hilfslieferungen. Aber das war ihr nicht genug.
Wendepunkt Butscha: Als „Snake“ an die vorderste Linie ging
Eine Reise nach Butscha, bei der sie die Opfer des Massakers durch russische Soldaten mit eigenen Augen sah, wurde zu einem prägenden Moment. Ab da war ihr klar: Ihr bisheriger Einsatz genügte nicht. Sie durchlief ein militärisches Training und zog unter dem Decknamen „Snake“ als Sanitäterin in den Fronteinsatz.
Ula Wagner hat in ihrer Wohnung in Bonn einen kleinen Altar zum Gedenken errichtet. Eine Fotografie porträtiert Savita in Montur, mit Schutzweste und Gewehr. Ein leichtes Lächeln umspielt ihre Lippen. „Ich sehe Stolz und Zufriedenheit in ihrem Blick“, meint die Mutter.
Ihre Aufzeichnungen enthüllten jedoch Savitas Furcht: „Natürlich habe ich Angst.“ Die Furcht, verwundet oder gelähmt zu werden, oder in Gefangenschaft zu geraten. Jedoch: „Ich habe keine Angst, im Kampf zu sterben.“ Eine Autismus-Diagnose half ihr vielleicht, in brenzligen Lagen konzentriert zu agieren. „Ich ‚fühle‘ nichts, solange ich ein Ziel vor Augen habe“, hielt sie fest.
Eine Notlüge für die Mutter: „Hallo Mama, hier arbeite ich“
Die Mutter hatte von alledem keine Vorstellung. Savita sandte ihr sogar einen Videoclip, der sie scheinbar in einer medizinischen Einrichtung bei der Arbeit zeigte. „Hallo Mama“, hört man sie sagen. „Ich dachte, du freust dich vielleicht über ein Video. Hier arbeite ich als eine Art Krankenschwester.“
Die Wirklichkeit war eine andere, das belegen Aufnahmen von Kameraden: Kämpfer im Graben, Detonationen, Rufe. Hinzu kamen die furchtbaren Umstände. „Es ist immer kalt und feucht“, notierte Savita. „Es gibt überall Insekten, Spinnen und Schnecken. Im Bett, im Essen, unter der Kleidung.“
Ist die Mutter ihr wegen der Unwahrheit böse? Keineswegs. „Sie hat das getan, um mich zu schützen. Ich hätte sonst kein Auge mehr zugetan.“ Als Ula Wagner dann ihren Besuch plante, wurde Savita panisch. „Welchen Schützengraben hätte sie als Adresse angeben sollen?“, stellt die Mutter heute die Frage.
Anfang Januar 2024 kam es schließlich zu einem Treffen in Kiew. Ula Wagner bemerkte unmittelbar die starke Veränderung ihrer Tochter.
„Es waren vor allem ihre Augen, die sich so verändert hatten. Die hatten eine Tiefe, die vorher nicht da war. Heute ist mir natürlich klar, warum. Diese Augen haben Dinge gesehen, die man nicht sehen will.“
Am Valentinstag, nur einen Monat danach, reiste Ula Wagner erneut nach Kiew – zur Beisetzung ihrer Tochter. Erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, wie viele Menschenleben Savita an der Front gerettet hatte. Posthum wurden ihr vier Auszeichnungen für Tapferkeit verliehen. Das Haus der Geschichte in Bonn hat zwei davon, gemeinsam mit Savitas Stiefeln, ihrem Helm und dem Fronttagebuch, in seine Ausstellung integriert.
„Es ist mir wichtig, dass sie nicht vergessen wird“, betont Ula Wagner. Um das Erbe ihrer Tochter fortzuführen, ruft sie eine Stiftung ins Leben. Finanzielle Mittel aus dem Verkauf des Elternhauses in der Bonner Altstadt sollen in Hilfsinitiativen für die Ukraine fließen. Und was würde Savita dazu meinen? Die Mutter schmunzelt. „Sie würde sagen: ‚Mama, machst du richtig.‘“ (dpa/red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
