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RTL-Experte wird deutlich„Mick sollte die Formel 1 endgültig abhaken“

Der ehemalige Formel-1-Fahrer und Kommentator Christian Danner in der neuen Formel 1 Ausstellung im Obex, am Dienstag den 21. Oktober 2025 in Oberhausen.

RTL-Experte Christian Danner in der Formel-1-Ausstellung in Oberhausen an seinem Arrows-BMW A8 aus der Saison 1986.

Christian Danner spricht im EXPRESS.de-Interview über den WM-Kampf und Mick Schumachers IndyCar-Abenteuer.

Christian Danner (67) ist das Orakel der Formel 1. Der RTL-Experte sagte in der Sommerpause im EXPRESS über den WM-Kampf: „Ich würde Max Verstappen nicht unterschätzen und abschreiben.“

Man bedenke: Da hatte der Weltmeister satte 104 Punkte Rückstand auf WM-Spitzenreiter Oscar Piastri. Aber er kämpfte sich heran. Vor dem vorletzten Rennen in Katar (Sonntag, 30.11.2025, 17 Uhr, Sky) liegt er gleichauf mit Piastri und nur noch 24 Punkte hinter Lando Norris.

„Die sind ja nicht blöd bei McLaren“

Auch die Cadillac-Fahrerwahl der erfahrenen Valtteri Bottas und Sergio Perez statt des von Haas aussortierten Mick Schumacher sagte Danner voraus und riet ihm schon im Oktober 2024: „Er soll nach Amerika in die IndyCar-Serie gehen. Da hätte er viel mehr Spaß und könnte sich eine neue Karriere aufbauen.“ Genau das tut Schumi junior jetzt. Hier kommt das neue Interview mit Orakel Danner.

Fühlen Sie sich durch Verstappen bestätigt oder sind Sie doch überrascht, dass McLaren ihm die Tür noch einmal aufgemacht hat?

Danner: Da gehören ja immer zwei dazu oder in dem Fall sogar drei. In dem Fall ist es so, dass der Verstappen seinen Job gemacht hat, nämlich wie er ihn immer macht: perfekt. Dadurch, dass ihm Red Bull wieder ein Auto hingestellt hat, das funktioniert. Und auf der anderen Seite das McLaren-Team respektive die Fahrer, die einige Fehler gemacht haben. Und so kommen solche Situationen zustande. Wenn man einen nie abschreiben sollte, ist das Max Verstappen.

Der plötzliche Speedverlust von Piastri gegenüber Norris war frappierend. Das muss doch mit einer Änderung am Auto zu tun haben, der verlernt doch nicht das Fahren?

Danner: Nein, natürlich hängt das mit dem Auto zusammen. Norris hat jetzt ein Auto, das er für sich und seinen Fahrstil braucht. Und das waren dann die zwei Zehntel, die er Piastri abgenommen hat. Und der kämpft jetzt auch mit seinem Vertrauen ins Auto. Das kann immer mal passieren, da steckt aber kein Vorsatz oder böser Wille vom Team dahinter. Es ist nicht so, dass sie Norris zum Weltmeister machen wollen.

Ist Piastri denn noch im Dreikampf drin oder läuft es auf ein Duell Norris gegen Verstappen hinaus?

Danner: Natürlich hat er an Boden verloren, aber durch die Doppel-Qualifikation von Las Vegas kurioserweise im Vergleich zu Norris profitiert. Er ist gleichauf mit Verstappen und damit noch drin im Dreikampf.

Und Norris bekommt nach seinem souveränen Sieg in Brasilien nun wieder das Nervenflattern. Spürt der den Verstappen im Nacken?

Danner: Ja, Norris hat in Las Vegas am Start einen Fehler gemacht. Das hat er auch selber zugegeben und das hat ihm den Sieg gekostet. Aber der zweite Platz war ja auch okay. Nur: Die 18 Punkte hat er verloren, weil das Team einen Fehler gemacht hat. Jeder macht Fehler, aber im WM-Endkampf ist es dann besonders sichtbar. Das war schon bitter.

Ist es fahrlässig von McLaren, wegen ein paar Millimeter weniger Bodenhöhe und etwas Abtrieb eine Disqualifikation zu riskieren?

Danner: Na ja, die paar Millimeter darf man nicht unterschätzen. Die sind ja nicht blöd bei McLaren. Die Bodenhöhe ist unglaublich wichtig für die Performance des Autos und wenn ich um den Sieg fahren will, muss ich am Limit operieren. Aber dass man sich mit dem Abrieb der Bodenplatte so verschätzt hat, zeigt, dass jemand bei McLaren einen großen Fehler gemacht hat. Wenn man die Höhe falsch einstellt, hat das nichts mit zu großem Risiko zu tun.

