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Kölner GeheimnisseDer Pflasterstein, der an Timm erinnert

Auf einem Pflasterstein steht der Name Timm.

Ein Pflasterstein erinnert an den toten Timm.

In der Reihe „Kölner Geheimnisse“ erinnern wir an einen erschütternden Fall. Dort, wo es geschah, findet sich der eine Pflasterstein unter Tausenden Pflastersteinen, der eine, der an Timm erinnert. Er trägt seinen Namen, seinen Geburts- und seinen Sterbetag und die Inschrift „Jeder Schlag kann töten“.

Als der 20-jährige Timm und ein Freund am 4. Mai 2008 einen Irish Pub in der Kölner Altstadt verlassen, treffen sie auf dem Heumarkt auf eine Gruppe von ebenfalls jungen Leuten, darunter auch ein Mädchen. Die Clique war zuvor im selben Pub wie Timm und sein Begleiter.

Nach Überzeugung des Vorsitzenden Richters beim Prozess war die tödliche Eskalation, zu der es in jener Nacht kam, „aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Missverständnis heraus“ entstanden

In den Gerichtsberichten der Zeitungen finden sich die Begriffe Flirt, ein Blick zu viel und Eifersucht. Ein Wortgefecht, ein Gerangel, dann ein Faustschlag. Timm fällt und bleibt regungslos auf dem Pflaster liegen. Der schlimmste Fall tritt ein. Der junge Mann stirbt. Als Todesursache wird ein Riss einer bereits geschädigten Hirnarterie festgestellt.

Beim Prozess sprachen Rechtsmediziner von einer „natürlichen Todesursache“ und schlossen einen „ursächlichen Zusammenhang zwischen Schlag und Todesfolge“ aus. Die Anwälte von Timms Eltern ließen medizinische Gutachter zu Wort kommen, die Zweifel an dieser These hatten und einen Zusammenhang sehr wohl für möglich hielten. Doch diese Sichtweise blieb außen vor.

Ein Mann steht auf einem Platz und guckt zu einem Pflasterstein zu seinen Füßen.

Sante Paolino blickt auf den in den Boden eingelassenen Gedenkstein für Timm.

Der Richter stellte das Verfahren gegen zwei wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagte 22-Jährige nach fünf Verhandlungstagen ein. Der Angeklagte, der zugeschlagen hatte, erhielt 200, der andere 150 Sozialstunden, abzuleisten in einer gemeinnützigen Einrichtung.

Nie im Leben konnte die Familie des Opfers das Urteil als gerecht empfinden. Der Pflasterstein am Schauplatz des tragischen Geschehens ist die bleibende Klage darüber.

Sante Paolino hält an verschiedenen Gedenkorten inne

Es sind verschiedenste Gedenkorte, an denen der ehemalige Kölner Verlagsangestellte und freie Journalist Sante Paolino bei seinen fast täglichen Stadtwanderungen häufig innehält. Der seit 1967 in Köln lebende Italiener hat einen kritischen Blick auf die Stadt und ist mit ihr doch wie per Du. Er betrachtet sie, sie spricht ihn an. „Ich habe kein Auto und auch kein Fahrrad. Ich bin ein Fußgänger, ich gehe gerne und ich betrachte gerne. Es ist wie eine Lektüre der Straße. Man begegnet immer wieder neuen Seiten.“

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Auf Facebook teilt er seine Beobachtungen. Es war dann auch ein Hinweis des aufmerksamen Flaneurs, der 2021 eine Affäre um einen anderen Gedenkort am Heumarkt auslöste. Die Karl-Marx-Tafel am Haus Nummer 65, in dem der Weltendenker aus Trier als Chefredakteur die „Neue Rheinische Zeitung“ führte, war verschwunden. Nachfragen des EXPRESS ergaben, dass die schwere Messingtafel wegen einer Sanierung des Gebäudes abgehängt worden war. Sie konnte wegen der neuen Beschaffenheit der Fassade nicht wieder in der ursprünglichen Art angebracht werden und wurde im Keller links liegengelassen.

Nach der Berichterstattung gab sich die Hausverwaltung dann Mühe, eine andere Methode der Befestigung zu finden. So kehrte die Tafel wieder an ihren Platz zurück.

Nur wenige Meter weiter in südlicher Richtung befindet sich eine Gedenktafel zu einer anderen epochalen Figur, in diesem Fall der Technikgeschichte: Der Schöpfer des Verbrennungsmotors, Nikolaus August Otto, wohnte acht Jahre lang, bis zu seinem Tod 1891, im Haus Heumarkt 43. Das Gebäude wurde im Krieg zerstört und wiederaufgebaut.

Das Cover des Buches Kölner Geheimnisse

Cover Kölner Geheimnisse Band 2 von Ayhan Demirci und Maira Schröer

Diese Geschichte stammt aus dem Buch „Kölner Geheimnisse Band 2/ 50 neue spannende Geschichten aus der Dom-Metropole“, das im Bast-Verlag erschienen ist (192 Seiten, 24 Euro). Sieben Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes sind es diesmal die Autoren Ayhan Demirci und Maira Schröer, die sich auf die Spuren Kölner Geschichte begeben haben und ausgehend von Objekten und Relikten in der Stadt von außergewöhnlichen Begebenheiten erzählen.