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„Unversöhnliche Positionen“Gestalterin von Israel-Gedenkplatte äußert sich erstmals

Gedenktafel in der Richmodstraße

Copyright: Alexander Schwaiger

Die Gedenktafel in der Richmodstraße erinnert seit 1989 an das Wirken des jüdischen Rechtsanwalts Max Bodenheimer.

In der Reihe „Kölner Geheimnisse“ geht es diesmal um eine Gedenkplatte, die an den Zionisten Max Bodenheimer und die Gründung Israels erinnert. Erstmals äußert sich die Gestalterin der Gedenkplatte öffentlich - auch zu ihrer Haltung zum Palästinakonflikt.

Im Jahr 1989 wurde im Beisein des Kölner Oberbürgermeisters Norbert Burger, des israelischen Botschafters in Deutschland, des ehemaligen deutschen Botschafters in Israel und des Rabbiners der Kölner Synagogengemeinde eine in den Bürgersteig vor dem Haus Richmodstraße 6 eingelassene, bronzene Gedenktafel eingeweiht. Sie steht gleichzeitig für eine historische Kölner Episode wie für eine dramatische Zäsur in der Weltgeschichte.

Die obere Inschrift lautet: „Dr. Max Bodenheimer hat von diesem Haus aus ab 1899 die Organisation für den Judenstaat Israel aufgebaut.“ Das ursprüngliche Gebäude existiert nicht mehr. Es handelte sich um ein dreigeschossiges Haus, das der Rechtsanwalt Bodenheimer und seine Frau Rosa erwarben und bewohnten und in dem er auch seine Kanzlei betrieb. Zuvor hatte die Familie am Hohenzollernring 18 gewohnt.

Die prägende Rolle des aus Stuttgart stammenden, in Köln praktizierenden Juristen Max Bodenheimer für die Verwirklichung des jüdischen Traums von einem eigenen Staat ist im Bewusstsein der Menschen kaum verankert. Dabei ist sogar die Fahne Israels gewissermaßen rheinischen Ursprungs – ihre Gestaltung wurde in Köln erdacht. „Das weiß in Israel kein Mensch“, sagt Dr. Ulrich Soénius, Historiker und Direktor des Rheinisch Westfälischen Wirtschaftsarchivs. Er kennt Israel auch von zahlreichen Reisen: „Zuletzt habe ich in einem völlig abgelegenen Viertel von Tel Aviv eine Bodenheimerstraße entdeckt“, erzählt er. Immerhin.

Luise Theill

Copyright: Ayhan Demirci

Luise Theill hat die Gedenktafel gestaltet.

Die Gedenktafel an der Richmodstraße war eine Spende der Synagogengemeinde Köln an die Stadt. Sie war vor allem durch die Initiative von Bodenheimers Tochter Hannah (1898-1992) entstanden, wie die Kunsthandwerkerin Luise Theill, von der der Entwurf stammt, im Alter von 92 Jahren erzählt. „Ich habe sehr viel mitbekommen von ihrem Leben und ihrem Kampf: Sie fürchtete immerfort, die Leistung ihres Vaters könnte nicht ausreichend gewürdigt werden.“

Ein Zufall hatte die beiden Frauen 1959 miteinander bekannt gemacht. Als die Familie Theill ein Haus in Köln-Lindenthal zur Miete übernahm, wohnte Hannah Bodenheimer dort in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. „Sie blieb immer ein halbes Jahr in Jerusalem und ein halbes Jahr in Köln.“

Luise Theill bewahrt in ihrer Bibliothek drei Bücher, die Hannah Bodenheimer verfasst oder herausgegeben hat. Sie handeln vom Leben und politischen Werk ihres Vaters, der ein Zionist der ersten Stunde war. Mit seinem aus Litauen stammenden Mitstreiter David Wolffsohn (1855-1914), der in Köln einen Holzhandel betrieb, rief Bodenheimer die über die Welt verstreut lebenden Juden zur Gründung eines eigenen Staates in den damals noch türkisch-osmanischen Gebieten Palästina und Syrien auf - in „Zion“, das als historisches Herkunftsgebiet der Juden betrachtet wurde.

Max I. Bodenheimer (1. v. links). Abgebildet ist die Delegation der Zionisten, die Ende Oktober 1898 nach Palästina gekommen war, um mit Kaiser Wilhelm II. zusammenzutreffen. Von links nach rechts: Bodenheimer, Wolffsohn, Herzl, Moses Schnirer, Joseph Seidener
Foto: Wikipedia

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Max I. Bodenheimer (1. v. links). Abgebildet ist die Delegation der Zionisten, die Ende Oktober 1898 nach Palästina gekommen war, um mit Kaiser Wilhelm II. zusammenzutreffen. Von links nach rechts: Bodenheimer, Wolffsohn, Herzl, Moses Schnirer, Joseph Seidener

Neben dem Wiener Journalisten Theodor Herzl (1860-1904), dem ersten Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, waren Bodenheimer und Wolffsohn die wichtigsten Wegbereiter der jüdischen Staatsidee. Wolffsohn wurde sogar Herzls Nachfolger in dessen Amt. Die Mission der Männer stand neben dem anwachsenden Antisemitismus in Deutschland im Zeichen damaliger Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Russland.

