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Fünf Jahre voller Tod und Leid„Köln war für mich das Tor zur Hölle“

Agnes Bamberger berichtet über ihre fünfjährige Odyssee durch Ghettos und KZs.

Agnes Bamberger berichtet über ihre fünfjährige Odyssee durch Ghettos und KZs.

Heute vor 81 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Mehr als eine Million Menschen wurden dort umgebracht, neben Juden auch über 19.000 Sinti und Roma. Von Köln aus gingen die Züge Richtung Osten, Richtung Tod – die Sinti Agnes Bamberger erinnert sich. 

Köln war das Tor in die Hölle. Für die Sinti Agnes Bamberger, die damals noch Berger hieß und gerade drei Jahre alt war, endete die Kindheit dort mit einem heftigen Ruck, als der Viehtransporter von Deutz aus losrollte. Zusammen mit ihrer Familie ging es Richtung Osten, in Richtung der Ghettos und Konzentrationslager in Polen. In Richtung Tod.

Es war im Frühjahr 1940, als die Gestapo heftig an die Tür des Hauses von „Anni“ hämmerte, am sogenannten „Zigeunerplatz“ in Mönchengladbach. „So laut, dass mir das Herz stehen blieb“, erinnert sich Agnes Bamberger heute. „Wir mussten uns in Sekunden anziehen und die Wohnung verlassen“. Die Stimmung war bedrohlich, draußen standen Lastwagen. Mit denen ging es nach Düsseldorf, ins sogenannte Zigeunerlager „Höherweg“. „Ein Ort, an dem wir sofort spürten, dass wir für sie keine Menschen waren“, sagt Agnes Bamberger. Von nun an mussten die Sinti aus dem Rheinland um ihr Leben bangen – ganze fünf Jahre lang.

Fünf Jahre durch die Hölle

Dass Agnes Bamberger von dieser schrecklichen Reise berichtet, das ist ein kleines Wunder. Denn darüber sprechen wollte sie nie, zu niemandem, so lange sie lebt. Über acht Jahrzehnte lang. Erst als sich der junge Content-Creator Louis Pawellek (27) mit Agnes Bamberger und ihrem Sohn in ihrer Wohnung in Overath zusammensetzte, fasste sich die heute 89-Jährige ein Herz.

Agnes Bamberger und Louis Pawellek: Im Laufe der Gespräche entstand zwischen ihnen eine enge Freundschaft.

Agnes Bamberger und Louis Pawellek: Im Laufe der Gespräche entstand zwischen ihnen eine Freundschaft.

EXPRESS.de sprach mit Pawellek, der sich gemeinsam mit 25 Holocaust-Überlebenden in den sozialen Medien gegen das Vergessen einsetzt. Und auch an Bambergers brutale Odyssee durch Osteuropa im Zweiten Weltkrieg erinnern will. Die beiden trafen sich, redeten, sprachen lange. Aus den Gesprächen wurde eine Freundschaft, aus der Freundschaft ging ein Buch hervor: „Fünf Jahre durch die Hölle – Meine verlorene Kindheit im KZ und Ghetto“ (ISBN 978-3-00-085537-5).

 „Ich bin die letzte Person aus unserer Familie, die Konzentrationslager und Ghettos überlebt hat. Bald werde ich 90 Jahre alt, und ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist. Gerade deshalb wollte ich meine Geschichte noch einmal erzählen“, sagt Agnes Bamberger.

„Sinti sind bis heute mit Vorurteilen und Ausgrenzung konfrontiert“

„Das Gespräch mit Agnes und der Kontakt zu ihr haben mir viel bedeutet, gerade weil sie eine der letzten aktiven Überlebenden ist“, erklärt Pawellek. „Mit ihrer Geschichte verleiht sie der Community der Sinti eine starke Stimme – einer Gemeinschaft, die bis heute mit Vorurteilen und Ausgrenzung konfrontiert ist.“

Dank Pawellek hat sich die 89-Jährige überwunden. Und erinnert sich an die Zeit, an die sie sich nie wieder erinnern wollte. Als sie von ihrem Zuhause und aus ihrem Leben vertrieben wurde. Als Männer in Uniform vorschrieben, dass ihre Lieder, ihre Kultur, ihr Aussehen von nun an unerwünscht waren. 

Mutter Johanna und Vater Franz: „Ich hörte meinem Vater gerne beim Geige-Spielen zu“.

Mutter Johanna und Vater Franz: „Ich hörte meinem Vater gerne beim Geige-Spielen zu“.

Denn ihre Familie gehörte damals neben den Jüdinnen und Juden zu den „Volks- und Reichsfeinden“ im NS-Regime. Sie wurde ausgegrenzt, entrechtet, vernichtet. Die Nazis sahen nichts Menschliches mehr in ihnen. Es ging um die „endgültige Lösung der Zigeunerfrage“. Im Frühjahr 1940 begann die systemische Deportation von Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich.

