Wirt von Kölner Kult-Brauhaus packt aus Warum dieser Job so hart und gefährlich ist

01XKB_17_71-171679024_ori

Hermann-Josef Wirtz in den Räumen der Schreckenskammer. Der 74-Jährige hat hier viel erlebt und redet Klartext.

Köln – Mehr Tradition geht nicht: Die „Schreckenskammer“ wurde zum ersten Mal 1442 urkundlich erwähnt und ist damit das älteste Brauhaus Kölns. Senior-Chef Hermann-Josef Wirtz (74) hat vor sieben Jahren die Leitung des Lokals an Sohn Georg und dessen Frau abgegeben. Wie alle Wirte sind die drei und die Mitarbeiter zurzeit gezwungenermaßen arbeitslos. Darüber und über die turbulenten, aber nicht immer guten alten Zeiten sprachen wir mit Hermann-Josef Wirtz.

  • Schreckenskammer: Kölns ältestes Brauhaus
  • Wirt Hermann-Josef Wirtz über die Gefahren des Jobs
  • Rückblick auf wilde Zeiten mit Dummse Tünn und Co.

EXPRESS: Herr Wirtz, geht es einem Wirt wie einem Priester? Muss man für die Gastronomie berufen sein?

Hermann-Josef Wirtz: Genauso ist es. Zum Wirt muss man geboren sein, sonst geht es nicht. Man muss sich vor allem von Anfang an klar sein, dass man auf vieles verzichten muss. Wenn wir arbeiten, haben die anderen frei. Nicht umsonst gibt es in der Gastronomie ebenso wie bei der Polizei viele gescheiterte Ehen. In beiden Berufen sind die Arbeitszeiten eine große Belastung.

Alles zum Thema Konrad Adenauer

Schreckenskammer Köln: Der harte Job eines Wirtes

Wie sieht das konkret aus?

Nehmen Sie eine normale Eckkneipe. Da kommen die Rentner morgens in die Kneipe, gehen direkt an den Spielautomaten, trinken fünf Kölsch und gehen dann zum Mittagessen nach Hause. Nachmittags kommen die nächsten Gäste, so geht das bis in den Abend. Das heißt, der Wirt steht von 10 Uhr bis Mitternacht hinterm Tresen, und häufig trinkt er dann auch noch mit. Dem bin ich immer aus dem Weg gegangen.

Wie haben Sie das gemacht?

Ich trinke während der Arbeit generell keinen Alkohol. Wenn man sich als Wirt einen ausgeben lässt, muss man sich revanchieren. Und dann will ein anderer Gast auch einen spendieren – und so weiter. Das ist gefährlich.

Sie sind seit 58 Jahren im Gastgewerbe. Wie gehen Sie mit der aktuellen Untätigkeit um?

Ich bin jeden Morgen um 8.30 Uhr hier im Lokal. Putze die Tische, mache hier und da was. Man sieht tausend Sachen, die man sonst gar nicht beachten würde, wenn der Laden läuft. Ich bleibe dadurch gewissermaßen im Training und freue mich auf baldige Wiedereröffnung. Seit eineinhalb Jahren habe ich etwas zurückgesteckt, bin nur von morgens bis nachmittags 14 Uhr hier und schaue an den Wochenenden auch mal abends vorbei. Mein Sohn und seine Frau führen ja seit sieben Jahren die Geschäfte.

War es schwer für Sie, die Aufgaben abzugeben?

Schwer würde ich nicht sagen, weil ich ja noch ein wenig mitmache. Schlimm wäre es gewesen, wenn ich von heute auf morgen ganz aufgehört hätte. Allerdings: Die Zeiten sind vorbei, wo ich zwei Kisten Bier und ein 30 Liter-Fässchen aus dem Keller ins Lokal gebracht habe. Bemerkt habe ich das an Karneval vor drei Jahren.

Was war passiert?

