Ein Mann mit „Mondgesicht“, zwei angedrohte Bomben, eine Million Mark Beute – und dann die Flucht im Taxi. Was am Neumarkt vor gut 50 Jahren geschah, klingt wie ein Krimi. Und ist doch nur ein Kapitel der Geschichte des Hertie-Kaufhauses, das später der Neumarkt Galerie weichen musste. EXPRESS.de erinnert sich.
Der irre Fall „Mondgesicht“Bomben-Drohung im Kölner Hertie – eine Million Mark Beute

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Die Polizei fahndete 1975 nach dem Hertie-Überfall in Köln nach dem „Mondgesicht“.

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Montag (9. Juni 1975), kurz vor 11 Uhr: Ein unauffälliger Mann im blauen Popeline-Mantel betritt das alte Kaufhaus Hertie am Neumarkt an der Zeppelinstraße. Er kauft in der Kofferabteilung im Erdgeschoss einen braunen Plastikkoffer, fährt mit der Rolltreppe hinauf und geht zielstrebig ins Sekretariat der Chefetage. Dort gibt er sich als „Kriminalhauptkommissar“ aus, zeigt einen gefälschten Ausweis mit Lichtbild und verlangt, dringend den Geschäftsführer zu sprechen.
Vor Geschäftsleiter Hanns Beckers zieht der Mann dann eine Pistole – und gleich darauf zwei metallene Zylinder, die er als Bomben ausgibt. Mit einem kleinen Funkgerät, behauptet er, könne er sowohl diese als auch eine weitaus größere Sprengladung zünden, die er angeblich im Verkaufsraum des Erdgeschosses versteckt habe. Die Drohung ist unmissverständlich: Sollte irgendetwas dazwischenkommen, werde alles explodieren – und würde die Polizei gerufen, flöge das ganze Kaufhaus in die Luft.
Fette Beute in Köln: Einnahmen vom verkaufsoffenen Samstag und vom Freitag geklaut
Zehn Angestellte der Hauptkasse müssen den Kassenraum verlassen, nur der Chefkassierer bleibt damals zurück.
Gemeinsam mit Beckers muss er das Gitterfach hinter der Kasse öffnen und die kompletten Einnahmen zweier Tage herausgeben – eine Million Mark. Die Einnahmen vom verkaufsoffenen Samstag und vom Freitag davor waren noch nicht zur Bank gebracht worden, weil die Filiale auf den regulären Geldtransport am Montag wartete. Der Chefkassierer und ein weiterer Angestellter stopfen die Scheine gemeinsam in den braunen Plastikkoffer. Der Überfall dauert keine zehn Minuten, dann sperrt der Täter die beiden Männer im Tresorraum ein.
Kurz nach 11 Uhr verlässt er das Kaufhaus durch den Ausgang Neumarkt, den schweren Koffer in der Hand, und rempelt dabei eine Passantin an – die sich zwei Stunden später bei der Polizei meldet: „Das war er.“ Am Taxistand direkt am Neumarkt wirft er seinen Koffer in den ersten freien Wagen und gibt nur ein Ziel an: „Zum Hauptbahnhof.“
Zeugen beschreiben ihn übereinstimmend: knapp 1,70 Meter groß, dunkles, glattes Haar, ein „typisches Mondgesicht“, dazu blauer Mantel, blaues Hemd, blauer Hut und eine braun-blau gestreifte Krawatte.

