Wut und Buhrufe: Aufgeheizte Stimmung beim Infoabend zum Suchthilfezentrum (SHZ) am Kölner Perlengraben.
Große Wut bei Infoabend in KölnBuhrufe für Burmester: OB unter Druck

Copyright: Michael Bause
OB Torsten Burmester gerät wegen des Suchthilfezentrums (SHZ) am Kölner Perlengraben unter Druck. Es hagelte viel Kritik.
Aktualisiert
Es gab Buhrufe und höhnisches Gelächter: Bei einem Infoabend der Stadt Köln zum geplanten Suchthilfezentrum (SHZ) am Perlengraben war die Stimmung am Dienstagabend extrem aufgeheizt.
Oberbürgermeister Torsten Burmester, Sozialdezernent Harald Rau und Polizeipräsident Johannes Hermanns wollten in der Aula des Berufskollegs im Pantaleonsviertel die Pläne erläutern, trafen aber auf heftigen Widerstand, wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtet.
Etwa 400 Menschen kamen zu dem Infoabend. Burmester machte gleich zu Beginn klar, wieso das Thema für ihn so dringend ist. „Ich war mit der Polizei am Neumarkt“, so der OB.
Er habe dort Menschen gesehen, „die am Boden lagen, die offene Beine hatten“. Diese Erlebnisse hätten ihn geprägt. „Das waren Erfahrungen für mich, da bin ich nicht mehr bereit, diese Verhältnisse in Köln zu akzeptieren.“
„Es wird keinen Standort geben, bei dem es Zustimmung von allen gibt“
Es gehe um zwei Bausteine, die nicht zu trennen seien, betonte Burmester: Hilfe und Ordnung. „Dass wir ein Hilfsangebot machen müssen für diese Menschen, das ist völlig klar“, erklärte er.
Die Stadt wolle zugleich „nicht mehr tolerieren, dass im öffentlichen Raum Drogen genommen werden“. Seine Ausführungen wurden von Buhrufen begleitet. Daraufhin gestand er ein: „Ich bin erst hundert Tage im Amt.“

Copyright: Arton Krasniqi
Das erste Kölner Suchthilfezentrum (SHZ) soll auf einer Fläche am Perlengraben/Wilhelm-Hoßdorf-Straße entstehen.
Noch schärfer formulierte es Sozialdezernent Harald Rau. „Das allerdrängendste Problem in dieser Stadt ist die offene Drogenszene“, sagte er.
Rau stellte zugleich klar, dass kein Standort auf allgemeine Zustimmung treffen werde. Als die Zwischenrufe lauter wurden, entfuhr es ihm: „Welche Kultur haben Sie denn? Was ist denn das für eine Kultur?“
Angst vor Neumarkt-Zuständen: Initiative gegen Drogenzentrum wächst
Die Befürchtung vieler Anwohner und Anwohnerinnen zielt vor allem auf mögliche Verhältnisse wie am Neumarkt ab. Fragen aus dem Publikum drehten sich um die Kriterien für die Standortwahl, den Wertverlust von Immobilien sowie die Nähe zu Schulen und Kitas.
Ein Bürger wollte wissen, warum für Wettbüros Mindestabstände vorgeschrieben sind, für ein Suchthilfezentrum jedoch nicht. Andere fragten: „Was macht den Neumarkt wichtiger als unser Viertel?“

Copyright: Michael Bause
Infoveranstaltung zum geplanten Suchthilfezentrum am Perlengraben: Die Aula des Berufskollegs war gut gefüllt, die Stimmung angespannt.
Von großem Zulauf berichtete Andreas Zittlau von der Interessensgemeinschaft (IG) Pantaleonsviertel. Mehr als 350 Mitgliedsanträge seien eingegangen, man komme mit der Bearbeitung kaum nach.
Die Kritik der Anwesenden bezog sich auch auf das Vorgehen: „Die Beteiligung war null, die Stadt hat uns vor vollendete Tatsachen gestellt“, äußerte ein Anwohner.
Polizeichef warnt: Ohne Zentrum keine Garantie für Sicherheit
Die Pläne der Stadt wurden von Polizeipräsident Johannes Hermanns unterstützt. „Wir sind alle dafür verantwortlich, dass die öffentlichen Plätze genutzt werden können, dass diese Menschen Hilfe bekommen“, sagte er und unterstrich: „Sie sind primär krank und nicht kriminell, das sage ich als Polizist.“ Er warnte zugleich eindringlich vor den Folgen der Drogenschwemme: „Wenn wir jetzt nicht handeln, dann werden wir als Polizei auf dauer Ihre Sicherheit nicht garantieren können.“

Copyright: Michael Bause
Vor der Aula demonstrierten Kinder mit Plakaten gegen das geplante Suchthilfezentrum.
Im Umfeld eines SHZ versprach Hermanns ein konsequentes Vorgehen. „Sobald ein Suchthilfezentrum seine Türen öffnet, werden wir da sein und dafür sorgen, dass da Ordnung herrscht.“ Am Neumarkt sei dies gerade deshalb nicht möglich, weil es in Köln kein solches Zentrum gebe. „Draußen merken Sie das beispielsweise in Zürich gar nicht, dass es ein Suchthilfezentrum gibt.“
SHZ ist „Teil der Lösung, nicht des Problems“
Der Suchtforscher Daniel Deimel widersprach der Befürchtung, ein Suchthilfezentrum könne zusätzliche Dealer oder Suchtkranke anziehen. SHZ hätten keinen „Pullfaktor“, sagte er.
Solche Einrichtungen seien „Teil der Lösung, nicht des Problems“. Die derzeitigen Zustände seien für Anwohnende, Schülerinnen und Schüler sowie Geschäftsleute nicht mehr tragbar. Deimel plädierte für mehr Zentren dieser Art und dafür, Wohnungslosigkeit konsequent mitzudenken. Zugleich warnte er davor, „Menschengruppen gegeneinander aufzuwiegeln“.
Überraschende Unterstützung: Schülerin plädiert für Menschlichkeit
Es gab jedoch neben Wut und Angst auch andere Stimmen. Eine Schülerin aus dem Viertel erklärte: „Ich habe gar kein Problem damit, dass das SHZ gebaut werden soll, obdachlose und suchtkranke Menschen sehen wir auch jetzt. Diese Menschen brauchen Hilfe.“ Sie habe den Eindruck, „dass der Aspekt Menschlichkeit hier zu kurz kommt“. Ihre klare Botschaft: „Wir wollen, dass das Zentrum gebaut wird.“
Ein suchtkranker Mann, der sich als Jan ausgab, sprach besonders eindringlich. „Ich würde mal stellvertretend für die etwa 50 Suchtkranken hier vor Ort sprechen,“ sagte er. Er sei „schockiert, wie verschlossen sich viele hier gegenüber Informationen zeigen“ und „einfach nur nicht wollen, dass es vor der eigenen Haustür stattfindet“.
Die Sorge um Kinder empfinde er als Vorwand. Kinder würden nicht süchtig, „weil Dealer irgendwo rumstehen“. Sucht habe ihre Ursachen in „Trauma, Perspektivlosigkeit, Verwahrlosung und einer empathielosen Gesellschaft“. Er bat darum, Ängste ernst zu nehmen, aber die Hilfe höher zu bewerten als das, „was sein könnte“.
Die Fronten blieben am Ende verhärtet. Burmester kündigte an, er werde „bis zum letzten Mann“ für einen weiteren Austausch vor Ort bleiben. (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
