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Auch Kinder dabeiSchockierende Lage in Köln – Franco schlägt Notstand-Alarm

Aktualisiert:

Der Streetworker Franco Clemens zeichnet ein düsteres Gesamtbild der sozialen Lage in Köln. Jetzt richtet er eine deutliche Forderung an Politik und Stadt.

Franco Clemens kennt die Schattenseiten Kölns wie kaum ein anderer. Als Streetworker mit jahrzehntelanger Arbeit in sozialen Brennpunkten hat er sich jetzt mit einer dringenden Forderung an die Politik und die Stadt Köln gewandt.

Franco hat dokumentiert, was viele lieber nicht sehen wollen: Im letzten Winter circa 45 Zelte, verteilt über die ganze Stadt, bewohnt von Menschen, die buchstäblich im Freien überleben und obdachlos sind. Das sind bei weitem nicht alle Lager – es gibt noch viel mehr.

Nicht nur Migranten – auch Kölsche, Frauen, Kinder

Franco ist unter anderem nebenberuflich für den Verein „Heimatlos in Köln e.V.“ tätig und hat einige der Obdachlosenlager systematisch aufgesucht und fotografisch dokumentiert.

Was ihn besonders bewegt: Rund 50 Prozent der Betroffenen seien Deutsche, darunter viele gebürtige Kölner. Der Rest komme größtenteils aus Osteuropa.

Erschreckend: Unter den Zeltbewohnern fand Franco auch Kinder und junge Erwachsene (unter 21 Jahre), die gemeinsam mit ihren Eltern dort leben, auch wenn das die große Ausnahme bleibt. Der Anteil von obdach- und wohnungslosen Frauen habe sich ebenfalls erhöht.

Eines der vielen Zelte in Köln, in dem Obdachlose Schutz suchen.

Copyright: Franco Clemens

Eines der vielen Zelte in Köln. Streetworker Franco Clemens dokumentierte ca. 45 Zelte in Köln – aber es gibt noch viel mehr.

Absichtlich nennt der Streetworker im Gespräch mit EXPRESS.de die genauen Standorte öffentlich nicht: Er befürchtet, das Ordnungsamt könne die Menschen dann umgehend vertreiben.

Entgegen gängiger Klischees seien Schwerstdrogenabhängige unter den Zeltbewohnern eine Minderheit. „Das Leben in der Natur ist hart und muss einigermaßen organisiert sein – gerade im Winter, wo der Kältetod droht“, erklärt Franco. „Einige der Betroffenen gehen sogar einer geregelten Arbeit nach.“

Camper in Autos, U-Bahnen, Hauseingängen

„Hinzu kommt eine weitere, kaum sichtbare Gruppe: Menschen, die in angemeldeten Pkw, Kleintransportern oder Bauwagen schlafen. Weil die Fahrzeuge unauffällig wirken, fallen sie kaum auf“, weiß Franco.

Dazu kommen Menschen, die in U-Bahnen, überdachten Einkaufspassagen, Hauseingängen, auf Baustellen und unter Rheinbrücken Schutz suchen.

Auch diese Zelte im Untergrund zeigen das Leid.

Copyright: Franco Clemens

Auch diese drei Zelte im Untergrund zeigen das Leid.

Ein weiteres Problem, das Franco scharf kritisiert: Wohnungslose würden von der Stadt teils in kommerziellen Hotels untergebracht – zu Kosten von 1600 bis 2000 Euro pro Person und Monat.

„Verdammt noch mal, da können wir eine ganze Wohnung mieten. Aber auch kaufen, denn selbst dann wären wir langfristig billiger dabei und eine Immobilie verliert nicht an Wert“, beklagt Franco.

Noch brisanter: Wer kurzzeitig ins Krankenhaus muss, verliert unter Umständen sogar sein Hotelzimmer. Ihm seien mehrere solcher Fälle bekannt. „Und dann geht der ganze Amtsweg, ein neues Hotelzimmer zu bekommen, von Neuem los, frisch aus dem Krankenhaus entlassen, erstmal wieder obdachlos“, erläutert Franco.

Normalverdiener, Rentner, Bürgergeldempfänger: Alle unter Druck

Franco zeichnet ein düsteres Gesamtbild der sozialen Lage in Köln. Steigende Mieten, explodierende Nebenkosten, Personalmangel in der Verwaltung, ein Sozialsystem unter Dauerdruck – und mittendrin immer mehr Menschen, die trotz Arbeit kaum über die Runden kommen.

Auch Rentner geraten laut Franco zunehmend in die Altersarmut: „Das Rentenniveau in Deutschland ist zu niedrig – gemessen an den Lebenserhaltungskosten, die wir heutzutage haben.“

Aus all diesen Gründen und Beobachtungen lautet Francos Kernforderung: Sozialer Notstand für Köln!

„Ich fordere, so wie der Klimanotstand erklärt wurde, die kommunale Ausrufung eines sozialen Notstandes, der alle politischen Entscheidungen nach dem Kriterium der sozialen Verträglichkeit hinterfragt.“

Franco Clemens zeigt Zeltlager in Köln und ruft den sozialen Notstand für Köln aus.

Copyright: privat

Franco Clemens zeigt Zeltlager in Köln und ruft den sozialen Notstand für Köln aus.

Konkret bedeutet das für ihn: Sozialer Wohnungsbau muss Vorrang bekommen, Genehmigungsverfahren müssen drastisch beschleunigt werden, Leerstände sollen konsequent beschlagnahmt werden – und alle kommunalen Kostensteigerungen sollen künftig auf ihre soziale Verträglichkeit geprüft werden.

Franco betont dabei, dass er überparteilich agiert und alle Ratsfraktionen ansprechen will: „Mein Anliegen ist es, die Bürgerschaft und ausdrücklich alle Ratsparteien aufzuwecken.“

Und er macht keinen Hehl daraus, wie ernst er die Lage einschätzt: „Die Ausrufung eines sozialen Notstandes wäre ein wichtiges Instrument zur Priorisierung der wirklichen Bedarfe – vor allem in der Prävention zwingend notwendig, um einer weiteren sozioökonomischen Ausgrenzung, Alltagskriminalität und politischer Radikalisierung der Bevölkerung entgegenzuwirken.“

Es treffe inzwischen nicht nur irgendwelche kleinen Randgruppen, sondern die Probleme seien in der Mitte der Bürgerschaft angekommen.

Wie ist eure Meinung zum Thema Obdachlosigkeit in Köln? Meldet euch bei uns! Oder schickt euren Kommentar direkt an matthias.trzeciak@kstamedien.de

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