Fast drei Jahre nach dem Kopfschuss-Mord im Kölner Böcking-Park: Jetzt packt ein Rocker aus.
Hinrichtung in Kölner ParkRocker packt aus und schiebt Schuld auf eigenen Bruder

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Markierungen der Polizei dokumentieren am 27. Mai 2023 den Tatort in einem abgesperrten Bereich im Böcking-Park in Köln-Mülheim.
Eine überraschende Wende im Prozess um die brutale Hinrichtung in Köln-Mülheim: Ein Ex-Mitglied der Hells-Angels-Gruppe „Rhine Area“ hat vor dem Landgericht erstmals eine Beteiligung an der Tat vom Mai 2023 eingeräumt. Damals wurde der Rocker Eren Y. (35) mit einem Kopfschuss getötet.
Der Angeklagte Hami S. (37) behauptet jedoch, nicht der Auftraggeber gewesen zu sein, wie die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft. Er schiebt die Schuld auf seinen Bruder, dem er nur geholfen haben will. Dieses Teilgeständnis könnte ihm eine lebenslange Haftstrafe ersparen.
Kölner Rocker-Prozess: Angeklagter bricht sein Schweigen
In einer Erklärung, die sein Verteidiger Leonhard Mühlenfeld am Montag im Saal 7 des Kölner Justizgebäudes verlas, schilderte Hami S. sein Leben vor der Tat als weitgehend bürgerlich. Obwohl er Mitglied bei den „Hells Angels“ war, habe sein Hauptaugenmerk auf seiner Familie und seiner Arbeit als Bauunternehmer gelegen. Im Club sei er nie tief verwickelt gewesen. Ganz anders sei das bei seinem Bruder Kamil S., dem damaligen Präsidenten des Chapters, gewesen. Hami S. ließ ausrichten: „Für ihn bedeutete das sein Leben, für mich nicht.“
Sein Bruder Kamil sei im Oktober 2022 in Probleme geraten. Beschwerden von anderen Rockermitgliedern hätten dazu geführt, dass er als Präsident abgesetzt wurde. „Kamil führte von der Türkei aus noch Konflikte aus“, so die Erklärung.
Der Ex-Rockerboss soll sich nach seiner Ausreise bis heute dort aufhalten. Laut seinem Bruder wollte Kamil S. mit einer Machtdemonstration kontern. Besonders, nachdem sein Friseursalon in Meschenich Ziel von zwei Anschlägen wurde – zuerst mit einem Molotowcocktail, dann mit Schüssen.
Der Angeklagte Hami S. erklärte, Kamil S. habe nicht den Eindruck erwecken wollen, „als könne er seine Leute nicht schützen“. Obwohl sich einige Rocker vom Ex-Präsidenten distanziert hatten, seien ihm Marco „Toblerone“ C. (27) und Emre „Chico“ U. (31) treu geblieben. Hami S. gab an, auf einer Hochzeit in der Türkei mit Marco über Kamil gesprochen zu haben. „Marco regte sich auf, viele Leute seien feige“, so der Angeklagte. Marco habe seine Hilfe angeboten, falls Kamil sie benötige, was Hami S. seinem Bruder auch mitteilte.
Mordauftrag kam angeblich vom Bruder aus der Türkei
Sein Bruder habe tatsächlich Hilfe gebraucht, so Hami S. weiter. Kamil S. habe vermutet, dass das ehemalige Rockermitglied Eren Y. für die Anschläge auf den Friseursalon verantwortlich war. Er meinte, ihn auf einem unscharfen Überwachungsvideo identifiziert zu haben. Die weiteren Details hätten die beiden dann unter sich ausgemacht, vermutlich per Videotelefonie, sagte Hami S. – was erklären könnte, warum Ermittler und Ermittlerinnen keine Verbindungsdaten fanden. Zuerst habe Hami S. nichts mehr von den Plänen gehört, bis er erfuhr, dass auch Emre U. angeheuert wurde.
Er habe später verstanden, dass U. die Tat ausführen und Marco C. als Fahrer fungieren sollte. Hami S. beteuerte, er habe nicht gewusst, dass Eren Y. sterben sollte: „Ich rechnete mit einem Beinschuss und hoffte, dass es nicht mehr würde.“ Solche Bestrafungen seien im Rockermilieu üblich. Jedoch sei ihm das nervöse Verhalten von Emre U. kurz vor der Tat aufgefallen. Er sei fahrig gewesen, vermutlich unter dem Einfluss von Kokain. Laut Hami S. passte das nicht zu einer einfachen Körperverletzung, weshalb er einen Mord an Eren Y. nicht mehr ausschließen konnte.
Anruf nach den Schüssen: „Soll ihn da rausholen“
Am Tag der Tat habe ihn Emre U. angerufen. Eren Y. sei nicht daheim, sondern im Fitnessstudio, aber „er würde es aber durchziehen“. Laut Anklage setzten er und Marco C. den Plan in die Tat um. Die beiden Täter sollen Eren Y. vor dem Fitnessstudio abgepasst und ihn zunächst beruhigt haben. Plötzlich fielen Schüsse. Der 35-Jährige wurde in den Rücken und Kopf getroffen und war sofort tot. Auch seine Freundin wurde angeschossen. Sie überlebte schwer verletzt, weil ein Köbes aus einem nahen Brauhaus ihre Halsblutung mit einem Tuch stillte.
Hami S. erzählte, dass er nach der Tat weitere Anrufe von Emre U. erhielt. Dieser habe ihn angefleht: „ich soll ihn da rausholen“. Er komme mit dem Taxi nicht vom Tatort weg. Emre U. und Marco C. schafften es später aber doch zum Flughafen. Dort buchten sie den ersten Flug, der sie in die Nähe der Türkei brachte. Die Reise ging über Griechenland weiter. Die mutmaßlichen Täter halten sich angeblich bis heute in der Türkei auf. Sein Bruder habe versucht, ihn aus allem herauszuhalten, ließ Hami S. durch seinen Anwalt mitteilen.
Urteil aufgehoben: Neue Chance für Angeklagten
Durch das Teilgeständnis widerruft Hami S. seine früheren Behauptungen, nichts mit dem Mord an Eren Y. zu tun zu haben. Zuvor hatte er absurd erklärt, die Telefonate mit einem der Schützen hätten nur dazu gedient, sich zum Fußballschauen zu verabreden. In einem ersten Verfahren war Hami S. vom Landgericht als Auftraggeber zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Obwohl der Bundesgerichtshof das Urteil bestätigte, hob das Bundesverfassungsgericht es wegen eines Verfahrensfehlers auf: Ein wichtiger Zeuge war nicht vernommen worden. Erst dadurch bekam Hami S. die Möglichkeit auf ein milderes Urteil.
Die neue Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitz von Richter Martin Kümpel muss nun die Glaubhaftigkeit der neuen Aussagen von Hami S. bewerten. Sollte das Gericht nur auf Beihilfe entscheiden, was das Ziel der Verteidigung ist, könnte dies für den angeklagten Familienvater eine deutlich geringere Haftstrafe bedeuten. Hami S. könnten die Aussagen eines Kronzeugen helfen. Dieser hatte seinen Bruder Kamil S. nicht nur im Zusammenhang mit dem Schmuggel von 40 Tonnen Kokain belastet, sondern ihn auch als den eigentlichen Auftraggeber des Mordes in Mülheim bezeichnet. Der Prozess geht weiter. (red)
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