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Sind Maibräuche noch zeitgemäß?

Ein Maibaum mit bunten Bändern steht vor einem Haus

Copyright: Olivia Gillner

Seit Mitte April laufen die Vorbereitungen. Mit Treckern geht es in die Wälder, um die meterhohen Maibäume (meist Birken) zu holen, welche die Junggesellen traditionell in der Nacht auf den 1. Mai vor die Tür ihrer Liebsten bzw. der „ersteigerten“ Frau aufstellen. Geschmückt werden die Bäume mit bunten Kreppbändern, den sogenannten „Plümme“, die schon Monate zuvor vorbereitet wurden.Wichtig: Die Bäume werden bitte bei organisierten Verkäufen, z. B. beim Förster, erworben und nicht einfach in der Natur abgesägt.

Im Rheinland von vielen heiß geliebt und praktiziert - von anderen geschmäht und ignoriert: Maibräuche. Braucht man die heute eigentlich noch?

Wer kurz vorm 1. Mai durch die kleineren Orte im Rheinland fährt, wird schnell merken: Hier liegt mehr als nur Frühling in der Luft. Zum 1. Mai verändert sich das Bild vieler Straßen: Vor den Häusern stehen meterhohe, geschmückte Birken, an vielen Häuserfassaden hängen aufwendig gestaltete Maibilder. Hier ist eine der traditionsreichsten Zeiten des Jahres im Gange. Der Mai ist gekommen, die Bräuche schlagen aus. Aber: Wie zeitgemäß sind die überhaupt noch?

Geprägt ist dieser Monat von Bräuchen, die über Generationen weitergegeben wurden – und die bis heute ganze Dorfgemeinschaften zusammenbringen. Besonders im Rheinland, etwa im Kreis Düren und den angrenzenden Regionen am Rande der Eifel. Diese Traditionen beginnen schon Wochen vor dem 1. Mai. Die Junggesellenvereine, auch Maigesellschaften genannt, bestehen in der Regel aus unverheirateten Männern ab 16 Jahren. Schon kurz nach Karneval fahren sie an den Wochenenden durch die umliegenden Dörfer, um an „Versteigerungen“ teilzunehmen. Ein Brauch, der heute seltsam anmutet und auch durchaus kritisch betrachtet werden kann.

Darum geht's bei der Maiversteigerung

Ursprünglich ging es darum, symbolisch das Recht zu ersteigern, eine Frau durch die Mai-Zeit zu begleiten, etwa zu Festen oder Veranstaltungen. Dabei werden alle unverheirateten Frauen eines Ortes ab 16 oder 18 Jahren auf eine Liste gesetzt – ob sie das wollen, oder nicht. Für die Frauen entstehen beim Auftauchen auf der Liste keine Verpflichtungen, auch dann nicht, wenn sie „ersteigert“ werden: Sie entscheiden selbst, ob und mit wem sie an den Veranstaltungen teilnehmen. Dennoch: Dieser Brauch ist zunehmend in die Kritik geraten, weil er nicht zum modernen Frauenbild passt.

Deshalb steht mittlerweile auch immer weniger das „Ersteigern“ im Vordergrund, sondern vielmehr das gemeinsame Erleben der Festzeit. Das Geld, das bei den „Versteigerungen“ auf die Frauen geboten wird, fließt in die Gemeinschaftskasse der Maigesellschaft – und finanziert so die künftigen Feste. Bei diesen Versteigerungen wird auch das Maikönigspaar bestimmt. Die Frau, auf die das höchste Gebot abgegeben wird, ist Maikönigin, der Höchstbieter Maikönig. Meist handelt es sich aber um Paare, die eh bereits zusammen sind – oder sehr gute Freunde, die gemeinsam die Maitradition erleben wollen. Es ist zum Glück eher unüblich geworden, eine Frau zu ersteigern, ohne zu wissen, ob überhaupt Interesse von ihrer Seite besteht. In manchen Ortschaften können junge Männer direkt auf die Königswürde bieten – und dann ihre Königin bestimmen (im besten Fall lieb fragen).