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Zwei Zylinder aus Aluminium, 50 Millimeter hoch, gefüllt mit Zement, hatte der Täter dabei. Sprengstoff war nicht im Gefäß.
Am Hauptbahnhof packt er das Geld in einen zweiten Koffer um und lässt sich weiter nach Leverkusen-Wiesdorf fahren, steigt dort in ein drittes Taxi und erreicht schließlich den Flughafen Düsseldorf-Lohausen – während in Köln die Fahndung bereits läuft und sämtliche Taxifahrer verständigt sind.
Der damals ermittelnde Kriminaldirektor Franz Hochscherff bilanziert später: „Wir waren ihm auf der Spur, aber immer einen Schritt hinter ihm.“ Der Taxifahrer, der ihn zum Flughafen brachte, setzte ihn um 12.15 Uhr ab – und erfuhr erst über eine Stunde später, welch kostbare Fracht er transportiert hatte. Für eine wirksame Fahndung war es da längst zu spät.
Hertie-Coup in Köln bleibt bis heute ungesühnt
Ein Kuriosum am Rande: Ein völlig unbeteiligter Mann im blauen Mantel mit braunem Koffer geriet am Hauptbahnhof kurz unter Verdacht – bis eine Gegenüberstellung ergab, dass sein Gesicht „nicht rund genug“ war und sein Koffer keine Million enthielt.
Der Coup ging als bis dahin größter seiner Art in die Kölner Kriminalgeschichte ein: „Eine solche Beute hatte es bislang noch bei keinem Einbruch und bei keinem Raub gegeben“, so Hochscherff. Auf die Rückgabe des Geldes setzte das Kaufhaus eine Belohnung von 100.000 Mark aus.
Drei Jahre später wird die Kölner Polizei in Berlin auf einen Mann aufmerksam, der dort wegen eines Kaufhauseinbruchs in Haft sitzt. Die Indizien scheinen zu passen. Doch vor Gericht reicht es nicht: Selbst der Hertie-Chef, der den Erpresser am eigenen Schreibtisch erlebt hat, erkennt den Angeklagten nicht zweifelsfrei wieder. Der Hertie-Coup in Köln bleibt bis heute ungesühnt.
Hertie am Neumarkt in Köln: Vom Konsumtempel zur Bauruine
Das Hertie-Kaufhaus an der Zeppelinstraße, Ecke Neumarkt, war über Jahrzehnte einer der zentralen Anlaufpunkte der Kölner Innenstadt. Nach der Übernahme durch Karstadt wurde das Kaufhaus 1997 geschlossen und abgerissen.
Was dann folgte, ließ selbst hartgesottene Kölnerinnen und Kölner stutzen. Im Januar 1998 bot die Baustelle einen Anblick, der Investor Thomas Koerver von der TKB Beteiligungs-GmbH zu einem drastischen Vergleich greifen ließ: Die Ruine sehe aus „wie Beirut in seinen schlimmsten Tagen“. Rund 200 Bauleute arbeiteten an dem 280-Millionen-Mark-Projekt, das laut Koerver „wie eine Wundertüte“ war – „man findet jeden Tag etwas Neues, mit dem man nicht gerechnet hat“.

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Die Bauruine des ehemaligen Hertie-Komplexes am Neumarkt.
Auch im Spätsommer 1998, wenige Wochen vor der Eröffnung, herrschte auf der Baustelle noch Ausnahmezustand: Berge von Bauschutt, offene Decken, Männer, die im Halbdunkel hämmern, schrauben, verputzen – und sich nur noch brüllend verständigen können.
Am 7. Oktober 1998 war es dann so weit: Die Neumarkt Galerie öffnete ihre Pforten – als „Herz von Köln“ beworben, mit einem „Einkaufserlebnis der besonderen Art“.

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Eine elegant geschwungene Treppenkonstruktion dominiert den Innenhof der Neumarkt Galerie. Von hier aus erreichen die Besucher mit Aufzügen und Rolltreppen die Verkaufsebenen.
Bis zur letzten Minute wurde in den Ladenlokalen noch gesägt, gebohrt und eingeräumt, 15 der 65 Geschäfte wurden nicht rechtzeitig fertig. 300 Millionen Mark waren investiert worden, Glas, Marmor und Naturstein prägen den Neubau mit seiner markanten Glaskuppel.
Schon damals war auch die spätere Wahrzeichen-Skulptur Thema: die umgedrehte Eistüte von Claes Oldenburg, die als „Kunstwerk von Weltklasseniveau“ auf einem der Türme installiert werden sollte. Investor Koerver betonte, man werde sie „natürlich nicht durchsetzen“, falls sie auf massiven Widerstand stoße.

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Die bekannte Eistüte auf der Neumarkt Galerie.
Heute ist der „Dropped Cone“ nicht mehr wegzudenken – ein über zehn Meter hohes Wahrzeichen, dessen Spitze an die Kölner Kirchtürme erinnern soll.
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