Schon als Kind wurde Agnes Bamberger dafür schikaniert, eine Sinti zu sein. „Einmal wurde ich sogar mit einem Knüppel verprügelt.“ Freundschaften mit „Deutschen“ waren verboten, sie wurde als „Zigeuner“ beschimpft. „Man sagte immer, wir seien keine Deutschen, obwohl wir doch in Deutschland geboren wurden. Als Kind konnte ich das nie verstehen.“

Vater Franz Berger wird in Köln erkennungsdienstlich erfasst.

Vater Franz Berger wird in Köln 1938 erkennungsdienstlich erfasst.

Vater Franz war ein großartiger Geigenspieler, sagt Bamberger. „Ich erinnere mich an viele Abende, an denen Gypsy-Jazz und alte Lieder aus den 30er- und 40er-Jahren gespielt wurden. Ich hörte meinem Vater gerne beim Spielen zu“, erklärt sie. Ihre Mutter, Johanna, war Hausfrau, verkaufte allerlei Krimskrams auf Flohmärkten. „Sie war auch eine hübsche Frau und sah aus wie Greta Garbo. Niemand in der Umgebung, weder in Holland noch in Belgien, war so schön wie sie.“

Agnes Bamberger hatte eine schöne Kindheit. 1940 war sie zu Ende. 

Agnes und ihre Mutter Johanna im Jahr 1941.

Agnes und ihre Mutter Johanna im Jahr 1941.

Im Mai wurden die Sinti und Roma zusammengetrieben, rund 1000 Menschen aus Köln und dem Rheinland. Vom Sammellager Köln-Deutz, vom Innenhof der Kölner Messe aus, sollte der Weg in die Vernichtung starten. Auch für Familie Berger.

In Düsseldorf wurde sie in einen Viehwaggon verfrachtet. „Unser Zug hielt am Bahnhof Köln-Deutz an. Dort wurden wir in riesige Hallen gebracht, die voller Menschen waren. Dort warteten wir wieder, ohne eine Idee, was auf uns zukommt“, erinnert sich Agnes Bamberger. Erneut wurden sie in Waggons gestoßen. „Viele Menschen bekamen wieder Panik und rissen an den Holzbrettern herum und wollten ausbrechen, doch es gab keine Chance.“

Eine Messingplatte des Künstlers Gunter Demnig erinnert in der Kölner Bobstraße an die rund 1000 Roma und Sinti, die im Mai 1940 von Köln aus Richtung Polen deportiert wurden. Eine Messingplatte des Künstlers Gunter Demnig erinnert in der Kölner Bobstraße an die rund 1000 Roma und Sinti, die im Mai 1940 von Köln aus deportiert wurden.

Eine Messingplatte des Künstlers Gunter Demnig erinnert in der Kölner Bobstraße an die rund 1000 Roma und Sinti, die im Mai 1940 von Köln aus Richtung Polen deportiert wurden.

Tagelang war das Mädchen Agnes mit ihrer Familie Richtung Polen unterwegs, ein Fenster gab es nicht. „Der Geruch ist mir bis heute in der Nase, ein fürchterlicher Gestank. Der Eimer mit der Notdurft kippte nämlich um und die ganze Sauerei floss über den Boden!“ Und irgendwo dazwischen lag Agnes und ihre Mutter, die wie Greta Garbo aussah. „Es starben sogar Menschen in unserem Waggon. Sie versuchte in dieser Zeit, mich zu beschützen und zu trösten.“

Die Odyssee führte die Familie zunächst in das Dorf Platerow in der heutigen Woiwodschaft Masowien. Dort wurden die Lebenden registriert, die Toten entsorgt. Es ging weiter in das 45 Kilometer entfernte Ghetto Siedlce. „Ich erinnere mich noch an die schlimmen Zustände in dem Ghetto. Es gab kaum etwas zu essen, vielleicht einmal ein Stück Brot oder ein paar Kartoffeln. Ich sah Kinder und Erwachsene, die vor Hunger auf der Straße zusammenbrachen.“ 

„Dieses Bild habe ich nie vergessen“

Es folgte eine Gewalttour durch Lager, KZs, Ghettos. Im Ghetto von Warschau lebte Familie Berger mit zehn bis 15 weiteren Menschen in einer einzigen kleinen Wohnung. „Es war eng, und wir hatten kaum Platz. Geschlafen haben wir auf einer Matratze oder auf Stroh. Wir bekamen nur Lumpen zum Anziehen.“

Der Dreijährigen haben sich vor allem die vielen kranken Menschen eingebrannt. „Ich erinnere mich, dass ich als Kind Menschen sah, denen einfach die Haare ausfielen. Dieses Bild habe ich nie vergessen.“

Die Rückkehr der Familien 1946 in Mönchengladbach.

Die Rückkehr der Familien 1946 in Mönchengladbach. Agnes ist ganz links zu sehen.