Bodenheimer und Wolffsohn gründeten in Köln die „National-Jüdische Vereinigung“, den „Kölner Verein zur Förderung von Ackerbau und Handwerk in Palästina“ und einen „Jüdischen Nationalfonds“ zur Finanzierung der Pläne. Die vor allem von Bodenheimer verfassten „Kölner Thesen“ wurden zu einer programmatischen Grundlage für den ersten Zionistenkongress in Basel.

Israels Fahne: Der Entwurf stammte aus Köln

Bodenheimers Buch „So wurde Israel“ sind auch Details der Kölner Flaggenfindung zu entnehmen. Der Anwalt schildert eine Begegnung mit Herzl, bei der es um ein „zionistisches Wappenschild“ ging, das Bodenheimer mit der Losung „Die Bildung eines Judenstaates ist die einzig mögliche Lösung der Judenfrage“ entworfen hatte. Zum vorgelegten Entwurf gehörten ein in den Davidstern gesetzter Löwe Judas und zwölf um den Stern gruppierte Sterne, die für die zwölf Stämme Israels standen. Bodenheimer schreibt, Herzl habe die Sterne verworfen, sei aber ansonsten einverstanden gewesen. Als Folge habe sich der Davidschild mit dem Löwen auf weißem Grund mit zwei blauen Streifen als zionistische Flagge eingebürgert. Die blauen Streifen waren laut Bodenheimer auf eine Anregung Wolffsohns zurückzuführen, der damit die Streifen auf dem Gebetsmantel, dem Tallit, andeuten wollte. „Später ist der Löwe als Symbol weggefallen“, erklärt der Historiker Ulrich Soénius: „Nach der Gründung Israels 1948 wurde der Fahnenentwurf aus Köln dann zur Nationalflagge.“

Wie die Fahne prägt ein Davidstern auch das Erscheinungsbild der Gedenktafel in der Kölner Richmodstraße. Ein Blick ins Zeitungsarchiv zeigt, dass die Einweihungszeremonie von Nachdenklichkeit über die damalige politische Situation im Nahen Osten geprägt war. Sogar der israelische Botschafter Benjamin Navon hatte in seiner Rede unterstrichen, dass Bodenheimer im Glauben an die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes auch betont habe: „Wir sind nicht allein in dem Land und müssen dem arabischen Volk dort Rechnung tragen.“

Luise Theill verfolgt selbst noch im hohen Alter die Entwicklungen im Nahostkonflikt. Es erschüttert sie, dass Bodenheimers Projekt den Völkern des Landes keinen Frieden gebracht hat. Mit Hannah Bodenheimer, die als Zionistin häufig völlig unversöhnliche Positionen eingenommen habe, habe sie sehr offene Gespräche geführt: „Ich hatte einen sehr festen Standpunkt, den sie aber auch akzeptierte.“

Bodenheimer und Wolffsohn, die Gefährten aus Köln, konnten die Gründung des Staates Israel beide nicht erleben. Wolffsohn starb bereits 1914 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Köln-Deutz neben seiner Frau Fanny bestattet. Vier Jahre nach der israelischen Staatsgründung wurden die sterblichen Überreste der Eheleute nach Jerusalem überführt und als große Geste neben denen Theodor Herzls auf dem sogenannten Herzlberg beigesetzt.

Die Familie von Max Bodenheimer erlebte nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten den Beginn der systematischen Verfolgungen. Nach Schilderungen von Hannah Bodenheimer gehörte ihre Schwester Ruth, die Juristin war, zu denjenigen aus der Kölner Justiz, die am 31. März 1933 im Gebäude des Kölner Oberlandesgerichts von SA- und SS-Männern als vermeintliche oder tatsächliche Juden aus Gerichtsverhandlungen und Büros geholt und in Müllkarren zum Polizeipräsidium gebracht worden waren. So habe es Hannah Bodenheimer ihr gegenüber über ihre Schwester erzählt, sagt Luise Theill.

Die Bodenheimers emigrierten erst nach Amsterdam, 1935 dann nach Jerusalem. Hier starb Max Bodenheimer am 19. Juli 1940 unerwartet und plötzlich durch eine Blutvergiftung, die er sich zugezogen hatte.

Cover Kölner Geheimnisse Band 2 von Ayhan Demirci und Maira Schröer

Copyright: Bast-Verlag

Cover Kölner Geheimnisse Band 2 von Ayhan Demirci und Maira Schröer

Diese Geschichte stammt aus dem Köln-Buch „Kölner Geheimnisse Band 2/ 50 neue spannende Geschichten aus der Dom-Metropole“, das im Bast-Verlag erschienen ist (192 Seiten, 24 Euro). Sieben Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes sind es diesmal die Autoren Ayhan Demirci und Maira Schröer, die sich auf die Spuren Kölner Geschichte begeben haben und ausgehend von Objekten und Relikten in der Stadt von außergewöhnlichen Begebenheiten erzählen.

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