6

Einsatz am Kölner Rheinufer„Wir retten die Leute vor ihrer eigenen Dummheit“

Am Niehler Strand hält sich am Wochenende kaum jemand an das Nur-bis-zu-den-Knöcheln-Gebot.

Copyright: Martina Goyert

Am Niehler Strand hält sich am Wochenende kaum jemand an das Nur-bis-zu-den-Knöcheln-Gebot.

Aktualisiert:

Im Rhein zu baden ist streng verboten. Aber bei über 30 Grad kümmert das wenige. Das Ordnungsamt ist am Rhein im Dauereinsatz, um das strikte Badeverbot umzusetzen.

Ein Familienvater mit drei kleinen Kindern reagiert pampig. „Gucken Sie mal da drüben, das ist auch gefährlich, verschwenden Sie nicht so viel Zeit mit uns“, sagt er und deutet auf eine Gruppe, die auf einer Kiesbank knietief im Fluss steht.

Der Mann möchte die zwei Frauen vom Kölner Ordnungsamt am liebsten sofort loswerden. Sie hatten ihn und seine Frau gerade darauf hingewiesen, dass ihre Kinder im Rhein nichts verloren haben. Am Niehler Rheinufer tollen die drei Kleinen am Samstag fröhlich im Wasser, während ihre Eltern in einiger Entfernung im Schatten hocken. Die Mutter ruft ihre Kinder erst nach wiederholter Ansprache zu sich.

„Ich gehe davon aus, dass Sie auch mit drei Kindern wieder nach Hause fahren wollen, oder“

Der Vater zeigt sich weiterhin stur und abweisend. „Wir haben verstanden“, meint die Mutter, doch ihr scharfer Tonfall signalisiert klar, dass sie es keineswegs einsieht.

Die beiden Frauen vom Ordnungsamt, über deren Einsatz der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtet, bleiben anfangs noch sehr nett. Beide wollen anonym bleiben, wir nennen sie Claudia Schulz und Barbara Aydin. Ihr Ziel ist die Aufklärung über die Lebensgefahr im Rhein und das seit letztem Herbst für ganz Köln geltende Badeverbot. Doch irgendwann ist auch die größte Geduld aufgebraucht. „Sie sind mit drei Kindern hier, ich gehe davon aus, dass Sie auch mit drei Kindern wieder nach Hause fahren wollen, oder?“

Mit diesem eindringlichen Satz beißt Schulz aber auf Granit. Der Vater rollt nur entnervt mit den Augen, die Gefahr scheint ihm völlig egal zu sein. Da Kinder unter 14 Jahren nicht „beknollt“ werden können, wie es im Behördendeutsch heißt, kommt die Familie ohne Strafe davon.

Mitarbeiterinnen des Ordnungsamts kontrollieren das Badeverbot im Rhein.

Copyright: Martina Goyert

Mitarbeiterinnen des Ordnungsamts kontrollieren das Badeverbot im Rhein.

Laut DLRG ertranken im Jahr 2025 in NRW 48 Personen, ein Jahr davor waren es sogar 57. Die Mehrheit verlor ihr Leben in Flüssen (21) und Seen (10). Der Rhein wird immer wieder zur Todesfalle, wenn Badende von Wellen erfasst, von einem Sog in die Tiefe gezogen oder von der Strömung fortgetragen werden. Da in den letzten Jahren sämtliche Warnungen, nicht im Fluss zu schwimmen, ignoriert wurden, zogen Köln und andere Kommunen wie Leverkusen, Düsseldorf, Neuss oder Duisburg 2025 die Reißleine: ein rigoroses Badeverbot für den Rhein. Seit dem 17. September ist in Köln nur noch das Stehen im Wasser bis zu den Knöcheln gestattet. Wer tiefer reingeht, riskiert eine Strafe von bis zu 1000 Euro.

