Der Anschlag auf den Berliner CSD sitzt tief. Doch Köln antwortet mit einer Welle der Solidarität: Tausende zeigen auf dem „Queer March“ Gesicht und senden eine klare Botschaft.
Nach Terror-Schock in BerlinTausende in Köln bei emotionaler Queer-Demo
Ein Meer aus Regenbogenfarben hat am Sonntag die Kölner City geflutet. Trotz der hohen Temperaturen versammelten sich die Leute, der Grund dafür war jedoch ein sehr ernster. Die Demonstration war eine unmittelbare Reaktion auf den tödlichen Angriff in der Hauptstadt.
Ein polizeilich bekannter Islamist hatte dort am 25. Juli während der Parade eine Frau getötet und zahlreiche weitere Personen verletzt. Ein Bündnis aus Köln, dem unter anderem die Aidshilfe sowie der Verein Cologne Pride angehören, initiierte deshalb unter dem Motto „Haltung ist hot“ den „Queer March“, um ein Zeichen gegen die Bedrohung zu setzen.
Promis und Politik zeigen klare Kante
Auf der Deutzer Werft fanden sich Tausende Demonstrierende ein, und auf der Strecke bis zum Friesenplatz wuchs die Menge weiter an. Die Organisatoren gingen am Ende von 10.000 Menschen aus. Eine offizielle Bestätigung seitens der Polizei gab es hierzu nicht.
Trotz des ernsten Hintergrunds herrschte eine gelöste Atmosphäre, die aber auch von mutigem Trotz gekennzeichnet war. Auf Plakaten waren Slogans wie „Trauer, Wut, Widerstand“ zu lesen. Ein anderes Schild verkündete: „My love is stronger than your hate – Meine Liebe ist stärker als euer Hass.“
Die Veranstaltung bekam viel Zuspruch, auch von bekannten Persönlichkeiten wie der Komikerin Caroline Kebekus, die zur Teilnahme animierte. Ihr Kollege Fatih Cevikkollu bezog ebenfalls Position: „Ich unterstütze die Aktion, weil Gesellschaft die Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichkeiten ist. Wir stehen zusammen.“
Sven Lehmann, der ehemalige Queer-Beauftragte der Bundesregierung, verlangte auf der Bühne einen nachhaltigen Schutz für queeres Leben von Bund, Ländern und Kommunen – gerade jetzt. Eine Sprecherin hob hervor, dass Köln durch seinen Queer-Ausschuss, welcher sich in regelmäßigen Abständen mit dem Stadtrat bespricht, eine führende Position innehabe. Diese gelte es aber noch zu stärken.
Kölner Demo-Teilnehmer: Zwischen Angst und Trotz
Die lesbische Frauensambagruppe „Die Queerelas“ aus Köln erklärte ihre Motivation: „Wir sind die Queerelas, eine lesbische Frauensambagruppe aus Köln. Wir sind dabei, um unser Anliegen nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar zu machen. Die Angst schwingt seit Berlin mit, aber wenn man lesbisch aufwächst, dann hat man seit der Geburt Angst. Die Bedrohung ist näher gerückt. Aber sie betrifft nicht nur uns, sondern auch Straßenfeste, Weihnachtsmärkte und den Karneval.“

Copyright: Vielhaber
Majlill aus Köln (l.) und Finja aus Lübeck waren auch in Köln dabei.
Lars und Michael aus Köln zeigten sich ebenfalls kämpferisch: „Wir lassen uns von Extremisten nicht einschüchtern. Es war für uns selbstverständlich, hier mitzumachen. Wir empfinden die Bedrohung in Köln als nicht so groß, jedoch ist die Stimmung in den letzten Jahren doch anders geworden. So wurden wir vor Kurzem an einem Kiosk als ‚dumme Schwuchteln‘ beschimpft. Das hat es früher nicht gegeben. Und ‚schwul‘ ist bei Jugendlichen ein Schimpfwort. Das darf nicht sein.“
Majlill aus Köln und Finja aus Lübeck äußerten sich ebenfalls: „Ja, wir haben Angst. Aber es hilft ja nichts. Man fühlt sich weniger sicher als früher. Aber gerade deshalb sind wir hier mit dabei. Auf unserem Schild steht: Jetzt können wir endlich herausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten. Damit meinen wir die Nazi-Zeit. Viele auf dem Weg zur Demo haben uns auf dieses Schild angesprochen und wir sind ins Gespräch gekommen.“ (red)
