Hat man so was schon mal gesehen? Wohl kaum. Wie also kommt der Wal in die Kirche? Und warum?
Wie kommt der dahin?Riesiger Wal liegt in Kölner Kirche

Copyright: Gil Shachar
Die Wal-Skulptur des Bildhauers Gil Shachar: Sie wurde auch schon in einer Kirche in Xanten ausgestellt.

Die Menschen hierzulande haben eine besondere, hochemotionale Beziehung zu großen Säugetieren im Wasser, dem Wal. Das zeigte die beispiellose, wenn auch vergebliche Rettungsaktion um den gestrandeten Wal Timmy. Auch die beiden Künstler Michael Nowottny und Gil Shachar beschäftigen sich seit Jahren mit dem Wal. Und sie sorgen jetzt dafür, dass eine 14 Meter lange, lebensechte Abformung eines Buckelwals in der Kölner Kirche St. Gertrud strandet.
Beide Künstler arbeiten in Langzeitprojekten künstlerisch an dem Thema Wal – ohne bisher voneinander zu wissen. Beiden gemeinsam ist, dass sie die Faszination für dieses überwältigende Lebewesen über sehr viele Jahre nicht mehr losließ. Nun fügt es sich, dass sie gemeinsam eine spektakuläre Ausstellung im Raum der Kirche von St. Gertrud an der Krefelder Straße 57 entwickelt haben, die am Freitagabend (10.7.) eröffnet wird.
Ein 20-Tonner und viele Helfer waren für den Aufbau nötig
Der Hingucker ist eine lebensechte Wal-Plastik des deutsch-israelischen Bildhauers Gil Shachar. „Dafür, dass die Skulptur in dem Kirchenraum von St. Gertrud installiert und gezeigt werden kann, waren ein 20-Tonner und viele Helfer nötig“, berichtet der Kölner Künstler Michael Nowottny über den Aufbau, der in der Nachbarschaft bereits für einigen Wirbel gesorgt hat.
Doch wie ist die Wal-Plastik entstanden? 2009 hatte der Künstler Gil Shachar, Jahrgang 1965, die Vision, einen gestrandeten Wal in seiner Ganzheit abzuformen und ihn damit in seiner faszinierenden Größe künstlerisch „einzufangen“.

Copyright: Michael Nowottny
Im Innenraum der Kirche St. Gertrud findet der Koloss schließlich seinen Ausstellungsplatz, nachdem Helfer mitangepackt haben.
Nach einer jahrelangen Vorbereitungs- und Wartephase bot sich im August 2018 die Gelegenheit, einen an der Westküste Südafrikas am Strand angespülten Buckelwal abzuformen. Mit einer Schicht Gelcoat (ein Hartlack) und zwei Schichten glasfaserverstärktem Polyesterharz wurde der Korpus des vierzehn Meter langen Kolosses abgenommen. Von dem natürlichen Abdruck wurde im Frühjahr 2019 in Kapstadt in einem aufwendigen Arbeitsprozess über Wochen die Wal-Skulptur abgegossen.
Dazu heißt es von dem Künstler: „Die entstandene Skulptur ermöglicht die tiefberührende Begegnung mit existenziellen Dimensionen unseres Daseins und unseres Umgangs mit der Welt.“
Auch der Kölner Künstler Michael Nowottny, Jahrgang 1961, beschäftigt sich seit Jahren künstlerisch mit dem Thema Wal. Seit 2003 bearbeitet der Mitbegründer der Projektgalerie „LABOR“ am Ebertplatz etwa bildnerisch-künstlerisch den von Herman Melville 1851 erschienenen Roman „Moby Dick“. In Gemälden, Zeichnungen, Installationen, Filmen und Performances hat Nowottny die vielfältigen Themen des weltberühmten Romans, der viele Aspekte der menschlichen Existenz behandelt, immer wieder künstlerisch in den verschiedenen Medien umgesetzt.
In St. Gertrud werden jetzt aus Nowottnys Werkzyklus verschiedene Filme auf den rohen Sichtbeton projiziert. Ergänzend werden in der Krypta Teile seines umfangreichen Buchprojekts „Gestrandet – Teil 1 Die Jagd Logbuch 2003 – 2026“ vorgestellt.
Auch der „Moby Dick“ aus dem Rhein ist ein Thema der Schau
Und auch hier liefert eine besondere Begegnung zwischen Mensch und Wal den Stoff: „Moby Dick“ schwamm auch schon durch den Rhein. Und auch hier wurde es grotesk: Als der 1966 im Rhein verirrte und so getaufte Belugawal im Duisburger Hafen auftauchte, versuchte etwa der Direktor des dortigen Zoos, ihn mit Pfeil und Bogen zu betäuben. Auch der Versuch, das fünf Meter lange Tier mit Tennisnetzen einzufangen, scheiterte.

Copyright: Gil Shachar
Der deutsch-israelische Bildhauer Gil Shachar
Nowottny liefert jetzt eine neue Zusammenfassung in Buchform mit Comicpassagen und Fotodokumentationen. St. Gertrud ist eine von Gottfried Böhm 1960 im Stil des „Brutalismus“ entworfene Kirche und für Nowottny „ein kongenialer Ort“ für die Wal-Ausstellung. Der Innenraum von St. Gertrud erzeuge durch die sparsame Beleuchtung und seine groben, verschachtelten Wände aus Sichtbeton, die steil und hoch in den offenen Dachraum übergehen, eine existenziell berührende Atmosphäre. Wie gemacht also für den Wal.
Schau bis zum 9. August zu sehen
Die Eröffnung der Ausstellung ist am Freitag von 18 bis 20 Uhr in St. Gertrud, Krefelder Straße 57. Die Schau ist bis zum 9. August zu sehen. Öffnungszeiten: freitags und samstags 16 bis 20 Uhr, sonntags 14 bis 18 Uhr.