Bei Temperaturen von über 30 Grad wird an diesem Wochenende aber eines deutlich: In ganz Köln wird die Vorschrift einfach missachtet. Zwischen den Kribben, also den Steindämmen zur Flusseinengung, kühlen sich die Leute in Scharen ab – und kaum jemand beachtet die Regel, nur bis zu den Knöcheln ins Wasser zu gehen. Einige tun dies mit voller Absicht, viele behaupten aber auch, von der Vorschrift und der möglichen Strafe nichts gewusst zu haben. Zwar hat die Stadt an 57 Orten passende Schilder montiert, aber ausgerechnet am gut besuchten Niehler Strand fehlt jede Spur davon.

Nachdem das Verbot im vergangenen Herbst erlassen wurde, setzte das Ordnungsamt erst einmal auf „Präventionsgespräche“. Man wollte die Menschen aufklären, statt direkt Knöllchen zu verteilen. Mittlerweile greift man bei sturen Badegästen aber auch konsequenter durch. Das Ordnungsamt meldet, dass bereits 14 Bußgeldverfahren laufen. Alle Fälle sind aktuell noch in der Anhörung. Diese Zahlen stammen von vor dem Wochenende; das Ergebnis der Kontrollen vom Samstag und Sonntag ist noch offen.

Kölner Ordnungsamt hat bei der Ahndung des Badeverbots einen Ermessensspielraum

Nun nehmen sich Claudia Schulz und Barbara Aydin die Personen auf der Kiesbank vor. Eine Frau war mit ihrem kleinen Jungen durch Wasser, das ihr bis zur Hüfte reichte, dorthin gegangen. Doch sie ist, genau wie ein weiterer Vater mit drei Kindern, verständig. Alle Beteiligten kommen mit einer mündlichen Ermahnung durch die Beamtinnen davon. Bei der Bestrafung von Verstößen gegen das Badeverbot haben sie einen gewissen Spielraum – und ein nettes Wort wirkt oft Wunder.

Auf dem Rückweg zum Ufer sagt die Mutter dann zu ihrem Sohn: „Das hat Spaß gemacht, oder? Aber die Polizei sagt, dass wir das nicht dürfen.“ Da können Schulz und Aydin nur noch mit den Augen rollen.

Schulz (53) ist seit 17 Jahren beim Ordnungsamt, ihre Kollegin Aydin (30) seit sechs. „Wir sind sehr tough und schlagfertig, man kann bei diesem Job kein graues Mäuschen sein“, erklärt Aydin. An diesem Tag tragen beide schwere, schwarze Stiefel, lange Hosen, ein kurzärmeliges Hemd und darüber eine Weste, die vor Schüssen und Stichen schützt. An ihrem Gürtel hängt ein ganzes Arsenal: ein großes und kleines Pfefferspray, ein Teleskopschlagstock, Handschellen, eine Lampe und ein Multifunktionswerkzeug. An der Weste sind Funkgeräte befestigt und in zwei dicken Taschen stecken Handy, Quittungsblock, Handschuhe sowie eine Spuckschutzhaube. Man kann sich leicht vorstellen, wie unangenehm und heiß diese Ausrüstung an einem solchen Sommertag sein muss.

Hinweise auf drohende Lebensgefahr im Rhein halten viele Menschen nicht davon ab, trotzdem im Fluss schwimmen zu gehen.

Copyright: Martina Goyert

Hinweise auf drohende Lebensgefahr im Rhein halten viele Menschen nicht davon ab, trotzdem im Fluss schwimmen zu gehen.

„Der Eigenschutz ist das Wichtigste“, betont ein Sprecher des Ordnungsamtes wiederholt. Aus diesem Grund tragen sie die komplette Ausrüstung, selbst wenn sich der Schweiß in den Stiefeln staut.

Sarkastische Sprüche sind dabei noch das harmloseste, was die beiden Frauen erleben. „Die Widerstandsrate ist in den vergangenen Jahren extrem gestiegen“, berichtet Schulz. Es seien ihnen bereits Gegenstände nachgeworfen worden, sie wurden von Personen mit Flaschen bedroht, gestoßen oder angespuckt. Selbst Morddrohungen sind nicht ungewöhnlich; den Satz „ich steche Dich ab“ hören sie häufiger, bestätigen beide. Eine der Beamtinnen trägt deswegen stets eine Bodycam an ihrer Weste. „Oft wirkt es schon deeskalierend, wenn wir ankündigen, dass wir die einschalten“, erklärt Schulz.