Ist Verstappen vom psychologischen her jetzt trotz 24 Punkten Rückstand sogar der Favorit? Im Vorjahr hat in Katar gewonnen.

Danner: Die psychologische Komponente wird in den entscheidenden beiden Rennen noch viel größer werden. Und zwar liegt sie auf dem Team und auf beiden McLaren-Fahrern, aber auch auf Verstappen. Nur hat er den Vorteil: Er hat das mit der WM schon viermal gut hingekriegt und sieht das alles wesentlich entspannter als Norris und Piastri und letztlich auch die McLaren-Verantwortlichen Zak Brown und Andrea Stella. Die sind in ihrer Funktion auch noch nie Weltmeister geworden. Deswegen ist da der Druck natürlich größer. Und das nutzt der Verstappen aus. Der lacht im Cockpit und macht sich über die anderen lustig, die auf Anweisung vom Team ihre Positionen tauschen müssen. Von daher hat Max einen psychologischen Vorteil.

Würden Sie auf einen Weltmeister Verstappen tippen?

Danner: Das kann man in dieser Situation nicht vorhersagen. Ich habe Anfang des Jahres gesagt: Mein Favorit ist Piastri. Da lag ich wie es momentan ausschaut knapp daneben. Ich glaube Norris hat immer noch die besten Karten. 24 Punkte Vorsprung ist immer noch 'ne Menge Holz. Da kann er, was seine Aggressivität angeht, schon ein bisschen sanfter rangehen. Punkte mitnehmen, das Ding nach Hause fahren und er ist auch Weltmeister. So wie es Nico Rosberg 2016 auch gemacht hat.

Damals gegen Lewis Hamilton. Der Rekordchampion bezeichnet sein Jahr bei Ferrari als Alptraum. Sollte er den Rat von Bernie Ecclestone annehmen und zurücktreten?

Danner: Ich bin sicher nicht in der Position, dem Lewis Hamilton zu sagen, wie er seine Zukunft gestalten soll. Aber eins ist klar: Er war Letzter im Qualifying, weil er in einer schwierigen Situation viele Fehler gemacht hat. Dadurch hat er Zeiten aberkannt bekommen. Ob man das als Alptraum bezeichnen muss, das lassen wir mal dahingestellt. Ich glaube, der braucht einen ordentlichen Reset und muss sich aufs Autofahren konzentrieren. Auch wenn das Team wie Ferrari funktioniert und nicht wie McLaren oder Mercedes. Damit muss er klarkommen. Er wird das System Ferrari nicht umkrempeln können. Das hat nur bei Michael Schumacher funktioniert, aber der hat ja auch Ross Brawn und Rory Byrne von Benetton mitgebracht. Das hat bei Sebastian Vettel nicht funktioniert, bei Fernando Alonso nicht und auch bei Alain Prost nicht. Hamilton wird da auf Granit beißen. Aber ich denke, er wird es 2026 noch einmal probieren mit den neuen Regeln.

Mick Schumacher hat Ihren Rat befolgt und wagt das Abenteuer IndyCar. Aber mit der Prämisse, in die Formel 1 zurückkehren zu wollen. Ist das noch realistisch?

Danner: Mick sollte die Formel 1 endgültig abhaken. Da hat er auch keine andere Wahl. Der beste IndyCar-Fahrer ist der Alex Palou, der hat die Meisterschaft viermal gewonnen und schafft es auch nicht in die Formel 1. Die Chancen, von der IndyCar in die Formel 1 zu kommen, sind ausgesprochen klein. Aber Gratulation an Mick, dass er so toll daran gearbeitet hat, dass er das, was ihm Spaß macht, auch jetzt durchgesetzt hat. Auch gegen einigen Widerstand aus seinem Umfeld. Das ist ein guter und mutiger Schritt, den er wagt. Ich drücke ihm die Daumen, dass er wieder gewinnt und Spaß am Rennfahren hat. Ich habe das auch gemacht und mir hat das sehr gutgetan.

Sie sprechen die Risikobewertung seines Onkels Ralf Schumacher an, der ja mit seinen zwei schweren Indy-Unfällen leidgeprüft ist.

Ja, deshalb sage ich: Hut ab. Wenn ein junger Mann etwas wirklich will, dann kann er sich auch gegen solche Widerstände durchsetzen. Das hat Mick bewiesen. Und die IndyCars sind ja wesentlich sicherer geworden. Das hat dazu geführt, dass selbst bei den Unfällen, die bei den hohen Geschwindigkeiten passieren, im Großen und Ganzen alles gut ging. Deshalb kann ich guten Gewissens sagen: Mick kann da unbeschwert zu neuen Erfolgen fahren.