Am Ende kann er nicht mehr an sich halten: Lothar Matthäus wird von seinen Gefühlen übermannt, wenn er an das Fußball-Wunder von 1990 denkt. Ein neuer Film enthüllt, was diese Mannschaft so einzigartig machte – und bringt bisher unbekannte Details ans Licht.
Tränen bei MatthäusNeue Doku über WM-Helden von 1990 zeigt Gänsehaut-Momente

Copyright: picture alliance / dpa
1990 wird Deutschland Fußball-Weltmeister (Archivbild)
Nach dem Abspann des anderthalbstündigen Films über das deutsche Fußball-Wunder von 1990 ringt Lothar Matthäus sichtlich mit den Tränen. Der damalige Kapitän der Weltmeister-Elf gesteht mit brüchiger Stimme, er habe nach dem Triumph in Italien in anderen Teams mit „vielleicht noch mehr Qualität“ gespielt. Doch dann kommt der entscheidende Satz: „Aber die 1990er, die hatte Charakter. Und darauf bin ich stolz.“
Genau dieser Zusammenhalt, dieser eiserne Siegeswille und die einzigartige Atmosphäre kurz nach dem Mauerfall stehen im Mittelpunkt des neuen Films „Ein Sommer in Italien - WM 1990“. Die Doku startet am 19. März in den Kinos. Sie beleuchtet, wie die dpa meldet, den dritten deutschen WM-Sieg unter der Regie von Teamchef Franz Beckenbauer vor fast 36 Jahren.
Der Film gewährt mit alten Videoaufnahmen, aber auch mit bisher nie gezeigtem Material von Keeper Bodo Illgner und Gesprächen mit den Helden von damals, einen tiefen Einblick in diese spannenden Wochen. Thomas Häßler fasst es so zusammen: „Vom ersten Tag an sind wir praktisch auf einer rosa Wolke gewesen und sind damit durch das ganze Turnier geflogen.“
Grundstein für den Titel am Comer See gelegt
Im Castello di Casiglio nahe dem Comer See kommen Karl-Heinz Riedle und Andreas Möller zusammen und tauchen in die Vergangenheit ein. „War schon eine geile Zeit“, meint Riedle, der damals „das erste Mal im Leben gescheite Spaghetti gegessen“ habe. Die zahlreichen Anhänger vor Ort gaben dem Team ein Gefühl von Zuhause. Möller berichtet: „Ich kann mich an unglaublich viele Campingwagen erinnern, an viele Fans, die hier mit Deutschland-Fahnen am Straßenrand standen.“
Matthäus erzählte der Deutschen Presse-Agentur, dass Fans aus Ostdeutschland „mit ihren Trabis nach Italien über die Alpen gefahren“ seien, „und unsere westdeutschen Fans waren ja auch da“. Zusätzlich unterstützten die Tifosi die deutsche Mannschaft wegen der zahlreichen Italien-Profis im Kader. Laut Matthäus verwandelte all dies das Turnier „zu einer Heim-WM“.
Vom Auftakt-Feuerwerk bis zur legendären Spuck-Attacke
Der sportliche Weg der Mannschaft wird im Film ebenfalls nachgezeichnet. Der furiose 4:1-Auftaktsieg gegen Jugoslawien in Mailand, angeführt von einem überragenden Matthäus, war laut Jürgen Klinsmann kein Zufallsprodukt: „Die Vorgabe von Franz war, gleich allen zu zeigen, dass wir hier sind, um das Turnier zu gewinnen.“
Der dramatische 2:1-Sieg im Achtelfinale gegen den Erzrivalen Niederlande und die Spuck-Attacke von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler werden thematisiert. „Wut war bei uns allen drin nach diesem Vorfall“, sagt Klinsmann. Nach dem Platzverweis für Völler habe Klinsmann, so sein Mitspieler Möller, ein „Jahrhundertspiel“ hingelegt.