Annika Nießen, Maifrau aus Oberzier, erklärt uns, warum sie trotz des nicht gerade modernen Frauenbildes gern ein Teil der Tradition ist: „Schon als kleines Kind habe ich mir immer die Züge angeschaut und die Mädels in ihren tollen Kleidern bewundert. Ich freue mich sehr, dass ich jetzt auch mit einem wunderschönen Kleid an den Zügen teilnehmen kann. Durch die Maigesellschaft habe ich viele Freundschaften geschlossen – und es ist schön, mit meinen Freunden die ganzen Wochenenden im Mai unterwegs zu sein.“

Maigesellschaft jetzt mit Frauenbeauftragter

Frederic Kausch vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte erklärt im Gespräch mit dem Sonntag-EXPRESS, warum heutzutage immer noch auf Frauen „geboten“ wird: „Die symbolischen Versteigerungen von unverheirateten, jungen Frauen stoßen immer wieder Aushandlungsprozesse um Rollenbilder und -vorstellungen an.“ Kritik an den Versteigerungen gebe es, so der Experte, schon seit den 1990er Jahren. Kausch weiter: „Es zeigt sich, dass es für die beteiligten Frauen schwierig ist, sich von diesen Aktivitäten und ihrer Bedeutung zu distanzieren, vor allem dann, wenn sie in vollem Umfang in die Feierlichkeiten eingebunden sind. Die Versteigerungen finden aktuell nur noch vereinzelt statt, bestimmte Vereine haben sie bereits abgeschafft – wie etwa der Junggesellenverein Wimbach an der Ahr. Die Maigesellschaft Grefrath bei Frechen hat anders reagiert und eine Frauenbeauftragte eingesetzt. Inzwischen gibt es sogar rein weibliche Vereinigungen, die gemeinsam mit den Junggesellvereinen die Feste organisieren, beispielsweise der Lady-Club in Esch/Kreis Daun.“

Dennoch wirken manche Bräuche schon arg aus der Zeit gefallen. Warum sie trotzdem bis heute bestehen, erklärt Kausch so: „Bräuche bleiben gerade deswegen lebendig, weil sie sich weiterentwickeln, anpassungsfähig sind und als regelmäßig wiederholte soziale Handlungsformen immer neue gesellschaftliche Gruppen erschließen. Bräuche, wie auch Maibräuche, haben vielschichtige Funktionen: Sie fördern sozialen Zusammenhalt, stabilisieren Gemeinschaften und stiften Identität.“ Nicht zuletzt betreiben Maigesellschaften großen Aufwand, um ihre lokalen Traditionen zu erhalten und weiterzuentwickeln. „Damit ermöglichen sie soziale Teilhabe. Bräuche bleiben durch die Gemeinschaften lebendig. Sie organisieren sich selbst, und daher werden sie auch nicht von oben befohlen oder abgeschafft.“

Ein Maipaar

Copyright: Olivia Gillner

Das Maikönigspaar steht den ganzen Mai über im Zentrum der Feierlichkeiten. Sie sind während der gesamten Festzeit die „Botschafter“ des Dorfes. Ähnlich wie im Karneval übernehmen die beiden eine organisierende und repräsentative Rolle bei den Veranstaltungen. Der König (hier: Marco Keuter) trägt die traditionelle Kette und die Maikönigin (Alena Kurth) eine kleine Krone. Beide waren das Königspaar der Maigesellschaft „Maienlust 1922“ im Jahr 2024.

Und was sagen die Männer? Noah Schönen erzählt uns: „2018 bin ich in die Maigesellschaft Lustige Buben Manheim eingetreten – seitdem ist es ein fester Bestandteil in meinem Leben. Es fühlt sich wie eine zweite Familie an. An der Maigesellschaft schätze ich besonders den Zusammenhalt. Es ist nie nur ein Verein auf dem Papier. Man unterstützt sich immer gegenseitig – egal was ist – und schließt über die Jahre neue Freundschaften. Wir verbringen auch außerhalb des Mais viel Zeit miteinander.“ Gerade weil vielerorts die Maitraditionen nicht mehr so stark gelebt werden, ist es Noah „wichtig, Bräuche weiter zu tragen und nicht verloren gehen zu lassen. Und genau diese Mischung aus Gemeinschaft, Tradition und guter Stimmung macht den Mai für mich aus.“

