Klopapier, Karneval, Corona 2020: EXPRESS-Reporter schildern extremste Corona-Momente

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Einige Supermärkte und Discounter bestätigten einen Anstieg der Nachfrage nach Toilettenpapier. Das Symbolbild wurde im März 2020 in Siegen aufgenommen.

Köln – Corona - das alles beherrschende, überragende Thema des Jahres, das unseren Alltag bestimmt hat und dies auch weiter tut. Immer wieder taten sich neue Aspekte auf, die auch die Arbeit der EXPRESS-Redaktion maßgeblich prägten.

EXPRESS-Reporter schildern ihre besonderen, persönlichen und manchmal skurrilen Corona-Momente des Jahres 2020.

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EXPRESS-Redakteur Christian Knop (rechts) mit seinem Vater Rudi (links) und seinem Sohn Lennart

Köln: Überraschungsbesuch mit Tannenbaum

Alles zum Thema Corona

„Nein“, sagte der Herr Papa zehn Tage vor Weihnachten, „in diesem Jahr komme ich besser nicht. Wenn es mich erwischt, war’s das.“ Eine schwere, aber vernünftige Entscheidung, das Schicksal im Alter von 85 Jahren nicht durch Leichtsinnigkeit herauszufordern. Blieb nur ein Gegenbesuch als Überraschung.

Also morgens rein ins Auto, 250 Kilometer hoch in den Norden, Tannenbaum kaufen, an der Tür klingeln, fünf Meter zurücktreten, in glückliche Augen schauen, den Baum maskiert bei Nieselregen im Garten aufbauen, schmücken und nach zwei Stunden Terrassen-Gespräch wieder zurück Richtung Köln. Mit einem Lächeln im Gesicht und einem Gefühl, das nicht zu ersetzen ist. Christian Knop

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Die Boccia-Spieler von der Vogelsanger Straße

Boccia-Spieler mitten in der Nacht

Kürzlich, nachts nach 22 Uhr. Köln-Ehrenfeld, Lockdown-City. Gerade hatte auch der Kaufland zu gemacht, mit den Einkäufen ging ich über die verlassene Vogelsanger Straße. Plötzlich: Menschen. Auf einem Platz. Im diffusen gelben Schein einer Straßenlampe. Mitten im Winter in der Nacht waren fünf, sechs junge Leute zusammengekommen - um Boccia zu spielen!

In normalen Zeiten wäre die Szene der pure Ausdruck der Lebendigkeit einer Großstadt gewesen, die nicht schläft. Doch jetzt war spürbar: Die Leute spielten Boccia, um ein Stück weit der Enge und den Zwängen der Coronazeit zu entkommen. Soweit ich es erkennen konnte, hielten sie Abstand zueinander. Sie trugen auch Masken. Gespenstisch und rührend. 

Ayhan Demirci

Heumarkt-Voll-Leer-Karnevalsauftakt

Unterschiedlicher könnten diese beiden Tage nicht sein. Oben ist der Heumarkt am 11.11.2020 zu sehen. Gegenüber ein Rückblick auf den Sessions-Auftakt 2019.

Kölner Heumarkt am 11.11.2020: Stilles, starkes Signal

Ein apokalyptisches Gefühl – so empfand ich die Situation am 11. 11. um 11.11 Uhr auf dem Kölner Heumarkt. Wo sich sonst schon in den frühen Morgenstunden verkleidete Jecken ansammelten und lauthals kölsche Lieder grölten, war es 2020 gruselig still. Die einzigen Menschen, die sich dem Platz verloren, waren Journalisten und Polizisten. Die Kölner Karnevalisten waren brav zu Hause geblieben.

Was im ersten Moment ein trauriger Anblick war, der bei jedem Karnevalisten erstmal einen Kloß im Hals zurückließ, ging schon im nächsten Moment in großen Stolz über. Denn die Stadt mit „K“, die für ihr Feiervolk, Kölsch in Massen und den bunten Karneval auf der ganzen Welt so berühmt ist, hatte sich gemeinsam auf die Eindämmung dieser schrecklichen Corona-Seuche konzentriert.

Ein großer Gänsehaut-Moment in der großen Krise, weil in jeder leeren Straße und an jedem leeren Karneval-Hotspot trotzdem ein stilles Gefühl des Zusammenhalts zu spüren war. Hier tat eine ganze Stadt geschlossen das, was gegen die Pandemie zu tun war. Madeline Jäger

Kölner Seniorin auf der Fensterbank

Der erste Lockdown im Frühling. Im Fernsehen die schrecklichen Todesbilder aus Italien. Särge über Särge.  Wohin sollte das alles noch führen?  Das wird sich die  allein lebende Seniorin aus dem Haus gegenüber  auch gedacht haben.