Copyright: Martina Hellmann/dpa
Der Niederländer Frank Rijkaard (r) bespuckt Rudi Völler (Archivbild)
Es wird auch gezeigt, wie ein stinksaurer Beckenbauer nach dem glücklichen 1:0-Viertelfinalsieg gegen Tschechien in der Kabine das Team und vor allem Klinsmann ins Gebet nahm: „Mach hier nicht den Pelé. Du bist nicht Pelé.“ Und wie der „Kaiser“ vor dem Elfmeter-Drama gegen England beinahe verzweifelt nach fünf Schützen fahndete.
Buchwalds Meisterstück und Matthäus' Elfer-Beichte
Vor dem Finale am 8. Juli 1990 in Rom gegen Argentinien waren die meisten Akteure siegessicher. Einzig Diego Maradona machte dem DFB-Team Sorgen – doch der argentinische Superstar biss sich an Guido Buchwald die Zähne aus. Im Film ist der Originalkommentar von ARD-Reporter Gerd Rubenbauer zu hören: „Der Künstler gegen den Handwerker. In diesem Finale hat der Guido Buchwald das Handwerk zur Kunst erhoben.“
Zudem lüftet Matthäus das Geheimnis, warum er den entscheidenden Elfmeter nicht schoss: Wegen eines spontanen Schuhwechsels habe er sich unsicher gefühlt und daher Andreas Brehme den Ball überlassen. „Es war die klügste Entscheidung in meiner ganzen Karriere.“
Als sie über den 2024 verstorbenen Siegtorschützen Brehme reden, kämpfen sowohl Matthäus als auch Häßler mit den Tränen. Der Film ist eine Widmung für Brehme sowie die ebenfalls verstorbenen Franz Beckenbauer und Frank Mill.
Beckenbauer: Mehr als nur „Geht's raus und spielt's Fußball“
„Der Franz hat es perfekt gemacht, vom ersten Tag an“, sagt Matthäus, der auf dem Rasen die rechte Hand des Teamchefs war. Im WM-Hotel trafen sie sich oft in Beckenbauers Turmzimmer, umgeben von Bergen an VHS-Kassetten. Der berühmte Spruch „Geht's raus und spielt's Fußball“ allein wird Beckenbauer nicht gerecht, stellt sein damaliger Assistent Holger Osieck klar: „Der Franz war detailversessen. Der hat nichts dem Zufall überlassen, auch wenn es nach Außen so leicht rüberkam.“

Copyright: picture alliance / dpa
Der damalige Teamchef Franz Beckenbauer genoss den WM-Triumph eher still (Archivbild)
Die Doku enthüllt auch, warum Andreas Möller laut seinem Zimmerkollegen Uwe Bein „zwei-, dreimal“ abreisen wollte. Und welchen Anteil die Spielerfrauen im Hotel nebenan am Erfolg hatten. Oder warum Pierre Littbarski Angst um das Baby von Klaus Augenthaler bekam, als Beckenbauer es im Arm hielt („Der Franz war so unbeholfen mit dem Baby, mit dem Fußball war er besser“).
Ein Team, eine Familie: „Weltmeister mit Freunden“
Gezeigt wird auch, wie sich die Spieler für einen Ausflug nach Como aufgemotzte Motorräder von Fans liehen. Oder wie die Party in der Kabine nach dem Triumph im Finale mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl ablief. Die Helden von damals reisen an die Schauplätze von einst zurück, so wie Matthäus ins Olympiastadion von Rom.
„Es war sehr viel Drumherum, viel Jubel, viel Begeisterung, viele Leute haben dich umarmt, gedrückt, geküsst. Ja, es war Wahnsinn“, blickt der Rekordnationalspieler zurück. In diesen Sommertagen 1990 verschmolzen Spaß und Ehrgeiz zu einem einzigartigen Erlebnis. „Rudi Völler hat es in einem Interview gesagt: Er ist Weltmeister geworden - mit seinen Freunden“, zitiert Matthäus: „Und das sagt sehr viel aus.“ (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

