Die Kölnerin Nicole Schulze ist Sexarbeiterin und Expertin im Bereich Sexualassistenz. Mit ihrem Stand hat sie jetzt auf einer Altenpflege-Messe für großes Interesse gesorgt.
„Wir wurden überrannt“Kölner Sexarbeiterin sorgt auf Altenpflege-Messe für Furore

Copyright: Nicole Schulze
Die Kölnerin Nicole Schulze, die sich auf Sexualassistenz spezialisiert hat, war Mitausstellerin auf der Altenpflege-Messe in Essen (21. bis 23. April 2026). Zum ersten Mal gab es dort einen Stand zum Thema Sexualität.

Altenpflege ist ein wichtiges Thema. Und so ging es bei der Messe in Essen unter anderem um Pflege, Ernährung, Hygiene – und Sexualität! Das Projekt „Inklusiv Intim“ war dort zum ersten Mal mit einem Infostand vertreten und sorgte regelrecht für Furore.
Die Kölner Sexarbeiterin Nicole Schulze (46) war Mitausstellerin. „Wir wurden überrannt“, erzählt sie gegenüber EXPRESS.de begeistert.
33-Jährige bucht Sexualassistenten und erzählt auf Messe offen davon
Die 46-Jährige, die auch Vorsitzende des Berufsverbands Sexarbeit ist, hat sich auf Sexualassistenz spezialisiert. Dabei handelt es sich um eine professionelle Dienstleistung für Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, die Unterstützung in ihrer sexuellen Entwicklung und beim Ausleben ihrer Sexualität benötigen oder wünschen.
Auf der Messe wurde Nicole Schulze mit Fragen gelöchert: Wie buche ich eine Sexualassistenz? Wie funktioniert das? Wann darf ich als Betreuer eine Sexualassistentin beauftragen? Ihr Kollege Thomas, der ebenfalls Sexualassistenz anbietet, hatte zur Messe sogar seine Klientin mitgebracht. Die junge Frau (33) ist Spastikerin.
„Sie hat an unserem Stand erzählt, warum sie ihn bucht“, berichtet Nicole Schulze. So habe die 33-Jährige erklärt, dass sie sich genau wie alle anderen nach Sexualität sehne, dass sie zwar lieber einen Freund hätte, sie aber keiner wolle.
„Sie sagte, wie dankbar sie Thomas daher ist – dass er ihre Sehnsucht nach Sexualität erfüllt und wie wichtig es ihr ist, dass sie ihm vertrauen kann. Es ist für sie etwas Besonderes, sie spart darauf“, erzählt Nicole Schulze. Thomas’ Klientin habe gefordert, dass die Politik etwas ändert, dass Sexualassistenz, wie in Holland, eine Krankenkassenleistung wird.
Kölner Sexarbeiterin: „Sexualität ist da eh ein Tabu-Thema“
„Deutschlandweit gibt es nur 70 bis 90 Personen, die Sexualassistenz anbieten“, erklärt die Kölner Sexarbeiterin. Dabei sei für viele Menschen Sexualität zum Beispiel auch im Alter ein wichtiges Thema, auch für diejenigen, die dement sind oder in einem Pflegeheim betreut werden.
Von den Heimen würden sie stattdessen oft hören, es gebe keinen Bedarf, so Nicole Schulze. „Sexualität ist da eh ein Tabu-Thema. Aber ich glaube, jeder Mensch hat Bedarf an Intimität. Allerdings legen die den Fokus immer auf Geschlechtsverkehr.“ Als Expertin fordert sie, dass das Pflegepersonal dahingehend geschult werden muss.
„Nach dem Motto: Ihr habt ein Brett, auf dem steht: Einmal im Monat kommt der Friseur, einmal die Fußpflege und einmal ein Ansprechpartner, mit dem die Heimbewohner und -bewohnerinnen über Sexualität und ihre Wünsche sprechen können“, erklärt sie.
Sexualität werde in Heimen meist unterdrückt, so ihr Vorwurf. „Das große Problem der Heime ist die Angst, sie würden dann die Prostitution fördern“, erklärt die Kölnerin. „Diejenigen, die bei uns im Verband sind, bei denen kann man aber sicher sein, dass sie seriös sind. Wir machen auch Weiterbildungskurse und Workshops“, so Nicole Schulze. „Wir vom Berufsverband haben jetzt auch zusammen mit Rotlicht.de extra eine Internetseite gemacht, wo man uns findet.“
Die Kölner Sexarbeiterin hat selbst die angeborene Exostosenkrankheit. Neben verkürzten Armen kommt es dabei zu Knochenwucherungen. „Dadurch, dass ich selbst krank bin und mir das nichts ausmacht, habe ich mich auf Sexualassistenz spezialisiert“, erklärt sie.
Nicole Schulze stellt klar: „Das Aussehen unseres Körpers hat nichts mit Sexualität zu tun. Die Männer gucken nicht auf meine Arme.“ Ihre Botschaft: Krankheiten stören nicht bei der Sexualität.
Das Kölner Projekt „Inklusiv Intim“ hat sie gemeinsam mit der GSSG (Gemeinnützige Stiftung Sexualität und Gesundheit) ins Leben gerufen. Damit setzt sie sich für die sexuelle Gesundheit von betreuten Menschen ein und fördert einen respektvollen und offenen Austausch zwischen allen Beteiligten, wie Betreuern/Betreuerinnen, Pflegekräften, Sexarbeitenden und Angehörigen.