Weiberfastnacht konnte ich noch ohne Probleme Kölsch-Fässchen herumtragen, aber Rosenmontag stand ich mit den Roten Funken am Zugweg und bekam plötzlich Herzstiche. Wir haben ja zum Glück einige Ärzte in der Truppe. Und die meinten: „Gehe ruhig beim Zug mit. Wenn was ist, können wir dich schneller versorgen, als wenn du zu Hause erst einen Notarzt rufen musst.“

Sie sind seit 36 Jahren bei den Roten Funken. Was bedeutet es für Sie, gerade dieser Corporation anzugehören?

Man hat viel Spaß, gute Kameradschaft und kann Beziehungen pflegen. Ich hätte eigentlich gar nicht aufgenommen werden dürfen. Denn als Roter Funke muss man bei allen Auftritten dabei sein. Aber das war mir als Koch, der ich zu dem Zeitpunkt war, gar nicht möglich. Aber ich bekam vom damaligen Präsidenten Hans-Georg Brock eine Ausnahmegenehmigung. Ich bin in den letzten Jahrzehnten bei vielen Rosenmontagszügen mitgelaufen, aber ich würde nie auf einem Wagen mitfahren.

Warum nicht?

Weil man keinen Kontakt zu den Leuten am Fußweg hat. Ich habe keine Lust da oben als Geldprotz zu stehen und den Menschen am Straßenrad Sachen zuzuwerfen.

Waren Sie jemals auf einer Stunksitzung?

Nee, da werde ich auch nie hingehen. Ich habe es mir mal im Fernsehen angeschaut und schnell wieder abgeschaltet. Das ist nicht mein Ding. Dafür gucke ich mir gerne – was nicht jeder nachvollziehen kann Karneval aus Hessen oder Mainz an. Die Redner und die Musik mag ich lieber, als wenn mich Brings oder Cat Ballou bei einer Saal-Sitzung in Köln anschreien.

Schreckenskammer Köln: Dummse Tünn war oft zu Gast

Das Viertel rund um die „Schreckenskammer“ und St. Ursula war in den 1960er und 1970er Jahren berühmt-berüchtigt. Wie haben Sie das erlebt?

Dummse Tünn war oft zu Gast in der Schreckenskammer. Vor dem hatten alle Respekt. Jeder wusste, dass das ein Krimineller war. Aber er wurde hauptsächlich als Aufräumer im Viertel gesehen. Wenn es ein Problem mit rivalisierenden Gruppen gab, haben er und seine Kumpels das gelöst.

In dem Viertel zwischen Eigelstein und Bahnhof brummte auch das Sex-Geschäft, oder?

Genau. Sie müssen sich das in den 1960er Jahren so vorstellen: Die Strecke Eigelstein, Marzellenstraße, Ursulaplatz, Am Salzmagazin runter und über die Eintrachtstraße zum Eigelstein zurück, das war abends wie eine Prozession 5000 italienischer Gastarbeiter, die auf der Suche nach Sex waren. Da standen die Zuhälter am Rand der Trümmergrundstücke und kassierten die Männer mit 5 Mark ab. Deshalb gab es oft Razzien von der Sittenpolizei.

Stimmt es, dass Konrad Adenauer auch schon Gast der „Schreckenskammer“ war?
Ja, aber das war noch im alten Brauhaus an der Johannisstraße. Adenauer hat dort 1896 mit Freunden sein Abitur gefeiert. Seine Söhne kamen ab und zu mit ihren Familien ins Brauhaus. Heutzutage gehört Armin Maiwald von der „Sendung mit der Maus“ zu den Stammgästen.

Wie schaffen Sie es trotz Corona und der damit verbundenen Gastro-Krise so gute Laune zu haben?
Die Gastronomie-Leute – die Wirte, die Köbesse, die Service-Kräfte, die Köche und die Spüler – die sind mit ihrem Beruf ganz eng verbunden. Die jammern nicht, weil sie wissen, dass das nichts ändern würde.

Sie verwenden einen veralteten Browser. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um Ihren Besuch bei uns zu verbessern.