Wenn die Alarmsirenen in Köln getestet wurden, schaute sie immer verängstigt aus dem Fenster. Wir Nachbarn wussten: Es erinnerte sie an die Fliegerangriffe im Krieg. Wenn sie jetzt wieder an ihrer Fensterbank saß, sah man die Sorgen und Ängste in ihren Augen. 

Wir wollten ihr Hilfe anbieten, ob wir etwa für sie einkaufen können. Doch es war gar nicht nötig. Andere junge Leute standen schon mit vollgepackten Tüten an ihrem Fenster. Immer, wenn es nötig gewesen ist, war ein Nachbar für sie da. Diese Hilfsbereitschaft hat mich einmal mehr stolz gemacht auf mein Veedel und die Stadt. Adnan Akyüz

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Frühjahr 2020: Menschen stehen in NRW auf Balkonen und klatschen Beifall für alle Helfer in der Corona-Krise.

Systemrelevant? „Ey, du da unten! Warum klatscht Du nicht mit?“

Eines Abends im Corona-Frühjahr: Menschen stehen im Dunkeln auf dem Balkon und klatschen. Es ist die Zeit, als bundesweit vor allem den Leuten gedankt wird, die in Kliniken und Pflegeheimen ihr Bestes geben. Erst später werden immer mehr Kölner aus den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen sagen: „Spart Euch das Klatschen, bezahlt uns lieber anständig!“

Einer, der an jenem Abend am Gottesweg in Klettenberg nicht klatscht, ist ein junger Mann, der mit seiner Einkaufstüte in der Hand unterhalb der Balkone vorbeispaziert.

Das bringt eine  Balkonbewohnerin von gegenüber auf die Palme: „Ey, du da unten! Warum klatscht Du nicht mit?“, brüllt sie gegen den Beifall aus den umliegenden Häusern an. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Weil ich Altenpfleger bin!“ Jan Wördenweber

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Einige Supermärkte und Discounter bestätigten einen Anstieg der Nachfrage nach Toilettenpapier. Das Symbolbild wurde im März 2020 in Siegen aufgenommen.

„Ach, Sie haben Toilettenpapier“

Es war die Zeit, als in deutschen Läden Klopapier versteckt werden musste. Ich fragte eine Mitarbeiterin, ob es noch welches gebe. „Kein Problem, ich hole ihnen ein Paket“, antwortete sie freundlich. „Ach, Sie haben Toilettenpapier“, trällerte prompt eine andere Kundin, die zugehört hatte. „Ich nehme auch zwei Pakete.“

Mitarbeiterin: „Wir verkaufen nur eins pro Person.“ „Ich brauche aber zwei.“ „Sie bekommen aber nur eins.“ Schon da ging mir so einiges Unausgesprochenes durch den Kopf, zumal sich die Frau auch noch frech an mir vorbeigeschoben hatte in Richtung Lagerraum, wo die Verkäuferin nun kurz verschwand, um mit zwei Paketen zu acht Rollen zurückzukommen. 

Nein, die Kundin riss nicht etwa beide Packungen an sich, es kam besser. „Das ist mir zu klein“, japste sie. „Das nehme ich nicht. Ich schaue dann woanders.“ Mein Blick muss ähnlich fassungslos gewesen sein wie der der Verkäuferin. Wo ich gerade daran zurück denke, stehr mir fast wieder Mund offen. Arno Schmitz

Eventuell bis zum nächsten Lockdown

Es ist so ein Paradoxon in der Corona-Krise.  Lockdown. Auf die tausendste Talkshow in der Glotze hat man keine Lust – es wird zu viel geredet. Und plötzlich kommt in einem das Verlangen auf, mit Menschen zu reden, mit denen man ansonsten nie und nimmer gequatscht hätte. Wie ergeht es gerade der ersten Liebe, die man aus den Augen verloren hat? Wie dem alten Freund aus der Fußballmannschaft? Ist die Hotelchefin in Tel Aviv wohlauf?

Man greift zum Handy und tippt eine kurze, ja fast belanglose  Nachricht: „Wie geht es? Ich hoffe, Du bist gesund.“ Einige, wenige Sätze gehen dann hin und her. „Bist Du verheiratet? Geht es Dir gut?“ Man scherzt: „Ja, was denn nun?“

Die paar Sätze tun einfach gut. Es ist großartig. Haut rein und passt auf Euch auf! Eventuell bis zum nächsten Lockdown.

Chris Merting

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