BAP widmete ihm SongDer Wirt des „Wahnsinns“: Bernd Schmitz wird 70

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Bernd Schmitz in seiner Wohnung, die Atelier und auch Garage für seine alte Harley ist.

von Ayhan Demirci (ade)

Köln – Wenn BAP und Wolfgang Niedecken zum „Wild Thing“-Gitarrenriff so ansteckend grölten: „Wahnsinn! Da jon mer och hin…“ –  dann meinten sie ihn und seine Südstadt-Kneipe. Bernd Schmitz, der Gründer des „Kurfürstenhof“ und auch Erfinder der legendären „Blue Monday“-Nächte im Alten Wartesaal.

Kult-Wirt wird 70

Spanien? Mexiko? Oder doch Köln? Die Spur hatte sich verloren. Doch EXPRESS konnte ihn treffen. Schmitz, den Wirt des „Wahnsinns“, der am Sonntag 70 wurde.  Treffpunkt: Eine Ex-Drogerie in Nippes. Mitten im Raum steht eine alte Harley.

Die Drogerie, heute Wohnraum, hatten Schmitz Eltern  betrieben. „Mein Vater hatte Geschäfte in Nippes, Longerich und Merheim. Und er wollte, dass ich das fortführe.“

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Kurfürstenhof schlug ein

Doch Schmitz studierte Malerei – und eröffnete 1975 an der Bonner Straße die Kneipe „Kurfürstenhof“. „Es lief von Anfang an wie  eine Bombe“, sagt Schmitz. Das Ambiente:  „Fünf Neon-Röhren an die Decke geschraubt, das war´s.“

Im Hof geht der Punk ab. Dosenbier und Bleiglasfenster. Szenegäste von Jürgen Zeltinger bis zum späteren Kunstprofessor Jürgen Klauke. Der junge Niedecken gibt Schmitz seine ersten Platten zum Thekenverkauf in Kommission: „Er brachte zehn Stück vorbei, Ende der Woche haben wir abgerechnet.“

Eine Ledermaske, sonst nix

Nach einem Umbau kommt es zur  bis heute einzigartigen Käfigaktion, oder, wie Schmitz  sagt: „Eine Ausstellung, die eine erotische Komponente hatte“. An die Wand hat er seine und Klaukes Bilder aufgehängt.

Die Käfige sind ein Relikt der Anfangszeit, als er die Bleiglasfenster vergittert hat, damit sie im täglichen Tumult nicht kaputt gehen. Er baut sie zu Käfigen um. In einen geht er rein, in einen zweiten nacheinander verschiedene junge Frauen.

Nackt, für zehn bis 15 Mark die Stunde, mit Leder-Maske überm Kopf. Auch die Passanten können von draußen alles sehen. Die Stadt hat die tagelange Aktion genehmigt.

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Entweder nackt oder in Leder und Strapsen standen Frauen in den Käfigen im „Kurfürstenhof“.

Tonstudio in Braunsfeld

Nach fünf Jahren verkauft Schmitz den Schuppen. Er eröffnet ein Tonstudio in Braunsfeld, dann folgt die Anti-Depressions-Idee für Köln: Montags, wenn alle down sind,  sollen im Alten Wartesaal „Blue Monday“-Parties steigen. Die werden ein Hit.

Der junge Stefan Raab ist Stammgast, Boris Becker und die Thränhardt-Brüder sind Schmitz’ Duzfreunde - und immer gibt es auch eine Kunstperformance.   An einem der coolen Montage kommt sogar Mick Jagger durch die berühmte Hintertür an der Trankgasse.

Nach Ibiza ausgewandert

Nach zwölf Jahren ist Schluss. Schmitz kauft ein Apartmenthaus auf Ibiza. Es folgen Schicksalsschläge. Das Haus stürzt nach  einem Erdrutsch ein. Er selbst erkrankt schwer.  Die Überlebenschance: Fiftyfifty. Es geht gut.

Jeden zweiten Tag läuft Schmitz zwölf Kilometer. Trotz vieler Finanzmiseren, die er erlitt, sagt er:  „Wir sind damals in eine Art Wohlstandsblase reingewachsen. Wir konnten machen, was wir wollten - wir fielen immer auf die Füße.“