Am Niehler Rheinufer ist das an diesem Samstag nicht erforderlich. Die Situation bleibt ruhig, sogar als Schulz und Aydin die Daten von zwei Schwimmern aufnehmen und sie über das drohende Bußgeldverfahren aufklären. „Wir retten die Leute vor ihrer eigenen Dummheit“ – so fasst Schulz ihre Aufgabe zusammen. Viele würden sich über die Risiken keine Sorgen machen, da der Fluss an heißen Tagen an vielen Orten so friedlich und verlockend wirkt und es ja meistens gut ausgeht. Doch wenn etwas passiert, sind die Konsequenzen verheerend. Wenn eine Person im Rhein als vermisst gemeldet wird, erfordert das einen riesigen Einsatz von Wasserrettung, Feuerwehr und Polizei. Dabei riskiert nicht nur der Schwimmer sein Leben, sondern bringt womöglich auch unbeteiligte Helfer in Gefahr, die ihn retten wollen.

Badeverbot in Köln: Nicht genügend Personal beim Ordnungsamt

Oft werden sie als „Spaßverderber“ abgestempelt oder als „die Bösen, die für die Stadt kassieren“, so der Sprecher des Ordnungsamts. Häufig hören sie Ausreden wie, man wolle sich „nur kurz abkühlen“ oder die Freibäder seien „so teuer“. „Aber wir machen das ja nicht zum Spaß, es ist schon so viel passiert im Rhein.“ Eine Möglichkeit, das Badeverbot im gesamten Stadtgebiet konsequent umzusetzen, haben die Mitarbeiterinnen des Ordnungsamts nicht. Es fehlt schlicht an Personal, um bei gutem Wetter ständig und an allen Rheinabschnitten präsent zu sein. „Und das ist ja nicht der einzige Tatbestand, für den wir zuständig sind“, fügt Aydin hinzu.

Am Niehler Strand wird zum Beispiel auch gerne gefeiert. Am Nachmittag kommt das Ordnungsamt bei einer Gruppe vorbei, die sich bei dröhnender Musik in Feierlaune bringt. „Wollen Sie etwas trinken?“, fragt einer nett. „Nein, aber können Sie bitte die Musik leiser machen?“, antwortet Schulz. Die Feiernden dürfen vorerst bleiben. „Aber wenn am Abend Beschwerden von den Anwohnern auf der anderen Rheinseite kommen, dann müssen wir einschreiten“, erklärt Aydin.

Zwei Buchten weiter hat eine andere Gruppe einen Dieselgenerator im Gebüsch aufgestellt, um damit eine gewaltige Soundanlage zu versorgen. Die Ordnungsamts-Mitarbeiterinnen machen die Gruppe darauf aufmerksam, dass dies im Landschaftsschutzgebiet verboten ist. Sie greifen aber nicht sofort durch, weil das zu viel Zeit kosten und sie von weiteren Kontrollen des Badeverbots abhalten würde. „Wir müssen abwägen, was gerade wichtiger ist“, sagt Schulz – und gibt den Kollegen der Spätschicht Bescheid, hier am Abend nochmals nachzusehen.

Schließlich erleben Schulz und Aydin an diesem heißen Samstag aber auch noch eine positive Szene: Menschen, die vergnügt im Rheinwasser planschen, ohne die Regeln zu brechen. Eine Gruppe feiert hier den gemeinsamen Junggesellenabschied von Braut und Bräutigam. Im Schatten steht eine lange, reich gedeckte Picknicktafel, Lampions und Stoffbahnen schmücken die Bäume. Im Sand sind zwei große aufblasbare Pools aufgebaut, komplett mit aufblasbarer Palme und Papagei. Tobias Böhm kippt einen Eimer Rheinwasser hinein und meint: „So kann man den Rhein auch genießen.“ Aydin ist begeistert: „Das ist doch die Lösung, das sollten alle so machen.“ (red)

Blick auf die Bühne von Helene Fischer.
Riesen-Aufwand in Müngersdorf
Aufbau für die Kölner Helene-Fischer-Festspiele läuft