Wie lebensfeindlich diese Umgebung war, zeigte sich auch, als neues Leben auf die Welt kommen wollte: Agnes‘ Schwester Silvana wurde 1942 im Ghetto geboren. „Sie war ein süßes Baby, aber durch die Unterversorgung war sie bald völlig abgemagert. Dann bekam sie Typhus. Ihr kleiner Körper war voller eitriger Pocken und Flecken. Sie starb auf eine Art und Weise, die ich nie erleben wollte. Bis heute tut es mir sehr weh und macht mich unendlich traurig, dass ich sie so früh verloren habe.“

Großes Leid für die Familie auf der einen Seite – ein wenig Glück auf der anderen. Zweimal ist Familie Berger dem Tod entkommen, sagt Agnes Bamberger. „Es sollten Transporte nach Auschwitz gehen. Wir standen zweimal auf der Verladerampe am Umschlagplatz.“ Doch die Züge waren überfüllt. „Sie versuchten zwar, uns mit Gewalt in die Waggons zu drücken, aber es war einfach kein Platz mehr.“

„Etwas in mir sagte: Hier endet das Leben“

In Auschwitz-Birkenau wurde bereits ein eigenes „Zigeunerlager“ errichtet. 23.000 Menschen waren dort insgesamt inhaftiert – die Hälfte davon jünger als 14 Jahre. So wie Agnes. Eines Tages gelang es den Soldaten, sie und ihre Familie in einen der Viehwaggons zu pferchen. Und dann fuhren sie lange, 400 Kilometer weit. Der Zug hielt an jenem Ort, dessen Bedeutung dem Mädchen von damals erst viel später klar wurde.

„Heute ist mir bewusst: Ich habe das Tor von Auschwitz-Birkenau gesehen. Dazu auch die großen Schornsteine der Krematorien. Es roch süßlich und nach verbranntem Fleisch. Ich war noch ein Kind, aber ich spürte, dass dieser Ort mehr war als ein Lager. Etwas in mir sagte: Hier endet das Leben.“

Die Lok hielt vor dem bekannten Torhaus, das später zum Symbol für die Vernichtung werden soll. „Ich wusste nicht, wohin diese Schienen führten. Um mich herum weinten Menschen, einige waren völlig verzweifelt.“ Die Mutter habe die Hand ihrer Tochter fest umklammert. „So fest, dass es wehtat. Erst später begriff ich, dass es Angst war, die sie so fest greifen ließ.“

Agnes kurz nach dem Krieg, im Jahr 1952

Agnes kurz nach dem Krieg, im Jahr 1952

Es waren endlose Minuten, bis sich der Zug endlich wieder in Bewegung setzte und an Auschwitz vorbeifuhr. An den Gaskammern, an den qualmenden Schornsteinen. Heute weiß Agnes Bamberger: „Wären wir durch dieses Tor gefahren, wäre das der sichere Tod gewesen.“ Dass der Zug nicht entladen wurde, hatte offenbar einen einfachen Grund: Das Lager in Auschwitz-Birkenau war völlig überfüllt und es konnten keine Häftlinge mehr aufgenommen werden.

Die Familie überlebte. Es ging in die Stadt Tschenstochau, Zwangsarbeit für die HASAG-Werke (Hugo-Schneider -AG), in der Metallwarenindustrie. Bis zum 15. Januar 1945 war das Werk in Betrieb, dann wurde es von der Roten Armee befreit. Die Familie ging zurück nach Mönchengladbach.

„Ich habe große Angst, dass sich die Zeit wiederholt“

Und jetzt, 81 Jahre später? „Diese schlimme Zeit belastet mich bis heute, und vieles davon trage ich seit Jahrzehnten ganz tief in mir“, sagt Agnes Bamberger. Zuletzt haben sich bei ihr noch andere Ängste breitgemacht: Rechtspopulistische Parteien und rechtsextreme Gruppen haben in den vergangenen Jahren in Deutschland an Einfluss gewonnen, Menschen und Minderheiten werden wieder stigmatisiert. Auch Sinti und Roma. Das bereitet Agnes Bamberger Sorgen: „Ich habe große Angst, dass sich die Zeit wiederholt“, erklärt sie.

Auch deshalb wollte Agnes Bamberger zusammen mit Louis Pawellek ihre Geschichte erzählen. „Sie engagiert sich entschieden gegen Rechtspopulismus und möchte durch diesen Schritt an die Öffentlichkeit  der rechten Szene entgegenwirken. Besonders junge Menschen liegen ihr dabei am Herzen“, sagt der 27-Jährige. Er wolle ihre Botschaft weitertragen. 

Für Bamberger ist Louis Pawellek eine „Brücke zur Jugend“, erklärt sie. „Ich unterstütze ihn mit meiner ganzen Kraft. Unser Buch soll in viele Hände gelangen – das ist mein großer Wunsch.“

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