Zwar endet die Mitgliedschaft in der Maigesellschaft für Männer mit der Hochzeit, spätestens jedoch mit dem 30. Lebensjahr. Doch viele bleiben dem Brauchtum trotzdem verbunden, unterstützen die Feste als Ehemalige. Thorsten Cremer aus Oberzier war zum Beispiel 1999 Maikönig – und hilft jetzt als Ehemaliger tatkräftig bei der Maigesellschaft „Maienlust 1922 Oberzier e.V.“ mit. „Mir ist es wichtig, die Traditionen bei uns aufrechtzuerhalten, gerade weil es bei uns in der Region nicht mehr so viele davon gibt“, sagt Cremer. „Umso schöner ist es für mich zu sehen, dass meine beiden Söhne, die sind 20 und 17, auch Teil der Maigesellschaft sind. Und es ist einfach ein besonderes Gefühl, jedes Jahr mit einem Großteil der gleichen Leute unterwegs zu sein, mit denen man schon seine Jugend verbracht hat.“

Ein Maibild mit einem Faultier

Copyright: Olivia Gillner

Nicht immer und überall wird eine Birke aufgestellt. Oft hängen stattdessen aufwendig gestaltete, individuelle Maibilder aus gedrehten Kreppbändern an der Hausfassade. Im Schaltjahr sind es übrigens die Frauen, die den Männern ein Maibild (oder einen Baum) schenken.

Am 30. April wird meist auf dem Dorfplatz einer Gemeinde der Dorfmaibaum (20 bis 30 Meter hoch) aufgestellt. Nachdem der steht, macht sich die Maigesellschaft um Punkt 0 Uhr auf den Weg, um zuerst den Königsbaum zu stellen – und dann die einzelnen Maibäume (s. unten) bzw. Maibilder (s. rechts) bei den ersteigerten Maifrauen aufzustellen. Der Mai ist deshalb auch für viele ein Ereignis für das ganze Dorf: Familien kommen zusammen, Kinder schauen beim Maibaumstellen oder den Maizügen zu. Alle Generationen feiern zusammen.

Experte Kausch erklärt warum: „Jung und Alt treffen aufeinander und kommen so miteinander in den Austausch. Man kann von einem intergenerationellen Wissenstransfer sprechen, wenn z. B. Ämter von älteren auf jüngere Mitglieder übertragen werden. “ Der Festmonat: Mai Auch nach dem 1. Mai ist nicht Schluss. Jedes Wochenende im Monat gibt jede Maigesellschaft ihr eigenes Fest. Gefeiert wird in der Regel drei Tage am Stück – von Freitag bis Sonntag. Höhepunkt ist stets der große Festumzug. Die Männer laufen im Anzug auf, die Frauen in pompösen Kleidern, Musikvereine spielen auf, Zuschauer versammeln sich an den Straßen. Die Maizüge sind nicht nur ein Zeichen für die Tradition, sondern machen Gemeinschaft sichtbar. Verschiedene Maigesellschaften aus der Region nehmen teil, besuchen sich gegenseitig und ziehen gemeinsam durch die Orte. So entsteht ein Netzwerk aus Festen und Freundschaften.

„Erhebungen zeigen, dass es seit der Jahrtausendwende ein stark gestiegenes Interesse und Engagement junger Menschen in den Maigesellschaften gibt. Nicht nur Identität und lokales Selbstbewusstsein sind ihnen wichtig. Auch die Bedürfnisse nach attraktiver Freizeitgestaltung und der Ablenkung von Alltagssorgen sind grundlegende Aspekte dafür, dass die Maivereine und ihre Feste heute nach wie vor für die Gesellschaft bedeutsam sind“, erläutert LVR-Experte Frederic Kausch. Wer will, kann also den ganzen Mai über von Ort zu Ort ziehen – von Festzelt zu Festzelt.

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